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M.Winnemuth: Um es kurz zu machen: Rabattschlacht: Mein schwarzer Freitag

Wer bin ich denn, mich von der Rabattschlacht des Handels zu blödem Konsum verführen zu lassen? Man muss widerstehen! Fast hätte es geklappt.

Black Friday: Meine Rabattschlacht am schwarzen Freitag

"Ein Möbeldesigner, bei dem ich vor Jahren ein Tischchen bestellt hatte, kündigte an, am Black Friday ab Mitternacht limitierte Rabattcodes freizuschalten"

Der Plan war grob der: am Freitag den Laptop fest geschlossen lassen. Auf dem Handy alle E-Mails ungelesen löschen, in deren Headern "black", "white", "friday", "week", "cyber", "flash sale", "Ihr exklusiver Rabattcode" oder "Bis zu 70 Prozent" steht.

Keine Versuchung = keine Probleme.

Hat ja dann auch super geklappt. Am Sonntag war ich knapp 300 Euro ärmer und befinde mich damit voll im Soll: Genau diese Summe legt laut Umfrage der mündige Durchschnittsdeutsche für die alljährliche Rabattschlacht rund um den Black Friday zurück.

Limitierte Rabattcodes am Black Friday

Mein Plan war natürlich naiv, denn die Schnäppchenfestspiele ziehen sich inzwischen über Wochen. Es beginnt am 11. November mit dem Singles Day, einem Neuzugang im Reigen der Kaufbefehlstage.

Dieser ist wie so viel Konsumschrott aus China importiert. Ich musste ihn googeln und erfuhr: "In den 90er Jahren haben chinesische Studenten den 11. November zum Feiertag ihres Single-Daseins auserkoren. Und zu dieser Feier gehört auch, sich selbst reich zu beschenken." Aber natürlich. An diesem Tag stürzt ganz China, auch die glücklich Verheirateten, in einen kollektiven Shoppingrausch. In Deutschland sind bislang nur einige Onlineplattformen aufgesprungen, aber warten Sie bis nächstes Jahr, ich sage dem Singles Day eine goldene Zukunft voraus. Bis vor fünf Jahren hätte hierzulande auch den Black Friday noch jeder für einen Börsencrash gehalten.

Die ganze vergangene Woche war ich mit dem Wegklicken von Kaufanreizen beschäftigt, es war ungefähr wie bei der Wespenplage im Sommer: bloß nicht um sich schlagen, sonst wird es nur schlimmer. "Blitzangebote", "Aufwärmangebote", "Magenta Thursday", "Black Freudays", "Black Flydeals", die verbilligte Flugtickets* versprachen (*"es entstehen Zuschläge bei Gepäckaufgabe. Begrenzte Sitzplatzkontingente") – irgendwann war ich wund geschossen von diesem Sperrfeuer, mein eiserner Nichtkaufwille wurde löchrig.

Nicht zuletzt, weil jeder dieses Spiel mitspielt. Ein Möbeldesigner, bei dem ich vor Jahren ein Tischchen bestellt hatte, kündigte an, am Black Friday ab Mitternacht limitierte Rabattcodes freizuschalten, fünfmal 40 Prozent, 20-mal 30 Prozent … Ich war so knapp davor, mir den Wecker zu stellen, wäre doch gelacht, wenn ich nicht einen der fünf 40-Prozenter ... aber nein, ein Rest Würde war noch geblieben.

Und Würde ist das Einzige, was einen hier noch retten kann, mit Vernunft hat das alles nichts zu tun. Das ZDF-Magazin "Wiso" ließ von einer Marktforschungsagentur über Monate die Preisentwicklung von 3000 Produkten beobachten. Ergebnis: Bei 68 Prozent der Waren blieb der Preis am Black Friday unverändert, 21 Prozent wurden sogar teurer. Gerade mal sechs Prozent waren billiger, fünf Prozent ein echtes Schnäppchen. In einigen Fällen war der Preis kurz zuvor angehoben worden, um ihn dann umso dramatischer abstürzen zu lassen.

100 Hasenglöckchen für 12 Euro

Bis Samstag blieb ich clean, aber dann haben sie mich doch erlegt. Haben meine Schwachstelle entdeckt und gnadenlos darauf gezielt. 30 Prozent auf Tulpenzwiebeln! Eigentlich wollte ich nichts mehr pflanzen, aber komm, 30 Prozent! 100 Hasenglöckchen für 12 Euro statt für 25, 200 Blaustern für 17,50 Euro – das ist quasi nachgeschmissen. Keine Ahnung, wie ich das noch im Garten unterbringe. Aber zu dem Preis! Man wäre ja verrückt, wenn nicht. Und ein paar Sack Hundefutter mit 15 Prozent Discount, die brauche ich im Lauf des Jahres sowieso, und wenn wir schon dabei sind, dann …

Alles hochvernünftige Kaufentscheidungen. Investitionen. Mir ist jetzt nur ein kleines bisschen schlecht.


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