HOME

Sparkassen: Feine Sonderrolle

Als Kreditgeber der kleinen Leute gestartet, setzen die öffentlich-rechtlichen Sparkassen heute unverblümt auf Größe und Schlagkraft wie private Banken. Dass sie trotzdem noch von Vorteilen ihrer früheren Rolle profitieren, freut nicht alle.

Von Ulrike Wirtz

"Unsere Institute stehen heute wirtschaftlich noch stärker im Markt als vor drei Jahren", freut sich Heinrich Haasis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), beim Deutschen Sparkassentag 2007. Thema des in Bochum stattfindenden Events: der gesellschaftliche Wandel in Deutschland - geschmückt mit dem Titel "Fair. Menschlich. Nah. Sparkassen. Gut für Deutschland."

Erfolgreiches Geschäftsmodell

Der Sparkassenverband nutzt seinen speziellen Tag natürlich auch, um das erfolgreiche Geschäftsmodell seiner Mitglieder anzupreisen. Zum Verbund gehören 457 Sparkassen, nicht gerechnet Landesbanken, Leasing-Häuser oder Bausparkassen. Wie der DSGV aktuell bekannt gibt, weisen diese 457 Kassen für 2006 in toto eine Bilanzsumme von 1027 Milliarden Euro aus. Sie konnten ihr Geschäft kontinuierlich steigern - trotz der stetig sinkenden Zahl an Kassen. Denn im Jahr 2000 gab es noch 562 und 1990 sogar 770 Stück. Auch der Jahresüberschuss der Gruppe ist im vergangenen Jahr leicht gestiegen - auf 2,2 Milliarden Euro gegenüber 2,1 (2005) und 1,9 Milliarden Euro (2004).

Sind Sie Sparkassenkunde?

Damit reichen die öffentlich-rechtlichen Sparkassen selbst im Verbund lange nicht an den deutschen Branchenprimus heran, die Deutsche Bank AG aus Frankfurt/Main. Die Privatbank weist allein eine Bilanzsumme von 1126 Milliarden Euro im Jahr 2006 vor, der Jahresüberschuss des Global Player erreicht 6 Milliarden E, ihre Eigenkapitalrendite 30,7 Prozent.

Vorteile zu Unrecht?

Dennoch haben sich die Sparkassen, so wie sie inzwischen agieren, weit entfernt von ihrem Ursprung und der ihr einst vom Staat zugedachten Sonderrolle. "Ihr Förderauftrag war es, die Bank der kleinen Leute zu sein. Dieser Auftrag ist nicht mehr gegeben. Trotzdem genießen die Sparkassen noch manchen Vorteil aus ihrer früheren Rolle. Aber zu Unrecht", betont Professor Wernhard Möschel, Bankenrechtsexperte von der Universität Tübingen.

Vorgänger der heutigen Sparkassen war die "Ersparungsklasse" der Allgemeinen Versorgungsanstalt in Hamburg. Sie wurde 1778 gegründet, um "die Ersparnisbildung und die finanzielle Vorsorge breiter Bevölkerungsschichten zu fördern, das Armutsproblem zu bekämpfen und die Ersparnisbildung in der Region für die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort einzusetzen", wie der DSGV die historischen Wurzeln beschreibt. 1920 wurde ihnen das kurzfristige Einlagen- und Kreditgeschäft genehmigt, 1958 erkämpften sie beim Bundesverfassungsgericht die Erlaubnis, ohne vorherige Bedürfnisprüfung Zweigstellen errichten zu dürfen. Somit stand die Basis für die Expansion ins bundesweite Geldgeschäft. Damit die finanzschwache Klientel keinen Schaden nehmen konnte, ging die öffentliche Hand für ihre Kassen in die Haftung.

