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GESPERRT! Geldanlage Lebensversicherung: "Professionell langweilig sein"

Die Lebensversicherung ist die liebste Vorsorge der Deutschen. Aber wie sicher ist das Geld angelegt? Sehr sicher, sagt Allianz-Deutschland-Chef Gerhard Rupprecht. Der stern hat kritisch nachgefragt.

Herr Rupprecht, welche Frage wird den Allianz-Vertretern in diesen Tagen am häufigsten gestellt?

Das ist die Frage: Wie sicher ist es, in meine Lebensversicherung zu investieren?

Und wie lautet die Antwort?

Es gibt nichts Sichereres für die Altersvorsorge als die Lebensversicherung.

An dieser Antwort hat sich in der Finanz- und Wirtschaftskrise nichts geändert?

Nein.

Steht den Menschen zurzeit überhaupt der Sinn danach, eine Versicherung abzuschließen?

In Zeiten, in denen die Leute verunsichert sind, tun sie sich etwas schwerer, sich für sehr langfristige Verträge zu entscheiden. Aber es gibt keine Alternative zur privaten Altersvorsorge. Ich glaube, dass gerade jetzt die klassische Lebensversicherung eine Renaissance erleben wird. Denn es ist klar geworden, dass es langfristig am meisten auf die Sicherheit ankommt.

Die einzige Versicherung, die wir alle ganz dringend brauchen könnten, ist eine Versicherung gegen die Krise. Aber die hat ja noch nicht einmal die Allianz im Angebot - oder?

Na, doch. Natürlich nicht für die Gesamtwirtschaft, aber für den Einzelnen ist die Lebensversicherung eine gewisse Versicherung gegen die Krise. Trotz aller Turbulenzen können wir unseren Versicherten eine laufende Verzinsung von 4,5 Prozent gutschreiben. Die Lebensversicherung hat sich bisher in der Krise gut behauptet.

Bisher. Wie gefährlich kann die Finanz- und Wirtschaftskrise für die Lebensversicherten noch werden?

Die Lebensversicherung galt vielen immer als ein bisschen langweilig. Jetzt zeigt sich aber, dass es eine große Kunst ist, professionell langweilig zu sein. Denn unsere Aufgabe ist es, die Kunden vor jeglichen Aufregungen auf dem langen Weg zur Rente zu schützen. Das erreichen wir durch die langfristige Garantie, die wir den Versicherten geben. Und jeder verantwortungsvolle Lebensversicherer wird darauf achten, dass er die Garantien mit seinen Anlagen auf Dauer erfüllen kann.

Aber wie geht das?

Wir sind nicht in irgendwelche Kapitalanlagen gegangen, die vielleicht hohe Renditen versprochen haben, bei denen aber vergessen wurde, dass hohe Renditen nur zu erzielen sind, wenn ein hohes Risiko eingegangen wird.

Die Finanzbranche predigt die Vorteile der privaten Vorsorge, bei der Kapital angespart wird. Müssen wir uns jetzt nicht glücklich schätzen, dass wir immer noch einen großen Anteil über die gesetzliche Rentenversicherung bestreiten, bei der die aktiven Arbeitnehmer die Rentner finanzieren?

In Deutschland haben wir die Rolle der Lebensversicherung immer so verstanden, dass sie die gesetzliche Rente ergänzt und im Lauf der Zeit auch teilweise ersetzt. In anderen Ländern war die Lebensversicherung dagegen viel kurzfristiger ausgerichtet und auf den steuerbegünstigten Renditegewinn orientiert. Es wäre geradezu paradox, aus der Krise den Schluss zu ziehen, wieder ausschließlich auf die gesetzliche Rente zu setzen. Denn die Versprechen im Umlageverfahren sind nichts anderes als eine verdeckte Staatsverschuldung. Und die steigt gerade schon massiv.

Viele Ihrer großen ausländischen Konkurrenten sind inzwischen auf Staatshilfe angewiesen. Warum sollen eigentlich die deutschen Unternehmen stabiler sein?

