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Gericht: Klagewelle gegen Telekom läuft bis zur letzten Sekunde

Tausende fordern ihr Geld zurück: Rechtzeitig vor der Verjährungsfrist haben Kleinaktionäre Klagen gegen die Telekom wegen ihres umstrittenen dritten Börsengangs eingereicht.

Die Telekom-Aktionäre wollen ihr Geld aus dem dritten Börsengang der Telekom im Jahr 2000 zurück, weil der Aktienkurs seither drastisch gesunken ist. Sie hoffen, dies durch eine Prospekthaftungsklage zu erreichen. Nach Auskunft des Landgerichts waren bis Montagmittag insgesamt etwa 500 Klagen eingegangen, mit etwa 20-30 Klägern in jedem Verfahren. Womit über 10.000 Telekom-Aktionäre vor Gericht gezogen sind. Eventuelle Ansprüche aus dem dritten Börsengang der Telekom, bei dem der Bund seine bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau geparkten Telekom-Aktien für einen Ausgabepreis von 66,50 Euro zu Gunsten der Staatskasse verkaufte, verjähren am (heutigen) Montag, 24.00 Uhr.

Klage unterbricht Verjährung

Die Klage ist eine Möglichkeit, den Ablauf der Verjährung zu unterbrechen. Seit Monaten sammelten mehrere Anwaltskanzleien Klagewillige, um mit ihnen vor Gericht zu ziehen. Dies ist für den Kläger zwar mit einem erheblichen Kostenrisiko verbunden. Der Bundesgerichtshof hat aber erst am vergangenen Mittwoch entschieden, dass Rechtsschutzversicherungen das Kostenrisiko für derartige Klagen übernehmen müssen. Die Telekom und der Bund hatten die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Der Börsengang hatte damals rund 15 Milliarden Euro in die Staatskasse gespült. Nach Einschätzung beteiligter Klagevertreter wird es bis zu einem ersten Verhandlungstermin beim Landgericht mindestens ein halbes Jahr dauern.

Billiger: Einleitung eines Schlichtungsverfahrens

Ein weitaus billigerer Weg, die Verjährung zunächst wenigstens für sechs Monate ruhen zu lassen, ist die Einleitung eines Schlichtungsverfahrens bei der Hamburger Öffentliche Rechtsauskunft und Vergleichsstelle ÖRA. Dazu raten auch die Schutzorganisationen der Kleinaktionäre. Sollte die Bonner Staatsanwaltschaft, die seit fast drei Jahren wegen des Verdachts falscher Angaben im Emissionsprospekt für den dritten Börsengang ermittelt, in dieser Zeit Anklage erheben, stiegen nach Ansicht von Juristen die Chancen auf Schadenersatz durch einen möglichen Vergleich, den die Telekom bisher ablehnt. Wie viele Anträge in Hamburg eingangen sind, war zunächst nicht zu erfahren, da bei der ÖRA die Telefone offensichtlich heiß liefen.

Keine Stellungnahme seitens der Telekom

Die Telekom wollte zu der Klageflut nicht im Einzelnen Stellung nehmen. Eins Sprecher verwies am Montag auf Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Kai-Uwe Ricke, der Börsenprospekt habe alle verfügbaren relevanten Daten erhalten und sei richtig gewesen. Deshalb habe der Telekom-Vorstand auch eine Aussetzung der Verjährung nicht beantragt. Der Telekom-Aktie tat das durch die Anwälte erzeugte Interesse gut. Sie legte Montag bis gegen Mittag um fast zwei Prozent zu und stand bei über 12,30 Euro.

Klagen kamen in Waschkörben

In einem Dutzend Wäschkörben brachte die Wiesbadener Kanzlei Doerr, Kühn, Plück und Thoeren am Montag rund 1.500 weitere Klagen zum Frankfurter Landgericht. Damit vertritt die Kanzlei nunmehr rund 5.500 Anleger, die zusammen rund 24 Millionen Euro für die Telekom-Aktien gezahlt hatten. In einer 130 Seiten umfassenden Begründung werfen die Kläger der Telekom 27 Fehler im Börsenprospekt vor, darunter etwa die überhöhte Bewertung des Immobilienvermögens.

Telekom jetzt vergleichsbereit?

Rechtsanwalt Ralf Plück sagte, er sehe weiterhin die Möglichkeit eines Vergleichs mit der Telekom. Mit dem Eintreten der Verjährung am Montagabend habe die Telekom nun auch einen Überblick, um welches Volumen es gehe. Zugleich betonte er, dass es sich bei den Klägern um Kleinanleger handele, die im Schnitt damals 50 Aktien gekauft hätten. Darunter seien auch viele Renter, denen vermittelt worden sei, sie könnten mit den Aktien risikolos ihr Erspartes anlegen.

Genaue Anzahl immer noch unklar

Die Wiesbadener Kanzlei hat nach eigenen Angaben die meisten Mandanten in dieser Angelegenheit, allerdings gebe es weitere Kanzleien, die gegen die Telekom vorgingen. Das Frankfurter Landgericht ist nach Angaben von Plück wegen einer Regelung im Aktienrecht bundesweit zuständig. Das Gericht selbst konnte am Montag noch nicht sagen, wie viele Klagen insgesamt eingegangen sind. Weitere rund 3000 Anleger hatten sich bis Freitag an die Öffentliche Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle in Hamburg gewandt, womit ebenfalls die Frist gewahrt ist.