Früher nur geringe Guthaben und keine Kredite

Vergessen sind die Zeiten, dass Sparkassen Sparbucheinlagen nur bis 1000 DM anbieten durften und keinerlei Kredite. 2006 haben sie an Privatpersonen Darlehen von insgesamt 294,8 Milliarden Euro vergeben. Geschäftskunden erhielten letztes Jahr Kreditzusagen von insgesamt 42,5 Milliarden Euro. Die lagen 2004 bei "nur" 35,3 Milliarden Euro. Beim Kreditgeschäft mit Selbständigen und Unternehmen halten die Sparkassen laut DSGV heuer einen Marktanteil von 44,1 Prozent, während die Großbanken sich mit 15,5, Prozent begnügen.

Ein deutliches Plus verzeichnen die früheren Geldhäuser der kleinen Leute auch beim Absatz von Wertpapieren. Dieser stieg binnen eines Jahres von 107,8 Milliarden Euro auf aktuell 126,7 Milliarden Euro und damit um 17,5 Prozent. Die Produktpalette zeigt, dass die Sparkassen nunmehr Allfinanzangebote offerieren - wie die Privatbanken. So schaffen es die Big Player der Gruppe - Hamburger Sparkasse und Sparkasse KölnBonn - unter die Top 100 deutscher Kreditinstitute: Laut dem Branchenorgan "dieBank" arbeiteten sich Hamburger und KölnBonner auf den 42. bzw. den 45. Platz vor.

Haftung fiel 2005 weg

Dieser Wandel kostete die Sparkassen inzwischen die gesetzlich verbriefte Gewährträgerhaftung der öffentlichen Hand. Die Haftung fiel Mitte 2005 weg, weil die EU darin eine unzulässige Subvention gegenüber den Privatbanken sah. Kommunen, Kreise und Bundesländer standen denn auch früher dafür ein, wenn ihren "Banken" etwa durch überzogene Kreditzusagen Geld fehlte. Dazu konnte es etwa deshalb kommen, weil Städte oder Landkreise ihre Sparkassen aus strukturpolitischen Gründen veranlassten, ansiedlungswillige Unternehmen mit günstigen Darlehen zu locken. Fiel die Eigenkapitalquote dieser Finanziers unter die vom Kreditwesengesetz vorgeschriebene Höhe, schoss die Staatskasse, letztlich also der Steuerzahler, Geld nach. "Das war ein erheblicher, nicht gerechtfertigter Wettbewerbsvorteil gegenüber Privat- und Genossenschaftsbanken", betont Bankenrechtler Möschel.

Heute verfügt die Sparkassen-Finanzgruppe über ein eigenes Sicherungssystem. Dennoch besteht laut Möschel die öffentliche Haftung faktisch fort, "da kein öffentlich-rechtlicher Eigner sein Finanzinstitut Pleite gehen lässt". Ganz offiziell haben die Sparkassen ihren Namen über die Zeit gerettet. "Sparkasse" darf sich nach wie vor nur ein öffentlich-rechtliches Kreditinstitut nennen. "Das ist ein großer Erfolg für den Verbraucher", so DSGV-Präsident Haasis. "Und ein großer Marktvorteil für die Sparkassen", so Professor Reinhard Welter von der Universität Leipzig. Denn der Name suggeriert beim Kunden unverändert Staatsgarantie.

Günstige Kondiditonen

Positiv für die Klientel schlagen die Konditionen zu Buche. Wissenschaftler Welter: "Die Sparkassen stellen weiterhin ein Korrektiv am Markt dar. Schließlich muss sich bei den Privatbanken das Eigenkapital mit 20 bis 25 Prozent verzinsen. Die Sparkassen begnügen sich mit einer Eigenkapitalrendite unter zehn Prozent." Bei den Privaten steht der Erlös den Aktionären zu, bei den Öffentlich-Rechtlichen fließt er unter anderem in 642 Sparkassen-Stiftungen. Haasis: "Dadurch ist jeder Bürger ein Shareholder." Doch ohne Stimmrecht. Damit das so bleibt, hält die Politik an der öffentlich-rechtlichen Rechtsform ihrer Sparkassen fest.