Sie meinen zum Beispiel die AIG.

Die große amerikanische Versicherung, die lange Zeit auch ein Vorbild für die Allianz war.

Verantwortlich für den Niedergang der AIG ist nicht das traditionelle Versicherungsgeschäft. Man hat geglaubt, die guten Ergebnisse aus dem Versicherungsgeschäft benutzen zu können, um noch ein paar unnötig riskante Überrenditen erzielen zu können.

Was sind denn Überrenditen?

Wie der Name sagt: Überrenditen sind "über" dem normalen Maß. Wir waren schon immer extrem skeptisch, wenn uns jemand erzählt hat, wir könnten langfristig Überrenditen erzielen. Das geht ein, zwei Jahre, aber wir haben einen Anlagehorizont von 10 oder 20 Jahren. Da brauchen wir eine ordentliche, aber vor allem eine sichere Rendite.

Die deutschen Lebensversicherungen sind mit rund 700 Milliarden Euro einer der größten Investoren am hiesigen Kapitalmarkt. Wie ist dieses Geld angelegt?

Es ist zurzeit zum allergrößten Teil in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Die Allianz Leben hat rechtzeitig, muss man im Nachhinein sagen, die Aktienbestände ungefähr halbiert. Wir haben noch bei einem Dax-Stand von durchschnittlich 7000 Punkten verkauft.

Lassen Sie weiter die Finger von Aktien?

Wir haben nicht den Glauben an die Aktienanlage verloren. Sobald sich die Verhältnisse stabilisieren, werden wir auch wieder in Aktien investieren. Denn auf Dauer kommt es für einen Lebensversicherer darauf an, das Geld nicht nur vermeintlich sicher anzulegen, sondern auch so, dass es einen dauerhaften Mehrwert schafft. Wir wollen nicht nur einfach dem Staat Geld leihen, sondern auch denen Geld geben, die etwas daraus machen. Wir sind also daran interessiert, in gute Unternehmen zu investieren. Deswegen kaufen wir auch Unternehmensanleihen.

Viele Deutsche setzen wieder auf Sachwerte wie Immobilien.

Wir haben den Immobilienanteil schon seit Längerem stark gesenkt. Er beträgt heute nur noch rund drei Prozent. Die Demografie sagt uns, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2050 um etwa 15 Millionen zurückgehen könnte. Das wird sich auch auf den Immobilienmarkt auswirken und dort in der Breite nicht die Erträge bringen, die wir brauchen, um unseren Kunden auskömmliche Renten bezahlen zu können.

Manche Anleger suchen ihr Heil auch im Gold …

... das kommt für uns nicht infrage, weil es keine laufenden Erträge bringt. Da ist es viel vernünftiger, in alternative Energien zu investieren. Die Allianz beteiligt sich zum Beispiel an Windparks oder an der Wasserversorgung. Das sind für uns Zukunftsthemen.

Das meiste Geld der Versicherungen steckt nach wie vor in Zinspapieren. Wie sicher sind diese Anlagen?

Sehr sicher. Das sind Papiere mit Investment Grade, die nur ein geringes Ausfallrisiko haben.

Kann man sich denn auf solche Bewertungen von Ratingagenturen noch verlassen?

Wir verlassen uns nicht nur auf die Ratingagenturen. Zur Allianz gehört mit Pimco der größte Investor für Zinspapiere. Da setzen wir sehr stark auf die eigene Expertise. Pimco hat schon sehr früh vor den Problemen am amerikanischen Hypothekenmarkt gewarnt.

Gibt es - ähnlich wie bei den großen Banken - auch bei den Versicherungen "toxische", also weitgehend wertlose Papiere in den Depots?

Über die Konkurrenz kann ich nichts Konkretes sagen ...

... und stecken in den Depots der Allianz-Lebensversicherung vergiftete Papiere?

Nein, nein.

