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Kredithaie: Geld oder Leben auf Indisch

Der schnellste Weg, sich einen teuren Traum zu erfüllen, ist ein Kredit - das ist auch in Indien nicht anders. Wer jedoch mit den Raten in Verzug gerät, muss dort um sein Leben - oder die Gesundheit - fürchten: Die Geldeintreiber sind wenig zimperlich.

Von Teja Fiedler

Professor J.S. Kalra hatte bei einer von Indiens größten Banken 450.000 Rupien - umgerechnet etwa 8000 Euro - geliehen, um sich ein Auto zu kaufen. Beim Zurückzahlen der Kreditraten, plus 12 Prozent Zinsen, geriet er in Verzug. Eines Tages drängten sich zwei Männer in das funkelnagelneue Auto des 58-Jährigen, als er vom Campus der Technischen Hochschule Delhi wegfahren wollte. Sie verlangten von ihm, seine Schulden auf der Stelle bar zu begleichen. Als der Professor sich weigerte, beschimpften sie ihn und schlugen vor den Augen der Studenten auf den herzkranken Mann ein. Erst als der Professor über heftige Brustschmerzen klagte, ließen sie von ihm ab und verschwanden. Die Bank erklärte, sie habe keine Ahnung, wer die rabiaten Geldeintreiber gewesen seien.

Brachiale Methoden gegenüber säumigen Schuldnern sind in Indien alltäglich. Sie haben eine lange Tradition vor allem auf dem Lande. Dort wurden schon immer verschuldete Bauern von Kredithaien zuerst in Darlehen mit Jahres-Zinsen bis zu 100 Prozent geschwatzt und dann, wenn sie nicht zurückzahlen konnten, mit kriminellen Methoden erpresst. Besonders beliebt ist die Drohung, die Frau des Schuldners zu entführen und zu vergewaltigen. Manche Opfer sehen keinen Ausweg und begehen Selbstmord.

Darlehen und Kreditkarten für jedermann

Doch seit Indien ein nie dagewesener Konsumrausch erfasst hat, haben die rüden Methoden des Kreditdschungels auch die Mittelschicht in den Städten erreicht. Zwar erlebt das Land unbestreitbar einen Wirtschaftsboom mit jährlichen Wachstumsraten an die zehn Prozent. Doch dieser Boom, den die Medien jeden Tag enthusiastisch feiern, hat in allen Bevölkerungsschichten zu überschäumendem Optimismus geführt. Für alle scheint ein Kleinwagen - oder doch wenigstens ein Motorrad - , scheinen eine Waschmaschine oder ein Digitalfernseher und als größter Traum die eigenen vier Wände erreichbar.

Die Banken im Land haben lange Zeit diesen Träumen Vorschub geleistet: mit der Ausgabe von Kreditkarten praktisch für jedermann und mit mehr als großzügigen Darlehen, für die der Empfänger so gut wie keine Sicherheiten vorweisen musste. "Um ihren Profit zu steigern, gehen die Banken an Leute ran, die sich nicht einmal ein Motorrad leisten können und ermuntern sie zum Kauf eines Autos", sagt der Anwalt Prashant Mehendiratta, "das mag noch gut gehen bei Leuten mit festen Gehältern, doch in der unteren Mittelklasse geht es mit den Einkommen auf und ab. Diese Leute verstehen nicht, dass es leicht ist, eine Kreditkarte zu kriegen, aber bei weitem schwerer, die gemachten Schulden wieder auszugleichen."

Normalbürger in der Schuldenfalle

Die Folge dieser Kredite mit lockerer Hand: immer mehr säumige Schuldner. Normalbürger, die ihre eigene finanzielle Zukunft so rosig sahen, wie Werbung und Medien sie ihnen vorgaukelten. Und immer mehr Banken, die sogenannte Agenturen beauftragen, die Schulden einzutreiben, mit welchen Methoden auch immer.

Anwalt Mehendiratta vertritt einen Mann aus Mumbai, der bei der ICICI Bank umgerechnet etwas über 600 Euro Schulden hatte. Drei Männer lauerten seinem Auto vor einem Club auf. In ihm saß allerdings nicht der Besitzer sondern der 21-jährige Sohn eines Freundes. Das Trio sah in dem jungen Mann irrtümlich den Schuldner, zerrte ihn aus dem Auto, schlug mit einem Totschläger so heftig auf ihn ein, dass er anschließend zwei Wochen im Krankenhaus lag und mit zwölf Stichen auf der Stirn genäht werden musste. Dann verschwanden sie mit dem Auto.

Prügelorgien und Selbstmorde

Schuldeneintreiber derselben Bank hatten in Mumbai schon vorher für Schlagzeilen gesorgt. Ein 38-jähriger ehemaliger Angestellter einer Brokerfirma, der durch eine Gelbsucht seinen Job verloren hatte, konnte die Raten für ein 50.000-Rupien-Darlehen (900 Euro) nicht mehr abbezahlen. Die Herren der Eintreibe-Agentur tauchten mehrmals bei ihm zu Hause auf und nehmen schließlich als Pfand seinen CD-Spieler mit. Am nächsten Tag erhängte sich der Vater von drei Kindern. In einem Brief machte er die Schuldeneintreiber und ihre Drohungen für seinen Selbstmord verantwortlich.

Mit einem richtungweisenden Urteil versuchte jetzt die indische Justiz, den brutalen Methoden einen Riegel vorzuschieben. Erstmals wurde mit ICICI die hinter den kriminellen Eintreibern stehende Bank zu einer Geldbuße verurteilt. Das Geldinstitut streitet natürlich ab, vom Treiben ihrer Subunternehmer gewusst oder sie sogar dazu ermuntert zu haben. Es will die Strafe bezahlen, sieht aber in dem Richterspruch eine "Ermunterung für säumige Schuldner mit schädlichen Auswirkungen auf das gesamte Kreditwesen."

Die Polizei hilft nicht immer

Trotz des Urteils sind Verbraucherschützer nicht besonders hoffnungsfroh. Sie verweisen auf den Fall eines Mannes in Goa, der ebenfalls zusammengeschlagen wurde, weil er nach 26 pünktlich bezahlten Raten mit zwei Rückzahlungen in Verzug geriet. Der Mann zeigte die Gangster an - vor über zwei Jahren. Bis heute hat die Polizei keinen Finger in der Sache gerührt. Verbraucherschützer Bejon Mishra: "Anstelle für den Schutz des Bürgers zu arbeiten nehmen viele Funktionäre von den Kreditgebern "kleine Gefälligkeiten" an und lassen dafür die Verbraucher im Stich."

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