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Finanzen: Milliardenvergleich zwischen Investmentbanken und US-Behörden

Die US-Aufsichtsbehörden haben mit einem Vergleich im Gesamtvolumen von 1,4 Milliarden Dollar die Untersuchung von Betrugsvorwürfen gegen etliche Investmentbanken abgeschlossen.

Die Summe von 1,4 Milliarden Dollar ist laut den Aufsichtsbehhörden die höchste in der Geschichte der Wall Street. Drei Broker - die Citigroup-Sparte Salomon Smith Barney, die zur Credit Suisse gehörende CSFB und Merrill Lynch - legten im Zuge des Vergleichs Betrugsvorwürfe bei. Hintergrund der Ermittlungen sind Vorwürfe, Analysten hätten übertrieben positive Aktienempfehlungen abgegeben, um zusätzliche Geschäfte für die Investment-Sparten ihrer Arbeitgeber zu generieren.

Kaufempfehlung für Kindergartenplatz

Wall-Street-Staranalyst Jack Grubman hatte 1999 ganz andere Sorgen, als gute Ratschläge an Anleger zu verteilen. Wie schafft man es, Plätze für die jungen Sprösslinge im exklusivsten Kindergarten Manhattans zu ergattern? Grubman schaltete seinen Boss, Citibank-Chef Sanford Weill ein, der eine Millionenspende für die "92nd Street Y"-Krippe springen ließ. Die Kleinen bekamen die Plätze. Im Gegenzug kam Grubman seinem Chef, der in einem privaten Machtkampf Munition brauchte, mit einer Kaufempfehlung für AT&T- Aktien entgegen. Nach erfolgtem Deal kehrte Grubman zu seinem ursprünglichen Rat, die Aktien abzustoßen, zurück - alles belegt in E-Mails, die der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer im größten Skandal um Aktienempfehlungen an der Wall Street zu Tage förderte.

Analysten waren käuflich

Zusammen mit der Wertpapier- und Börsenkommission (SEC) und anderen Ermittlern sitzt Spitzer den Wall-Street-Firmen seit fast zwei Jahren im Nacken. Es geht um Kauf- und Verkaufsempfehlungen bei Aktien - die Quintessenz des Jobs, für den die Analysten Millionengagen erhielten. Doch ließen sie sich dabei oft von allem anderem als bestem Wissen und Gewissen leiten. Zehn Firmen haben für diesen Schwindel jetzt tief in die Tasche greifen müssen: 1,4 Milliarden Dollar kassiert die SEC und hat dazu eine Neuordnung der Geschäfte angeordnet, die die Industrie wie nie zuvor umkrempelt.

Gefälligkeiten für eigene Bankkunden

Da war neben Grubman zum Beispiel Henry Blodget, der bei Merrill Lynch mit seiner vermeintlich genialen Kenntnis der jungen Internet- Industrie zum Star wurde und vielen Anlegern als Guru für ihre Portfolio-Entscheidungen galt. Die SEC fand raus, dass Blodget in Wahrheit Aktien hochjubelte und zum Kauf empfahl, die er intern als Schrott bezeichnete. Mit gefälligen Kaufempfehlungen, so glauben die Ermittler, wollten die Banken sich lukrative Geschäfte mit den umschmeichelten Kunden im Investmentbanking-Geschäft an Land ziehen.

"Zeit Dokumente zu säubern"

Auch der ehemalige Star bei der Credit Suisse First Boston (CSFB), Frank Quattrone, ist tief gefallen. Vergangene Woche wurde er wegen Justizbehinderung angeklagt. "Es wird Zeit, die Dokumente zu säubern", schrieb Quattrone laut Ermittlungen der Fahnder im Dezember 2000 in einer E-Mail an Mitarbeiter. Kurz zuvor soll er Wind von einer bevorstehenden Untersuchung bekommen haben. Dabei ging es darum, ob CSFB bei der Vorbereitung von Börsengängen begehrte Aktienzuteilungen für eigene Kunden reservierte.

Trotzdem kein Schuldeingeständnis

Alle drei haben keinerlei Schuld eingeräumt. Die SEC hat Grubman dennoch im Gegenzug für einen Klageverzicht 15 Millionen Dollar abgeknöpft, Blodget muss vier Millionen Dollar zahlen. Beide dürfen nie wieder im Wertpapiergeschäft tätig werden.

Wunsch nach Rache

Die Exzesse passierten in den beispiellosen Boomjahren an den Aktienbörsen, als die Ersparnisse der Kleinanleger mit nie gekannten Wachstumsraten explodierten und die Analysten mit fetten Bonus-Schecks absahnten. Mit dem dramatischen Kursverfall ist das schnelle Geld bei vielen Anlegern auf ein Nichts geschmolzen, die Enttäuschung ist mindestens so groß wie der Wunsch nach Rache.

Jetzt drohen private Klagen

Mit dem Milliardenvergleich sind die Ermittlungen der Aufsichtsbehörden gegen die Firmen eingestellt, doch drohen jetzt private Klagen, und auch für die Analysten ist die Kuh damit noch nicht vom Eis. "Das ist eine Riesensache", sagte Anwalt Mark Raymond, der eine Reihe von Klagen gegen Merril Lynch & Co betreut, dem «Wall Street Journal». "Die Investoren sind bis heute schwer enttäuscht, dass Einzelpersonen nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind." Zahlreiche Klagen sind bereits anhängig. Branchenkenner halten es nicht für ausgeschlossen, dass geprellte Anleger vor Gericht noch mehrere Milliarden Dollar erstreiten könnten.

Staatsanwalt will Unterlagen veröffentlichen

Trotz der Einigung könne es weitere Untersuchungen gegen einzelne Analysten geben, sagte New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer. "Mein Büro setzt verschiedene Untersuchungen fort, wie es auch die SEC und NASD tun." Anwälte gingen davon aus, dass die Behörden zudem zahlreiche Dokumente und E-Mails veröffentlichen würden, die ein Fehlverhalten der Analysten und Investmentbanker untermauern sollen. Es wird erwartet, dass dies zu einer neuen Welle von Zivilklagen führen könnte, die die Banken weit mehr kosten könnte, als in dem Vergleich vereinbart. "Wir reden über Dutzende Milliarden Dollar bei zukünftigen Verfahren", sagte ein Klägeranwalt.

'Keine wirkliche Bestrafung'

Unzufrieden über die Einigung äußerte sich der republikanische Senator Charles Grassley. Er habe die Sorge, dass die Firmen ein Drittel oder noch mehr über Steuernachlässe und Versicherungen wieder reinholten. Da komme viel weniger raus als 1,4 Milliarden Dollar. "Das ist keine wirkliche Bestrafung", sagte Grassley.

Deutsche Bank nahm nicht teil

Die ebenfalls beschuldigte Deutsche Bank nahm an dem Vergleich nach früheren Angaben nicht teil, da die Bank bestimmte von den Aufsichtsbehörden angeforderte Dokumente bislang nicht beibringen konnte. Im vergangenen Dezember waren die Deutsche Bank und andere Investmenthäuser mit einer Strafe von insgesamt mehr als acht Millionen Dollar belegt worden, weil sie E-Mails nicht ordnungsgemäß archiviert hatte.