Als die Bundesregierung die Hypo Real Estate (HRE) gerettet hat, wurde dies auch damit begründet, dass eine Pleite gravierende Folgen für die Altersvorsorge haben würde, weil Versicherungen in Pfandbriefen der HRE und anderer Institute anlegen. War hier Gefahr im Verzug?

Es ist richtig, dass der Pfandbrief - das ist ja eine deutsche Erfindung - eine der wichtigsten Kapitalanlagen der Lebensversicherer ist. Wir sind auch nach wie vor der Überzeugung, dass das eines der sichersten Anlageninstrumente überhaupt ist. Denn es gibt eine besondere Sicherungsmasse ...

... etwa eine Immobilie, die im schlimmsten Fall verwertet werden könnte.

Diese Vermögenswerte werden nach einer sehr strikten Regulierung auf ihre Werthaltigkeit überprüft. Das unterscheidet sie von vielen Papieren, die jetzt als toxisch gelten.

Dann hätte die Bundesregierung die HRE also gar nicht retten müssen?

Die Gefahr war noch eine andere. Es ging auch um die psychologische Wirkung. Ein Vertrauensverlust in den deutschen Pfandbrief hätte zu hohen Kursverlusten führen können. Deswegen hat sich auch die Versicherungswirtschaft am Rettungspaket beteiligt.

Gute Lebensversicherungen schreiben ihren Kunden eine Gesamtverzinsung von über vier Prozent gut. Wie ist das möglich, wenn doch die kurzfristigen und die langfristigen Zinsen deutlich gesunken sind?

Die Rendite, die wir mit unseren Anlagen erzielen, entsprechen natürlich nicht den jeweils aktuellen Zinsen am Kapitalmarkt.

Sie haben also noch viele Papiere mit einer Zinsausschüttung von vier oder fünf Prozent im Depot?

Genau. Deshalb können wir noch mehr bezahlen als den derzeitigen Marktzins. Außerdem achten wir darauf, dass wir genug Rückstellungen für die Gewinnbeteiligung unserer Kunden bilden. Sinken die Zinsen, können wir auf diese Mittel zurückgreifen, die wir in guten Zeiten für unsere Kunden zurückgelegt haben.

Aber jetzt rücken Sie einen Teil dieser Rücklagen heraus, um die Verzinsung hoch halten zu können?

Natürlich, genau dafür haben wir die Rücklagen ja. Das Geld darf nur für die Kunden verwendet werden.

Kunden, die ihre Lebensversicherung zwischen 1995 und 2000 abgeschlossen haben, erhalten einen Garantiezins von vier Prozent. Wie können Sie das auf Dauer bieten?

Im Durchschnitt aller Verträge beträgt die Garantieverzinsung 3,3 Prozent. Dieses können wir noch eine ganze Reihe von Jahren durchhalten, selbst wenn wir laufend weniger als 3,3 Prozent verdienen würden. Dafür haben wir die erwähnten Reserven gebildet. Die Allianz Leben, die in Stuttgart angesiedelt ist, hält es da mit dem schwäbischen Spruch: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.

Wie lange kann so etwas gut gehen?

Wenn die Zinsen langfristig unten bleiben, dann schlägt das natürlich auf die Gewinnbeteiligung durch. Das ist unvermeidlich. Der Sinn der Gewinnbeteiligung ist nicht, hohe nominale Renditen zu erzielen, sondern immer deutlich über der Inflationsrate zu liegen. Bei null Prozent Inflation wäre auch ein Zins von zwei bis drei Prozent immer noch eine schöne Realverzinsung.

Aber wer einen Garantiezins von vier Prozent hat, müsste mehr bekommen als derjenige, der später einen Vertrag abgeschlossen hat und dem nur 2,25 Prozent Garantie zustehen.

Dazu könnte es im Extremfall kommen, so ist das in den Verträgen ja auch vereinbart. Normalerweise behandeln wir aber alle Kunden gleich.

Die Staaten machen jetzt irrwitzig hohe Schulden, um die Banken zu retten und die Konjunktur anzukurbeln. Sind Staatsanleihen da noch eine gute Anlage?

