HOME

Reuige Hinterzieher: Herr, vergib' mir meine Steuersünden!

Viele "Leistungsträger" mit Liechtensteiner Konto gestehen derzeit ihre Steuersünden. Aus Kalkül - eine Selbstanzeige kann strafmildernd sein. Doch es geht auch anders. Den "Trödel-König" Otto Sopha trieb einst schlagzeilenträchtig sein Gewissen zur Steuer-Reue.

Von Markus Wanzeck

Im größten Steuerskandal der deutschen Geschichte sind schon zwei Razzienwellen über die vermuteten Hinterzieher hinweggebrandet. Eine kurze Verschnaufpause ist den kapitalstarken Kunden der Liechtensteiner Banken dann wohl gegönnt - doch die nächsten Durchsuchungen kommen sicher. Und so wird es noch eine ganze Weile weitergehen, bis alle der rund 700 Beschuldigten Besuch von den Steuerfahndern bekommen haben.

"Rappelt mit Selbstanzeigen"

Diejenigen LGT-Kunden, die zwar kapitalstark, aber nervenschwach sind, beichten ihre Steuersünden noch flugs dem Finanzamt. Solch eine Selbstanzeige kann strafmildernd wirken. So mild kann die Strafe sein, dass auf die verschwiegene Steuerschuld nur sechs Prozent Hinterziehungszinsen pro Jahr draufgelegt werden müssen. 0,5 Prozent pro Monat. Da fällt vorauseilende Reue leicht. Kein Wunder, dass es dieser Tage - wie ein Strafverfolger es vielzitiert formulierte - "mit Selbstanzeigen rappelt". Die Anwälte der Steuerbetrüger würden Sonderschichten fahren, heißt es.

Nun ist diese anschwellende Welle der Selbstanzeigen natürlich nicht einem Anflug eiliger Ehrlichkeit geschuldet, sondern kaltem Kalkül. Dabei gibt es, wenn man zurückblickt, durchaus auch herzerwärmende Geschichten von reuigen Steuersündern zu erzählen. Die von Otto Sopha, dem legendären Hamburger "Trödel-König", ist so eine. Ihm hatten 1985 nicht die Gesandten des Fiskus Ungemach bereitet, sondern das eigene Gewissen.

Der "Trödel-König" stolperte über sein Gewissen

Von Anfang der 70er bis Mitte der 90er Jahre besaß Sopha den bestsortierten Trödelladen Hamburgs. Bis zu 50.000 Sammlerstücke häuft der gelernte Dekorateur und selbsternannte "Professor of Junk deluxe" zeitweise an und bietet sie in seinem "Hamburger Flohmarkt" in Eimsbüttel feil. Hamburg-Promis wie Udo Lindenberg und Hollywood-Promis wie Harry Bellafonte gehören zu seinem Kundenkreis. Sopha bringt alles an den Mann: Antiquitäten und Kuriositäten, Sperrmüll und Kunst. Ausgediente Schaufensterpuppen, betagte Reklameschilder, vor Jahrzehnten geleerte Bierflaschen - es gibt einfach nichts, was nicht zum Verkaufsstück taugt. "Was noch keine Ware ist, das mache ich dazu", ist Sophas Devise. Sie bringt ihm ordentlich Devisen: Er scheffelt einen Haufen Geld mit einem Haufen Trödel. Nicht immer wollen die Kunden eine Rechnung sehen.

Direkt gegenüber von Sophas "Hamburger Flohmarkt" ist das Café Adler. Das Café ist in den 70ern stadtweit bekannt. Weniger für Kaffee- und Kuchenkränzchen. Eher für ausschweifende Drogenpartys. Und für seine feierfreudigen Betreiber, Dieter Bockhorn und Uschi Obermaier. Sonntagvormittags finden in dem Café regelmäßig Gottesdienste statt, zu dem sich Dealer, Zuhälter aus St. Pauli und andere illustre Zwielichtgestalten nach durchgemachter Nacht versammeln. Die Predigten hält ein blonder, langhaariger Jesus-Hippie. Anschließend wird eine Kollekte herumgereicht. Sie ist stets gut gefüllt. Nicht mit Geld. Mit Marihuana.

Durch Hippie-Prediger bekehrt

Die Predigten, obwohl haschgedämpft und in nicht sehr aufnahmefähiger Runde vorgetragen, verfehlen ihre Wirkung offenbar dennoch nicht: Der Café-Adler-Prediger "führte mich auf den richtigen Weg", wird Sopha später einmal sagen, als er sich bereits auf ebendiesem Weg befindet.

Dieser "richtige Weg" führt Sopha zum Finanzamt - 1985, sechs Jahre, nachdem das Café Adler infolge mehrerer erfolgreicher Razzien schließen musste (Drogenrazzien, nicht Steuerrazzien). Sopha, von dem früheren Café-Adler-Prediger bekehrt, hat zum Glauben gefunden. Er bereut. Als guter Christ will er seine Sünden in Ordnung bringen. Auch die Steuersünden. Er bittet das Hamburger Finanzamt um Vergebung und beichtet ihm seine Untaten.

Sopha erleichtert sein Gewissen - um eine Viertelmillion Mark

Die Beamten reagieren zunächst ungläubig auf den Gläubigen und dessen Nöte. Schließlich hilft man Sopha aber doch dabei, sein Gewissen zu erleichtern - und sein Konto. Ein Nachzahlungsbescheid über eine Viertelmillion Mark wird dem Trödel-König zugestellt. Sopha ist's zufrieden. Sein Steuerberater ist sprachlos. Sopha sagt: "Ich war ein schlechter Mensch."

Der geläuterte Sopha büßte nicht nur für seine Steuersünden. Er zahlte auch brav Bekannte aus, die er beim Glücksspiel über den Tisch gezogen hatte. Anschließend suchte er die Orte seiner Jugendsünden auf: Geschäfte, in denen er als Kind etwas gestohlen hatte. Er gestand seine Sünden. Er beglich die Rechnung.

Ganz so heftig werden die Fahnder des Finanzamtes die Wiedergutmachungsgelüste der fürstentümlichen Steuersünder wohl nicht anheizen können. Aber die ein oder andere kühl berechnete Steuer-Selbstanzeige, die dürfte es dank der verräterischen Liste aus Liechtenstein wohl auch in den nächsten Tagen noch rappeln.

spi