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INVESTMENT: »Wer heute verkauft, wird es bereuen«

Sollte man seine Aktien verkaufen? Oder jetzt erst Recht einsteigen? Was ist mit Fonds? Und sollte man gerade Gold kaufen? Wir fragten einen Investment-Spezialisten.

Gottfried Heller ist Chef der Fiduka Depotverwaltung in München und war früher der Partner des legendären Börsen-Kenners André Kostolany.

stern.de: Herr Heller, nach den heftigen Kursstürzen hieß die Devise bei den Anlegern »Verkaufen um jeden Preis«. Eine vernünftige Haltung?

Gottfried Heller: Wer heute verkauft, ohne dass er das Geld unbedingt braucht, wird dies spätestens in zwölf Monaten bereuen. Vernünftiger wäre, jetzt zu kaufen.

Malen Sie nicht Rosarot? Die Unsicherheiten an den Börsen sind doch beträchtlich.

Drei Ängste beherrschen derzeit die Menschen und drücken die Kurse: Terror, Krieg und Rezession. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein derart massiver Terroranschlag wie in New York nochmals passiert, denn die Welt ist jetzt in höchster Alarmbereitschaft. Einen Krieg im herkömmlichen Sinne wird es nicht geben, die Welt rückt vielmehr gegen die Terroristen zusammen.

Die Rezessiongefahr ist aber sehr real.

Hier sollten wir die Macht der US-Notenbank nicht unterschätzen. Alan Greenspan öffnete umgehend die Geldschleusen, pumpte mehr als 100 Milliarden Doller in die Märkte und senkte einmal mehr die Zinsen. Ein Rezept, das schon bei früheren Krisen funktionierte. Die Wirtschaft kam ins Lot, und die Kurse haben sich nach den Crashs 1987 und 1998 schnell erholt. Niedrige Zinsen entlasten die Industrie auf der Kostenseite, verbessern die Ertragslage und kurbeln auch die Investitionen an. Präsident Bush seinerseits wird steuerliche Erleichterungen für die Unternehmen durchsetzen. Schließlich wirkt noch der erfreulich niedrige Ölpreis wie ein Weltkonjunkturprogramm.

Was nutzt das, wenn die Verbraucher nicht konsumieren?

Das wird sich bald ändern. Schon vor den Anschlägen hat die Regierung Bush jedem Amerikaner einen Scheck mit Steuererstattungen geschickt ? rund 40 Milliarden Dollar wurden in die Haushalte gespült. Nach den Anschlägen stellt Bush nochmals 40 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zur Verfügung. Diese Haushaltsmittel wirken stimulierend. Unterm Strich bringt das rund ein Prozent Wachstum.

Die Anleger gehen doch lieber auf Nummer sicher.

Stimmt, rund zwei Billionen Dollar sind in Geldmarktfonds investiert. Doch diese Papiere werfen angesichts sinkender Zinsen bald weniger als 2,5 Prozent ab. Greenspan vertreibt die geparkten Gelder aus dem Renditeparadies.

Aktien also als Alternative? Sind die Preise wieder auf einem vernünftigen Niveau?

Im vergangenen Jahr, auf der Höhe der Börsenhausse, waren die US-Aktien um 40 Prozent überbewertet. Heute sind sie 25 Prozent unterbewertet. Die deutschen Aktien sind so günstig, wie seit 1993 nicht mehr ? sie sind um 30 Prozent unterbewertet.

Also einfach kaufen, was billig erscheint?

Warum wahllos zulangen, wenn es beste Qualität zu Ausverkaufspreisen gibt? Die Kurse der Standardaktien rauschten in den Keller, weil nach dem Terror-Anschlag Wall Street geschlossen blieb und sich der gesamte Verkaufsdruck über Europa und speziell in Frankfurt entladen hat. Der Dax ist relativ stärker gefallen als alle anderen vergleichbaren Indizes.

Welche Blue Chips meinen Sie konkret?

Qualitätstitel wie Siemens, Münchner Rück oder Allianz, aber auch BMW oder VW gibt es auf einem Kursniveau, das vor wenigen Wochen noch undenkbar war. DaimerChrysler, Thyssen-Krupp, Lufthansa und Commerzbank sind sogar weniger wert als ihr in der Bilanz ausgewiesenes Vermögen.

Viele Anleger fühlen sich mit Fonds wohler. Worauf sollten diese achten?

Auf Aktienfonds mit Schwerpunkt Deutschland oder Europa, die vorzugsweise in Standardwerte investieren. Europa würde ich gegenüber den USA übergewichten. Im nächsten Jahr wird die steuerfreie Veräußerung von Industriebeteiligungen zur Neuordnungen der deutschen Wirtschaft mit Fusionen und Übernahmen führen und die Kurse beflügeln. Es wird zur Entflechtung der Deutschland AG und auch dank des Euro zur Verflechtung der Europa AG kommen.

Welche Rolle sollten Anleihen oder Gold in einem Depot spielen?

Die Flucht in sichere Häfen wie Gold oder kurzlaufende Regierungsanleihen ist ein normaler Reflex in Zeiten der Angst. Langfristig wird das den Anlegern nichts bringen. Mit gut zwei Prozent Zinsen bei Schatzwechseln ist kein Blumentopf zu gewinnen, zehnjährige Papiere rentieren gerade einmal mit viereinhalb Prozent. Gold ist ein Krisen- und Inflationsmetall. Doch die Krise dauert nicht ewig, und die Inflation spielt auf absehbare Zeit keine große Rolle. Der Goldpreis hat kein Potenzial.

Rechnen Sie mit einer schnellen Erholung an den Börsen?

Ich bin kein Hellseher, doch interessant ist ein Blick in die Börsengeschichte. Sechs Monate nach dem Crash im Oktober 1987 lag der Dow Jones 17 Prozent höher, nach zwei Jahre war er 53 Prozent im Plus. Nach dem Golfkrieg im Januar 1991, in dessen Verlauf der Ölpreis 40 Dollar erreichte und die Inflation anheizte, war der Dow Jones ein halbes Jahr später 17 Prozent und nach zwei Jahren 34 Prozent höher. Sechs Monate nach der Russlandkrise hatte der Dow Jones nach sechs Monate 28 Prozent und nach zwei Jahren 41 Prozent gewonnen. Auf Sicht von einem Jahr wird sich so mancher Dax-Wert verdoppeln, in zwei Jahren vielleicht sogar verdreifachen.

Auch die T-Aktie?

Das glaube ich nicht. Es gibt andere Werte, die ähnlich stark gefallen sind, aber mehr Erholungspotenzial haben. Die Gewinne der Telekommunikations-Unternehmen werden bescheiden ausfallen, weil sie noch im Verdrängungswettbewerb stehen, hohe Schulden haben und große Investitionen tätigen müssen. Wer immer noch T-Aktionär ist, sollte auf dem jetzigen Niveau aber nicht mehr verkaufen.

Mit Gottfried Heller sprach Joachim Reuter