Spargel Lockruf der Sonne


Die Preise für frischen Spargel gehen rauf und runter. Dahinter steckt System. Wer sich auskennt, kann sparen - und Etikettenschummelei erkennen.

Die Stangen sind lang und daumendick, bleich und vielleicht ein wenig rosa, mit frischem Duft und ebensolchen Schnittstellen: bester Spargel. Aber warum kostet er an einem Tag 12 Euro das Kilo und kurz darauf nur noch 4,50 Euro? Dahinter stecken weder Gemüsemafia noch Handelsmonopole, sondern das Wetter, eine Menge schwarz-weißer Folie und die Essgewohnheiten der Deutschen.

Vergangene Woche

waren die Preise so im Keller, dass Bauern wie Oliver Gade aus Bardowick in Niedersachsen beschlossen, einen Teil der Triebe einfach im Acker zu lassen. "Es bringt mir nichts, die Pflanze weiter zu quälen", sagt der 38-Jährige. "Verheerende Lage am Platz", meldete vom Großmarkt Hannover die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP). Ähnliche Nachrichten aus Berlin: "Mengen weiterhin viel zu umfangreich." Jetzt kaufen, möchte man der Geiz-ist-geil-Fraktion unter den Gemüsefreunden zurufen.

Aber die Haltbarkeit solcher Tipps ist fast so kurz wie die des frischen Spargels. Mengen und Preise schwanken, weil geerntet werden muss, sobald der Spargel sich anschickt, durch die Erdoberfläche zu stoßen. "An warmen Tagen", sagt Aloys Rosen von der Deutschen Spargelzucht in Alt-Mölln, "können Sie bis zu 300 Kilo pro Hektar ernten, an kalten vielleicht nur 30." Ein paar Sonnentage reichen, um das Angebot nach oben zu treiben. Die Nachfrage ist ebenfalls alles andere als konstant: Sie steigt vor Sonn- und Feiertagen.

Mit allen Tricks versuchen die Landwirte daher, die Produktion zu steuern. 70 bis 80 Prozent des deutschen Spargels, so schätzt Christoph Behr, Abteilungsleiter der ZMP, wachsen unter Folie. Die ist oft auf einer Seite schwarz und auf der anderen weiß. Beim Besuch im Hofladen lohnt ein Blick auf die Felder: Wenn der Bauer die weiße Seite nach oben dreht, hat er wohl mehr Ware, als er verkaufen kann. Denn so sinkt die Temperatur im Spargelhügel - was die Produktion drosselt. Zeigt die schwarze Seite nach außen, ist Spargel meist knapp und teuer.

Wer in den Supermarkt

ausweicht, muss genauer hinsehen. Unter deutschen Eigennamen wird hier nicht selten Spargel angeboten, der eine lange Reise hinter sich hat. "Spargelzeit", hieß es vergangene Woche auf Plakaten der Rewe-Gruppe. "Erntefrischer Spargel" der Marke "Erlenhof" wurde für 2,22 Euro das Pfund angeboten. Eher unauffällig auf der Packung stand das Herkunftsland: Spanien. Eine Rewe-Sprecherin beteuert, die Stangen würden optimal verpackt und bräuchten "maximal vier Tage" von der Ernte bis zur Gemüsetheke. Für Spargel eine lange Zeit. Selbst dreiste Täuschungen kommen häufig vor: Jede zehnte Probe angeblich deutschen Spargels stammt nach einer Untersuchung bayerischer Lebensmittelbehörden gar nicht aus Deutschland.

Längst ist aus dem Luxusprodukt der Frühjahrssaison ein Massengeschäft geworden. Jeder zweite deutsche Haushalt kauft Spargel. Die Erntemenge in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren von unter 30.000 auf über 65.000 Tonnen gestiegen. Dadurch sind die Preise gefallen; wenn auch nur um gut ein Viertel, da zugleich die Importe zurückgedrängt werden konnten.

Züchter wie Aloys Rosen erwarten, dass die Anbaufläche nicht weiter wächst. Der Trend gehe zu besonders edlen Sorten, auch wenn sie weniger abwerfen. Denn Spargel ist das einzige Gemüse, das sich zum Hauptbestandteil eines feinen Essens aufgeschwungen hat - und für das deshalb Preise wie an der Fleischtheke verlangt werden können. "Wer Spargel essen will", weiß Bauer Gade, "der ist auch bereit, dafür zu zahlen."

Stefan Schmitz print

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