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Gebühr für Geldeinlage: Wetten, dass Sparer keine Strafzinsen zahlen müssen?

Die ersten Banken verlangen Strafzinsen für Geldeinlagen. Die Debatte darüber trägt Züge einer Hysterie. Für Privatkunden werden sie nicht kommen - da wette ich mit Ihnen.

Ein Kommentar von Christian Kirchner

Strafzinsen gibt es schon länger

Wenn Sie in den 60er- oder 70er-Jahren geboren wurden, waren Sie vermutlich wie ich Zeugen einiger schulischer Veränderungen. Statt Schüler zur Strafe in eine Ecke zum Schämen zu stellen, suchten Lehrer den Dialog. Jungen mussten wie Mädchen Häkeln und Stricken lernen. Und wer zu viel schwätzte, reinrief oder sich auf dem Pausenhof daneben benahm, der bekam früher eine Strafarbeit aufgebrummt, die aber aus pädagogischen Gründen dann in "Übungsarbeit" umbenannt wurde. Denn, so die Logik, das Abschreiben der schulischen Hausordnung etwa sei keine Strafe, sondern solle den Schülern Gelegenheit geben, die Regeln zu verinnerlichen.

Was das mit Geldanlage zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn ginge es nach den Notenbanken und manchen Geschäftsbanken, müsste man eigentlich auch das Wort "Strafzinsen" abschaffen und stattdessen konsequent "Übungszinsen" verwenden. Denn Notenbanken berechnen Banken zwar Minuszinsen für Einlagen, und erste Banken reichen diese Minuszinsen an Großkunden mit hohen Einlagen weiter.

Strafzinsen gibt es schon längst

Aber natürlich ist auch das in den Augen der Notenbanken keine Strafe, sondern eine Übung, doch bitte darüber zu sinnieren, ob man das Geld wirklich bei der Notenbank parken wolle oder stattdessen lieber als Kredit ausreichen möge. Und reichen Banken den Minuszins weiter, kommt auch dies der Übung für Kunden gleich, besser etwas anderes mit dem Geld anzustellen. Zum Beispiel rentablere (und provisionsstärkere) Produkte zu erwerben oder mit dem Geld besser zu einer anderen Bank zu gehen, weil man damit nichts anfangen kann.

Die große öffentliche Erregung über den "Tabubruch" der Strafzinsen entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik. Denn Strafzinsen gibt es schon länger: Zum Beispiel bei Banken, die für Sparbücher und Konten ohne Umsätze oder mit geringem Guthaben jährliche "Kontoführungsgebühren" berechnen. Und natürlich klingt „Kontoführungsgebühr“ auch besser als "Strafgebühr", auch wenn im Dunkeln bleibt, warum Nichtstun kostenpflichtig sein soll.

Real gibt es Strafzinsen auch schon seit Jahrzehnten. Denn über Inflationsraten oberhalb der Sparbuchzinsen haben Anleger schon in den siebziger und achtziger Jahren manchmal jahrelang real Strafzinsen bezahlt. Weil sie die Geldentwertung aber bei ihrer Geldanlage kaum wahrnehmen, spielt das psychologisch keine Rolle. Das heißt: Sparer sind bereit, eine Inflation von zwei Prozent zu akzeptieren, wenn sie auf ihr Sparbuch ein Prozent Zinsen bekommen. Über die Differenz freuen sich Bank und Staat. Wehe aber, die Bank will ihnen in einem fast deflationären Umfeld 0,1 Prozent pro Jahr abziehen. Im ohnehin seit der Lehman-Pleite grunderregten Umfeld wittern Sparer dann wilde Abzocke der Banken.

Imageschaden und Kundenflucht

Und genau hier liegt auch der Grund dafür, warum die Debatte für Privatkunden eher hysterische Züge trägt. Strafzinsen in der Breite für Privatkunden mit kleineren Anlagesummen dürfte es auch künftig kaum geben. Eine Bank, die diesen Schritt geht, ruiniert ihr Image in der Öffentlichkeit (Fingerzeige Richtung EZB werden kaum helfen), bekommt im Wettbewerb Probleme und vermutlich das Geld rasch abgezogen, weil der Kunde sich über den Tisch gezogen fühlt. Denn es gibt genug Banken, die das Geld auch zu Minizinsen nehmen würden – weil sie selbst eine schlanke Kostenstruktur haben oder die Hoffnung haben, es später in rentablere Produkte überführen zu können. Imageschaden und Kundenflucht wären ein hoher Preis für eine überschaubare Summe an Zinsmarge, die die Banken für kleinere Summen von 5000, 10.000 oder 20.000 Euro draufzahlen müssen, selbst wenn die Europäische Zentralbank (EZB) den Zins für Bankeinlagen nochmals senkt.

Kleine Wette gefällig?

Bin ich mir da sicher? Ja, und zwar so sicher, dass ich Ihnen als Leser gerne eine Wette anbiete: In Deutschland werden bis Ende 2015 keine drei Banken Strafzinsen für kleinere Guthaben bis 20.000 Euro erheben. Als Wetteinsatz schlage ich 100 Euro für einen guten Zweck vor, den sich der Gewinner aussuchen darf und der Verlierer zahlt. Halten Sie dagegen? Dann schreiben Sie mir eine E-Mail an kirchner.christian@capital.de.

Doch unabhängig davon: Fruchten die Maßnahmen? Sprich: Reichen Banken wieder mehr Kredite aus, wenn die Notenbank ihnen Strafzinsen berechnet?

Führen wir uns auch dazu vor Augen, dass gewünschte Verhaltensänderungen von Schülern von vielen Variablen abhängen, in denen eine Straf- bzw. Übungsarbeit nur ein Puzzlestückchen sein kann. Genau so ist es auch mit den Strafzinsen, wo überdies die ausbleibende Kreditnachfrage ein Problem ist. Es ist leider wenig plausibel, dass Banken ihre Kreditvergabe ausweiten, weil sie ein paar Basispunkte Strafzinsen zahlen müssen, zumal ein Pädagoge den Umfang von Strafarbeiten beliebig ausweiten kann – die Notenbank hingegen nicht: Ab einer gewissen Höhe lohnt es sich für Kunden schlicht, das Geld abzuheben und in einem Tresor zu horten und zu versichern.

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