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Studie: Was Kassenärzte wirklich verdienen

Niedergelassene Ärzte klagen seit Jahren, sie würden zu wenig verdienen. Eine Studie des Bundesgesundheitsminsteriums, die stern.de vorliegt, belegt das Gegenteil: Augenärzte zum Beispiel erwirtschafteten zwischen 1997 und 2005 ein sattes Plus von 37,9 Prozent.

Von Andreas Hoffmann

Bei Treffen von Ärztefunktionären gibt es eine Konstante: die Klage über mickrige Honorare. Wenn sich Deutschlands Mediziner nächste Woche auf dem 111. Deutschen Ärztetag in Ulm versammeln, werden sie wieder jammern, wie schlecht ihre Arbeit bezahlt wird. Mit der Realität hat die Klage wenig zu tun, wie eine Analyse des Bundesgesundheitsministerium zeigt, die stern.de vorliegt. Sie beruht auf Statistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dem obersten Zusammenschluss der Kassenärzte. Dieser Verband verteilt mit seinen 17 regionalen Ablegern die Honorare unter den niedergelassenen Medizinern. Den Angaben zufolge verdienen Deutschlands Ärzte recht gut, einige Fachgruppen konnten ihre Einnahmen zuletzt kräftig steigern. Zwischen 1997 und 2005 stieg bei den Radiologen der Praxisüberschuss - das ist jene Summe, die nach Abzug der Kosten für Praxis und Personal übrig bleibt - um fast 38 Prozent im Westen über 50 Prozent im Osten. Augenärzte verbuchten im selben Zeitraum Zuwächse von 38 Prozent (West) und 28 Prozent (Ost), Allgemeinärzte von 19 Prozent (West) und 29 Prozent (Ost). Die Bruttolöhne der Arbeitnehmer legten dagegen in derselben Zeit nur um neun Prozent zu.

Hausärzte profitierten besonders

Manche Arztgruppen, wie Hals-Nasen-Ohrenärzte, Hautärzte, Urologen und Orthopäden mussten aber auch leichte Einbußen hinnehmen. Am größten waren sie bei Psychiatern mit einem Minus von 17 Prozent im Westen und 14 Prozent im Osten. Unter dem Strich gab es in den vergangenen Jahren jedoch für die Mediziner mehr. Die Honorarsumme der niedergelassenen Ärzte wuchs von 22,2 Milliarden Euro im Jahr 1997 auf rund 27 Milliarden 2006. Gleichzeitig stieg zwar auch die Zahl der ambulant tätigen Ärzte um ein Siebtel auf 136.100, dennoch konnte jeder niedergelassene Arzt sieben Prozent mehr Honorar einstreichen.

Besonders profitierten zuletzt die niedergelassenen Hausärzte. Innerhalb eines Jahres stiegen ihre durchschnittlichen Einkünfte mit den Krankenkassen im Jahr 2006 um 3650 Euro auf 83.819 Euro im Westen und um 3163 Euro auf 79.353 Euro im Osten. Bei den hausärztlichen Internisten wuchsen die Überschüsse um 1783 Euro auf 81.646 Euro in den alten Ländern und um 3267 Euro auf 86.719 Euro in den neuen Ländern. Doch Fachärzte verdienen meist besser, ihr durchschnittliches Einkommen lag 2006 bei 95.466 Euro, dabei sind nicht-ärztliche Psychotherapeuten nicht mitgezählt. Nicht nur die Art der Medizinertätigkeit bestimmt das Einkommen, auch der Sitz der Praxis ist wichtig. Im Süden Deutschlands verdienen die Herren Doktoren besser als im Norden, im Jahr 2006 lag der durchschnittliche Überschuss eines niedergelassenen Arztes in Nord-Württemberg bei 104.022 Euro, in Berlin bei 70.865 Euro.

Zusätzliches Geld durch IGeL

Neben diesen Einkünften von den Krankenkassen haben viele Ärzte noch weitere Einnahmen, zum Beispiel wenn sie Privatpatienten behandeln. Im Jahr 2006 gaben die Privatversicherer (PKV) für 8,4 Millionen Vollversicherte 4,25 Milliarden Euro aus. Das heißt: Pro niedergelassenen Arzt fließen im Schnitt 33.023 Euro von der PKV. Allerdings profitieren die Ärzte sehr unterschiedlich von diesem Geld. Je nach Region und Facharztgruppe schwankt der Anteil der Privathonorare stark, bei manchen Ärzten machen sie nur sieben Prozent der Gesamteinnahmen aus, bei anderen bis zu 33 Prozent. Schließlich bieten viele Ärzte noch "IGeL-Leistungen" an, die sie dem Patienten direkt berechnen. Das sind Zusatzbehandlungen, wie Ultraschalluntersuchungen oder Augeninnendruckmessungen, deren Nutzen umstritten ist. Das wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen schätzt, dass die Ärzte damit etwa eine Milliarde Euro pro Jahr einnehmen.

Gemessen an all den Einnahmen der Ärzte sieht das Einkommen ihrer Patienten viel bescheidener aus. Wie aus dem Ministeriumspapier hervorgeht, lag das Durchschnitteinkommen aller Bürger im Jahr 2003 bei 24.618 Euro und bei den Rentnern sogar nur bei 15.947 Euro. In diese Zahlen sind Zusatzeinkünfte aus Vermögen oder Kindergeld einberechnet, die bei Angaben der Ärzte fehlen. Deswegen sei der Einkommensvergleich zwischen Bürgern und Ärzten "noch deutlich unterzeichnet". Zum Klagen über mickrige Honorare besteht für die Ärzte also kein Anlass.