Wir müssen immer schauen, wie die Staaten, denen wir das Geld leihen, es einsetzen. Wenn sie keinen Mehrwert schaffen, nützt uns das nichts. Das wäre so, als ob wir das Geld unter die Kopfkissen stecken und warten, dass es die Geldentwertung auffrisst. Einem Staat, der die Gewähr bietet, dass er in Infrastruktur investiert, dass er die Wirtschaft wirklich ankurbelt, dem Geld zu geben ist gut investiert. Wo wir befürchten müssen, dass der Staat nur den Konsum fördert, bei dem können wir uns als Langfristanleger, die wir für Renten in 20, 30 Jahren sorgen müssen, nicht engagieren.

Viele Verbraucher fühlen sich von ihren Bankberatern schlecht beraten, weil sie ihnen riskante, unverständliche und teure Produkte verkauft haben, die jetzt stark an Wert verloren haben. Haben es die Versicherungsleute besser gemacht?

Wir sind doch immer geprügelt worden, unsere Renditen seien nicht hoch genug. Wir verkaufen Sicherheit, also zum Beispiel Rentenversicherungen, Riester-Verträge oder Basisrenten. Da sind unsere Vertreter gar nicht in Versuchung geführt worden, Versprechungen zu machen, die nicht einzulösen sind.

Aber erweisen sich jetzt nicht fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherungen für viele Vorsorgesparer als ähnlich problematisch wie viele Zertifikate?

Nein, das glaube ich nicht. Es kommt immer darauf an, wie der Kunde beim Verkauf beraten wird. Das kann nur so gehen, dass derjenige, der höhere Renditen haben will, niedrigere Garantien erhält als bei einer klassischen Versicherung. Wenn der Vertreter das dem Kunden klar sagt und dieser entscheidet sich bewusst für die fondsgebundene Alternative, dann ist das in Ordnung.

Trotzdem sorgen sich jetzt viele Versicherte um ihre Altersvorsorge, weil die Fonds dramatisch an Wert verloren haben.

Klar ist, dass bei der heutigen Volatilität fondsgebundene Versicherungen nur bedingt dem Ziel dienen, eine möglichst sichere Rente zum Auszahlungsbeginn zu bekommen. Und das ist ja der eigentliche Zweck unseres Geschäfts. Ich meine: Wenn wir uns von der Fondsbranche nicht dadurch unterscheiden, dass wir in erster Linie Sicherheit verkaufen, dann haben wir unseren Geschäftszweck verfehlt. Jeder, der mehr Rendite will und auf Sicherheit verzichtet, kann andere Anlageprodukte kaufen.

Sie sind promovierter Mathematiker. Haben zu viele Finanzexperten Formeln für Naturgesetze gehalten?

Ja. Verantwortlich dafür ist die falsch verstandene Sucht der Menschen nach Sicherheit. Bandbreiten haben nicht gereicht. Es musste immer eine genaue Zahl sein.

Es gibt eine Sucht nach Sicherheit?

Ja.

Aber sind dann die Versicherungen nicht die Dealer?

Nein. Wir machen durch unser ständiges Handeln aus Unsicherheiten Sicherheiten. Das ist die Kunst. Wir müssen uns immer darauf einstellen, dass es nicht so kommt, wie wir es vorausgesehen haben. Dann erfüllt eine Versicherung ihren Zweck.

Verraten Sie uns zum Schluss noch: Wie legen Sie selbst Ihr Geld an?

Mein eigenes Geld?

Ja.

Eigentlich genauso wie die Allianz. Auch ich bin ein vorsichtiger Anleger. Es lohnt sich nicht, wenn man langfristig ordentlich verdient, unnötige Risiken einzugehen.

Also nur festverzinsliche Papiere?

Nein, ich lege auch Geld in Aktien an. Einen noch tieferen Einblick in mein Depot möchte ich hier nicht geben. Nur so viel: Knock-out-Zertifikate würde ich auf keinen Fall kaufen.

Interview: Frank Donovitz und Lorenz Wolf-Doettinchem / print