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Mehrwertsteuererhöhung: Handel lockt mit Rabattschlacht

Die Mehrwertsteuererhöhung ist da, doch der Verbraucher darf sich zunächst freuen: Der Einzelhandel lockt allerorts ins Rabattparadies. Der Preiskampf auf der Einkaufsmeile hat allerdings seine Tücken. Für Kunden und Handel gleichermaßen.

Von Daniel Hopkins

Die Jagd nach Schnäppchen beginnt für Ingrid Brinkwirth schon vor dem Einkauf. "Ich schaue genau auf die Preise", sagt die Bremerin. Mit ihrer 14-jährigen Tochter Judith zieht es sie auf Shopping-Tour durch Hamburg. Der Vergleich der Produkte in Prospekten, im Internet oder auch direkt vor Ort lohne sich. "Bei einigen Rabattaktionen sollte man aber genauer hinsehen", sagt Brinkwirth. Oft sei bereits vor der Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent an der Preisschraube gedreht worden.

Handel buhlt um die Gunst der Verbraucher

Dass viele Geschäfte zu Jahresbeginn mit scheinbar großzügigen Angeboten um die Gunst der Verbraucher buhlen, wundert die 46-Jährige nicht. Sie ist überzeugt, dass die meisten Unternehmen bereits vor Monaten stetig, "aber nicht spürbar" die Preise angehoben haben. Diese Überzeugung teilt Günter Hörmann von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Das Phänomen der Rabattschlachten wiederholt sich alljährlich", sagt er zu stern.de. Jedoch seien sie nie so aggressiv geführt worden wie in diesem Jahr. Versteckte und vorgezogene Preiserhöhungen machten das trügerische Bild vom Rabattparadies erst möglich, so Hörmann.

Überdies rät der Verbraucherschützer bei Werbeslogans wie etwa "Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer" zur Vorsicht. Oft handele es sich dabei um eine Mogelpackung. "Der Verkäufer, der behauptet, er verzichte auf die Mehrwertsteuer, streut dem Kunden Sand in die Augen", sagt Hörmann. Schließlich muss der Handel seit dem 1. Januar 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen. Der Kunde sollte daher in jedem Fall auf den Bruttopreis achten und mit anderen Angeboten vergleichen.

Handel rechnet mit deutlich mehr Firmenpleiten

Der Verdacht vieler Verbraucher, dass die Preise bereits lange vor Inkrafttreten der Mehrwertsteuererhöhung zum Teil deutlich angezogen haben, kann Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels nicht bestätigen. "Der Wettbewerb ist so scharf, da können sich viele Unternehmer eine dreiprozentige Preiserhöhung nicht erlauben". Vielmehr sei es so, dass der Einzelhandel die Auswirkungen des gesetzlich verordneten Aufschlags in diesem Jahr deutlich zu spüren bekommen wird, sagt Pellengahr. Der Verband behauptet sogar, der Handel müsse 2007 im Vergleich zu 2006 mit wesentlich mehr Firmenpleiten rechnen.

Davon ist der Textilriese C&A weit entfernt. Der Modehändler expandiert, die Umsätze steigen. "Bei uns ist jeder Preis knapp kalkuliert, das weiß der Kunde zu schätzen", sagt Knut Brüggemann von C&A. Allerdings kann das Düsseldorfer Unternehmen es sich mit seiner Preispolitik nicht leisten an der beispiellosen Rabattschlacht auf Deutschlands Einkaufsmeilen zu beteiligen. Die "Bestpreisstrategie" von C&A schließt eine Beteiligung an fast jeder Preisoffensive im Einzelhandel aus. "Rabatte sind nur selten bei Sonderaktionen möglich", sagt Brüggemann.

Spätestens ab Februar wird es wieder teurer

Sonderaktionen, bei denen auch Ingrid Brinkwirth vergleicht. Die 46-jährige Bremerin meint, dass der Verbraucher sich auch nach der Mehrwertsteuererhöhung nicht beklagen sollte. "Schließlich hat es der Kunde selbst in der Hand, welches Geschäft er betritt und welches Produkt er kauft", sagt sie. Ob sich für sie und ihre Familie der andauernde Preisvergleich auszahlt, vermag sie noch nicht zu sagen. "Wir warten mal das Ende des Jahres ab und sehen dann, was unterm Strich im Portemonnaie bleibt", sagt sie und geht mit ihrer 14-jährigen Tochter weiter auf Schnäppchenjagd. So lange, wie es sich noch lohnt. Denn spätestens ab Anfang Februar müssen die Kunden beim Einkauf wieder tiefer in die Tasche greifen. Dann legen die Beteiligten der Rabattschlacht voraussichtlich eine Waffenruhe ein - bis zum nächsten Weihnachtsgeschäft oder vielleicht auch Mehrwertsteuererhöhung.