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"Gender Pay Gap" Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland wächst – oder doch nicht?

Symbolbild für die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern
Symbolbild für die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern
© Joe Giddens / Picture Alliance
Eine Anfrage der Linksfraktion an das Statistische Bundesamt sorgt für Aufruhr. Nach Auswertung der durch das Bundesamt zur Verfügung gestellten Daten durch die Fraktion, berichten mehrere Fernsehsender und Nachrichtenseiten, dass die geschlechtsspezifische Lohnungleichheit zunehme. Trifft das wirklich zu?

Alarm, Alarm: Frauen verdienen nicht nur weniger als Männer; die Lohnlücke sei in den letzten Jahren sogar größer geworden. Zu diesem Ergebnis kommt die Linksfraktion im Bundestag. 1192 Euro brutto im Monat mehr stehen laut neuester "Verdienststrukturerhebung" des Statistischen Bundesamts durchschnittlich auf den Gehaltszetteln von Männern. Im Jahr 2014 betrug die Differenz noch 1188 Euro. So weit, so ungerecht.

Mehrere Fernsehsender und Nachrichtenseiten warfen sich auf das Thema und beschrieben vor allem die "geschlechtsspezifische Kluft bei den Topverdienern". Man ahnt es schon: Top-Verdiener sind in der Mehrheit Männer. Rund 3,9 Millionen Menschen hierzulande beziehen ein Monatsgehalt von 5100 Euro brutto oder mehr. Davon sind rund 3,12 Millionen Männer und nur 802.000 Frauen – ein Männeranteil von 79,5 Prozent. Je mehr Geld im Portemonnaie, desto größer der Unterschied: Unter den Spitzenverdienern, die 12.100 Euro brutto oder mehr im Monat haben, sind 158.000 Männer und 23.000 Frauen, ein Anteil von 87,3 Prozent.

Bei den unteren Einkommen hingegen sind die Frauen in der Überzahl. Weniger als den Durchschnittsverdienst eines Arbeitsnehmers in Deutschland von 2766 Euro brutto im Monat erhalten rund 12,5 Millionen Frauen und nur 8,3 Millionen Männer, ein Frauenanteil von 60,1 Prozent. 68 Prozent aller Frauen verdienen generell unterdurchschnittlich, rund 12,5 Millionen von den etwa 18,3 Millionen Frauen auf dem Arbeitsmarkt.

Genauer Blick notwendig

Jede einzelne Zahl stimmt. Doch es lohnt sich ein differenzierter Blick. Frauen verdienen durchschnittlich noch deutlich weniger als Männer in Deutschland und das ist ohne Frage ein Problem. Doch dabei die Bruttomonatsgehälter miteinander zu vergleichen und diese mit dem "Gender Pay Gap" zu vermischen, ist irreführend.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht sowohl die Zahlen zu den Bruttomonatsgehältern als auch die Zahlen, die dem "Gender Pay Gap" zugrunde liegen. Doch eine Sprecherin des Bundesamts reagierte geradezu schockiert auf die nun erfolgte Darstellungsweise. Sie sei "sehr überrascht", dass nachdem im März dieses Jahres der komplette Bericht vorgestellt wurde, nun Zahlen kursieren, die demselben Bericht entnommen sind, jedoch keinem qualitativen Vergleich standhalten.

Das Bundesamt rät grundsätzlich davon ab, Bruttomonatsgehälter miteinander zu vergleichen, weil die meisten Frauen in Teilzeit arbeiten. Wer weniger arbeitet, verdient auch weniger Geld. Um einen sinnvollen Vergleichswert zu erhalten, muss man also ausschließlich Bruttostundengehälter vergleichen.

"Gender Pay Gap": Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland wächst – oder doch nicht?

Auch die prozentuale Ungleichheit erschreckend hoch

Doch auch bei den Bruttostundengehältern muss man unterscheiden: Das Statistische Bundesamt und andere Institute arbeiten mit dem so genannten bereinigten oder unbereinigten "Gender Pay Gap", beide beziehen sich auf ebenjene Gehälter. Der unbereinigte "Gender Pay Gap" beträgt in Deutschland 18 Prozent, bezogen auf die neuesten Daten aus dem Jahr 2020. Das heißt, Männer verdienen durchschnittlich in der Stunde brutto 18 Prozent mehr als Frauen. 22,78 Euro im Vergleich zu 18,62 Euro. Ein enormer Unterschied von 4,16 Euro – 2019 hatte der Unterschied sogar noch 4,28 Euro (19 Prozent) betragen.

Doch der größte Unterschied im Verdienst rührt in Deutschland daher, dass Frauen häufiger in Branchen und Berufen arbeiten, in denen schlechter bezahlt wird und sie seltener Führungspositionen erreichen. Auch arbeiten Männer seltener in Teilzeit oder Minijobs und dies wirkt sich nicht nur auf das Bruttomonatsgehalt aus, da weniger Stunden gearbeitet werden, sondern auch auf einen durchschnittlich geringeren Stundenlohn.

Rechnet man diese Faktoren heraus, bleibt der bereinigte "Gender Pay Gap", sodass man noch immer auf einen Unterschied von sechs Prozent im Jahr 2018 (1,21 Euro die Stunde) bei der Bezahlung von Männern und Frauen kommt – für die exakt gleiche Tätigkeit bei identischer Qualifikation und Stundenzahl.

Entwicklung des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes von Frauen und Männern in Deutschland und Verdienstunterschied in Prozent (Gender Pay Gap)
Entwicklung des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes von Frauen und Männern in Deutschland und Verdienstunterschied in Prozent (Gender Pay Gap)
© Statistisches Bundesamt / Grafik: A. Brühl, Redaktion: I. Kugel / DPA / Picture Alliance

Probleme anpacken

Das Statistische Bundesamt kommt im Fazit seiner Präsentation, die bereits im März erfolgte, zu dem Schluss, dass im Vergleich zum Jahr 2019 die Bruttostundenverdienste der Frauen im Jahr 2020 mit einem Zuwachs von 3,5 Prozent sogar stärker gestiegen sind als die der Männer (2,3 Prozent). Der unbereinigte "Gender Pay Gap" sei von 2014 (22 Prozent) über 2018 (20) bis hin zu 2020 (18 Prozent) stets gesunken.

Anders als es also die Zahlen der Linksfraktion vermuten lassen, geht die Entwicklung durchaus in die richtige Richtung. Dennoch sind die Schritte viel zu klein. Um den Prozess zu beschleunigen, hilft es allerdings nicht, aus politischem Kalkül heraus Zahlen in ein falsches Licht zu rücken, vielmehr muss das Problem an seiner Wurzel gepackt werden: Vor allem soziale Berufe, die typischerweise Frauen ergreifen, müssen besser bezahlt und für Männer attraktiv gemacht werden, auch die Gehälter im Verkauf oder der Kundenberatung. Und ein flächendeckendes Recht auf Ganztagsplätze in Kitas und Schulen würde helfen, dass Eltern die Erwerbs- und Care-Arbeit gerechter aufteilen können – und Mama auch mal Vollzeit arbeitet.

Quelle: Statistisches Bundesamt

luh

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