Fünf Jahre Euro 14 Milliarden Mark Wehmut


Seit exakt fünf Jahren ist der Euro das ausschließliche Zahlungsmittel in beinahe ganz Europa. Trotzdem: Ein kleines, aber reiches Land will sich nicht von seiner D-Mark trennen - und hortet in Münzgeld 45 Prozent des ausgegebenen Bestandes.
Von Tim Braun

Ist das wirklich eine Bank? In der Empfangshalle herrscht gähnende Leere. Nur die Kameras und die vier Sicherheitsleute - zwei hinter Glas und zwei stehend in der Halle - erwecken den Eindruck, dass es hier irgendetwas zu bewachen gibt.

Ein Wachmann steht am Aufzug und wenn man angibt, in die Geschäftsräume der Deutschen Bundesbank zu wollen, drückt er für den Besucher auf die Tasten, die den Lift vom Erdgeschoß das richtige Stockwerk befördern. Im zweiten Stock sind die Schalterräume; U-förmig umgibt die Angestellten eine durchgehende Wand aus Panzerglas.

Geliebte alte Mark

Nur vereinzelt betreten Kunden den spärlich eingerichteten Raum, der auch durch seine Neonröhren-Beleuchtung ahnen lässt, dass hier nicht um Girokonten, Bausparverträge und Investmentfonds geht. Die Kunden kommen trotzdem. Schließlich wollen sie ihre Annette von Droste-Hülshoffs, Balthasar Neumanns, Clara Schumanns oder gar Grimms loswerden. Die Abbildungen dieser deutschen Dichter und Musiker zierten die 20-, 50-, 100- und 1000- Mark-Scheine. Sie gaben bis zum 1. Januar 2002 den Ton an in Deutschland und verstummten vor genau fünf Jahren. Seit dem 1. März 2007 gehen in 13 Ländern Europas nur doch die Euro-Scheine mit architektonischen Baubeispielen aus verschiedenen Epochen über den Tisch.

Dennoch: Vom Klang vergangener Zeiten ist mehr geblieben als ein schwacher Herzton im Gemüt ehemaliger D-Mark- Besitzer. Immer noch trauern die Deutschen ihrem Geld hinterher. Glaubt man aktuellen Umfragen, hätten 60 Prozent der Bundesbürger ihre D-Mark am liebsten wieder zurück. Und diese Wehmut ist sicher ein Grund dafür, dass nach Angaben der Bundesbank immer noch rund 14 Milliarden D-Mark in den Wohnungen von Garmisch-Partenkirchen bis Flensburg schlummern. Das sind zwar nur fünf Prozent des gesamten Bargeldumlaufs des Jahres 2000. Aber die rund sieben Milliarden D-Mark Münzgeld entsprechen immerhin 45 Prozent des damaligen Münzumlaufs.

Ungeahnte Schätze

Eine gewaltige Summe. In der Hauptverwaltung der Bundesbank in Hamburg kommt ein kleiner Teil der Pfennig- und Markstücke in dickbäuchigen Plastiktüten an. Oder in Schatullen, Kästchen oder auch Reisetaschen. Abgesehen von der Liebe, die die Deutschen ganz bewusst an ihrem Schatz festhalten lässt, stammt die beträchtliche Summe von bis zu einer Million D-Mark, die durchschnittlich pro Tag in Deutschland umgetauscht wird, nicht selten aus unvermuteten Quellen.

Den Hinweisen zufolge, die die Bundesbank beim Umtausch sammelt - ab 30.000 Mark wird die Angabe der Herkunft sogar verpflichtend - taucht der Geldsegen bei Umzügen oder Aufräumaktionen auf, wird bei Nachlässen entdeckt oder steckt in Kleidern oder Taschen. So wie bei Fred Suelflow, 65 Jahre, "international tätiges Hand- und Fotomodell" aus Hamburg. Er hat soeben acht Mark 67 Pfennige umgetauscht. Er wollte nur einmal sehen, wie das funktioniert, sagt er. "Nächste Woche komme ich mit einem ganzen Koffer wieder."

112 Kunden kamen im Februar pro Tag durchschnittlich in die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hamburg, um hier ihre Restbestände an D-Mark einzutauschen - 38.000 Mark gehen so innerhalb der sechs Stunden, die die Bank für den öffentlichen Kundenverkehr geöffnet hat, Tag für Tag über den Tresen. Bundesweit sind es täglich zwischen 800.000 bis eine Millionen Mark, die D-Mark-Besitzern zum festen Wechselkurs von 1,95583 D-Mark für einen Euro umgetauscht werden. Die Scheine werden vor Ort geschreddert und enden als Altpapier. Die Münzen werden mit Walzen entwertet und eingeschmolzen. Aus den Ein- und Zwei-Pfennig-Stücken werden neue Münzen geprägt - sie dienen als Rohstoff für andere Währungen.

D-Mark als Zahlungsmittel zahlt sich aus

Und trotzdem: "Die Deutschen sind nicht in Eile, sich von ihrer Mark zu trennen", sagt der Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber. Denn die Zentralbank hat den gebührenfreien Umtausch der Mark für unbegrenzte Zeit garantiert. Einige Unternehmen haben geschickt reagiert auf den Mark-Konservatismus der Deutschen und deren Zurückhaltung beim freudlosen Tausch. Es lohnt sich. Die alte Währung lässt bei C&A auch heute noch die Kassen klingeln. Nach eigenen Angaben hat der drittgrößte deutsche Textilhändler seit November 2003 mit der Aktion "Auf Mark und Pfennig" 42 Millionen Mark eingenommen. "Es ist ein Service für die Kunden und ein gutes Werbethema", sagt C&A-Sprecher Thorsten Rolfes.

Die Telekom hat bei einer Sonderaktion im Sommer 2005 Münzen an öffentlichen Fernsprechern sogar im Verhältnis 1 Mark zu 1 Euro entgegengenommen - somit kosteten die Gespräche nur halb so viel wie bei der Bezahlung mit Euro. Inzwischen ist das Verhältnis aber dem offiziellen Wechselkurs angepasst. "Die Aktion war ein Marketing-Gag, der sich gelohnt hat", sagt der Sprecher der Telekom-Tochter T-Com, Rüdiger Gräve, mit Blick auf die Umsatzsteigerung.

Bei Kaufhof kann man in großen Filialen wie Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und München mit Mark zahlen, allerdings muss man Scheine und Münzen an der Zentralkasse in Euro wechseln. Und auch kleinere Geschäfte wie Apotheken oder Metzgereien nehmen häufig noch D-Mark an. Der Mehraufwand ist gering, weil die Händler ebenfalls kostenfrei bei den Landeszentralbanken umtauschen können. Und da treffen sie dann auf die Wachmänner im Erdgeschoß. Die drücken auf die Tasten und geben den Weg in die Schalterhalle im zweiten Stock frei. Und vielleicht steht dort gerade Fred Suelflow und tauscht seinen Koffer voller D-Mark ein.


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