HOME
Interview

Erbrechtsexperte: "Beim Erben gibt es meist keine Gewinner"

Stirbt ein reicher Verwandter, beginnt in vielen Familien der Streit ums Erbe. Von "Sandkastenkonflikten" spricht Ralf Mangold, Fachanwalt für Erbrecht. Doch nicht nur zankende Geschwister bringen Probleme, sondern auch Erbschleicher.

Trauergäste werfen Geldscheine in die Luft

"Ich habe mit Leuten zu tun, die ihre Sandkastenkonflikte übers Erbe lösen wollen", sagt Ralf Mangold, Fachanwalt für Erbrecht. 

Herr Mangold, bis man wegen Erbstreitigkeiten zu einem Anwalt geht, muss schon einiges passiert sein. Wer kommt zu Ihnen?
Am häufigsten streiten sich Geschwister. Regelmäßig habe ich mit Leuten zu tun, die versuchen, ihre Sandkastenkonflikte nun übers Erbe zu lösen. Der Klassiker ist, dass ein Geschwisterteil immer der dominantere Part war – und nun, nachdem die Eltern tot sind, will der bisher schwächere nicht mehr zurückstecken. Da geht es manchmal nur noch ums Prinzip. Wenn man sich unbedingt streiten will, kann man sich über alles streiten, auch über an sich wertlose Dinge, etwa ein paar Sammeltassen. Daneben gibt es auch relativ neue Phänomene, der Vorwurf der Erbschleicherei begegnet mir seit einigen Jahren zum Beispiel häufiger.


Reiche alte Menschen finden schnell Freunde?
Wenn die Erbtante von einem jüngerem Herrn umgarnt wird oder der verwitwete Vater von seiner Pflegerin, sind die Angehörigen oft beunruhigt. Die verschiedenen Landes-Heimgesetze verbieten es, dass Heim-Mitarbeitern von Senioren ein Erbe zugewendet wird, daneben gibt es aber eine relativ große Grauzone. Man muss aber auch fragen: Ist jeder Fall Erbschleicherei? Dass alte Menschen sich so über neue Kontakte freuen, hat auch mit Vereinsamung und Vereinzelung zu tun. Familien leben heute nicht mehr automatisch am selben Ort, die Menschen sind mobil und gehen häufig mehrere Beziehungen ein. Das macht das Erben komplizierter – und konfliktträchtiger. Streit ums Erbe gab es in Familien sicherlich immer schon, aber dass wir Anwälte ins Spiel kommen, ist neu. Früher ging man eher selten zu einem Juristen oder gar vor Gericht.


Anwälten wird auch der Vorwurf gemacht, Streitigkeiten gezielt am Köcheln zu halten, des eigenen Profits wegen.
Das mag es sicherlich geben. Ich gehe nur in etwa fünf Prozent der Streitigkeiten vor Gericht. Eine außergerichtliche Lösung ist immer die bessere Alternative. Prozesse dauern oftmals länger als ein Jahr, sie kosten nicht nur Zeit, sondern vor allem Nerven. Ein Mann sagte mal zu mir: Zeigen Sie's meinem Kontrahenten, seien Sie mal ganz böse. Ich sollte stellvertretend für ihn den Bösen spielen. Dieses Mandat habe ich abgelehnt. Es geht beim Erben nicht um die letzte Abrechnung. Meist gibt es keinen Gewinner, sondern im Idealfall einen halbwegs fairen Kompromiss. Ein Standardsatz von mir: Ein guter Vergleich muss beiden weh tun.