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Inflation: Wie der Staat profitiert

Benzin, Heizöl und Lebensmittel sind dramatisch teurer geworden. Nichts verunsichert die Deutschen mehr als die steigenden Preise. Dem Staat nützt die Geldentwertung auch: Drei Prozent Inflation bedeuten, dass die Schulden 45 Milliarden Euro weniger wert sind.

Von Axel Hildebrand

Die Inflation ist zurück. Der einzelne Euro ist immer weniger wert

Die Inflation ist zurück. Der einzelne Euro ist immer weniger wert

Es gibt in Deutschland zwei Redewendungen, und der Leser darf sich aussuchen, welche in diesem Fall passender ist. "Das stößt mir sauer auf" kann man sagen, oder, wenn man grad im Kuhkostüm den Junggesellenabschied mit Apfelschnaps feiert: "Sauer macht lustig!" Die Inflation liegt heute bei drei Prozent, und der schlimmste Preistreiber ist ausgerechnet: die Zitrone. 79,8 Prozent betrug die Steigerung bei der Zitruspflanze im Vergleich zum Mai vorigen Jahres, das liegt noch deutlich vor allen anderen Lebensmitteln, Heizöl und Benzin. Den Verbrauchern stößt das sauer auf.

Die Inflation kehrt zurück

Die Inflation, das lange totgesagte Gespenst aus den 70er Jahren, ist zurückgekehrt. Drei Prozent beträgt sie zurzeit, und ganz Deutschland jammert. Ganz Deutschland?

Es gibt auch Profiteuere, und der Staat gehört dazu. Im Stillen kommen Milliarden zusammen, und je höher die Inflation steigt, desto kürzer werden die roten Zahlenkolonnen auf den Konten des Finanzministers. Aber darüber sprechen nur Wirtschaftswissenschaftler an den Universitäten oder Instituten, sie regen sich in Fachblättern auf und prangern es vor ihren Studenten an. Der Staat, vertreten durch seine Finanzminister, nimmt diesen schönen Effekt stillschweigend zur Kenntnis. Bloß kein Aufheben machen. Warum auch? Die Inflation ist das denkbar einfachste Sparpaket für den Finanzminister, und das gibt es sogar ohne Krach mit den anderen Ministerien.

Der Staat profitiert als größter Schuldner

Von der Tatsache, dass für jeden Euro immer weniger gekauft werden kann, profitieren jene, die sich Geld geliehen haben. Der Staat selber ist der größte Schuldner: 1,5 Billionen Euro beträgt die Last, welche fast komplett aus festverzinslichen Anleihen besteht. Der Zins ist auf fünf, zehn oder sogar dreißig Jahre festgeschrieben. Liegt er beispielsweise bei drei Prozent, ist das bei drei Prozent Inflation ein schlechtes Geschäft für den Geldgeber - und ein gutes für den Staat. Die Schulden sind schlicht weniger wert. Bei drei Prozent Inflation bedeutet das: Die Staatsschulden sind drei Prozent weniger wert. Das sind immerhin 45 Milliarden Euro. "Die Staatsschulden profitieren von der Inflation", sagt Werner Becker, Währungsexperte für Europa bei der Deutschen Bank zu stern.de. "Der Staat muss immer weniger zurückzahlen."

Wie stark die Staatsschulden von der gegenwärtigen Verschuldung profitieren, darüber herrscht keine Einigkeit unter Experten. Drei Prozent Inflationsrate erscheine den Deutschen zurzeit hoch, sagt der Finanzexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, Ralph Brügelmann, zu stern.de. Um die Staatsverschuldung wirklich signifikant zu senken, müsste die Rate allerdings im zweistelligen Bereich liegen - und das werde im Euroraum nicht passieren.

Zentralbank unter politischem Druck

Denn der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), in dem die nationalen Banken vertreten sind, hat ein hauptsächliches Ziel: die Preise im Euroland stabil zu halten. Der Rat entscheidet, wie viel Geld es im Euroraum gibt. Die Geldmenge wird dabei über den Zinssatz gesteuert, den der EZB-Rat festsetzt.

Doch auch wenn die Zentralbank dem übergeordneten Ziel folgen wollen, sind sie doch politischem Druck ausgesetzt. "In der Haut der EZB möchte ich manchmal nicht stecken", sagt Währungsexperte Becker. Um die Inflation zu bekämpfen - und nicht kurzfristigen Zielen der Einzelstaaten zu folgen - braucht die Zentralbank eine breite politische Unterstützung. "In Deutschland, den Niederlanden und Finnland gibt es die", weiß Becker. In Frankreich ist er sich schon nicht mehr so sicher.

"Früher waren es die Kriege, in Zukunft die Demografie"

Und Thomas Mayer, Euroland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, denkt sogar, dass kaum eine Zentralbank dem politischen Druck widerstehen kann. Wegen der steigenden Zahl an alten Menschen würden die Staatsfinanzen bald massiv unter Druck geraten. Weil eine Rentenkürzung nicht durchzusetzen sei, werde der Druck auf die Zentralbanken zunehmen - denn je höher die Inflation ist, desto weniger wert sind die Zahlungsverpflichtungen des Staates. "Keine Notenbank wird sich dagegen wehren können, durch mehr Inflation einen Kollaps der Staatsfinanzen zu verhindern", sagt Mayer stern.de. Geraten die Finanzen unter Druck, nehme die Inflation zu - das zeige die Wirtschaftsgeschichte. "Früher waren es die Kriege, in Zukunft wird es die demografische Entwicklung sein, die zum Anwerfen der Notenpresse zwingt."

Neben der Verschuldung profitiert der Staat aber auf eine andere Art, man könnte das als modernes Raubrittertum bezeichnen oder als systemimmanentes Hinlangen des Staates - ohne Einwilligung des Bürgers. Ökonomen reden schlicht von der "kalten Progression".

Die kalte Progression frisst Lohnzuwächse

Arbeitnehmer, deren Gehälter an die Inflation mindestens angepasst werden, zahlen durch die Progression höhere Steuersätze - obwohl sie real nicht mehr bekommen. Im Ergebnis steigert dann eine Lohnerhöhung von einem Prozent die Staatseinnahmen aus der Einkommenssteuer um schätzungsweise zwei Prozent. 2,3 Milliarden Euro spüle das im Jahr in die Staatskassen, schätzt Brügelmann vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Insgesamt gesehen gewinnt der Staat durch die Inflation an mancher Stelle - und verliert an anderer. Denn die Staatsbediensteten bekommen im Zweifel höhere Löhne und Aufträge, bei denen viele Menschen beschäftigt sind, werden ebenfalls teurer - vorausgesetzt, die Löhne werden an die Inflation angepasst und steigen. Das gleiche gilt für den Unterhalt der Bundeswehr (wird teurer) und die Sozialleistungen, die der Staat zahlt (werden höher). Bei Inflationsraten von drei Prozent, wie es sie zurzeit in Deutschland gibt, ist der Staat weder Gewinner noch Verlierer. "Das hält sich die Waage", sagt der Währungsexperte Werner Becker von der Deutschen Bank.