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Unternehmen: Job-Verlagerung in Billiglohnländer treibt Globalisierungsängste

In den USA geht die Angst vor der Abwanderung hochkarätiger Arbeitsplätze in Billiglohnländer um. Angesichts des schwachen Stellenmarktes schlachten die Demokraten das Thema im Wahlkampf richtig aus.

In den USA geht die Angst vor der Abwanderung hochkarätiger Arbeitsplätze in Billiglohnländer um. Angesichts des schwachen Stellenmarktes schlachten die Demokraten das Thema im Wahlkampf richtig aus. Die Diskussion über das Für und Wider wird aber auch in Ökonomenkreisen hitziger. Keiner hat ein Patent parat, was für für Arbeitsplätze abwandernde Jobs ersetzen könnte.

Steuererklärung aus Indien

Software-Ingenieur Dean McCoy (53) lebt wieder bei seiner Mutter. Vor zwei Jahren verlor der Kalifornier seinen Job. Die Ersparnisse sind weg, das Haus auch. "Ein Arbeitsplatz, das ist meine größte Sorge", sagt er. Jerry Rao lebt in Banglore, Indien. Sein Geschäft blüht. Er macht Steuererklärungen für amerikanische Steuerberater. "Wir haben tausende in Arbeit", berichtet er US-Reportern begeistert, die sich auf die Suche nach verloren Jobs gemacht haben.

3,3 Millionen Jobs betroffen

Nach Industrieschätzungen sind bereits 400.000 bis 500.000 Jobs aus der Informationstechnologie abgewandert. Ein Bruchteil der insgesamt 130 Millionen Arbeitsplätze, doch beschleunigt sich der Trend. Das angesehene Forrester-Institut rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren allein aus Bereichen wie Kundenservice, Buchhaltung, Personalverwaltung 3,3 Millionen Arbeitsplätze aus den USA in Billiglohnländer ausgelagert werden.

USA bald ein Drittweltland?

Arbeitnehmer wettern zunehmend gegen Globalisierung und Freihandel. Besonderen Zorn erregt, dass auch Steuergelder im Ausland landen. Paradoxerweise werden zum Beispiel in Pennsylvania und New Jersey Service-Hotlines für Sozialschwache, die Nahrungsmittelkarten erhalten, aus Indien und Mexiko beantwortet. Wenn die Jobs in den USA geblieben wären, gäbe es weniger Bedürftige, sagen Kritiker empört. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry will Freihandelsabkommen wie das mit Mexiko und Kanada (NAFTA) neu verhandeln. Ein respektierter Ökonomen warnt inzwischen vor den heimischen Folgen der Globalisierung. "Die USA werden in 20 Jahren ein Drittweltland sein", mahnt Paul Roberts, unter Ronald Reagan Abteilungsleiter im US-Finanzministerium in der «Washington Post».

Ohne Einkommen kein Konsum

Das Argument, Unternehmen sparten schließlich durch Job-Auslagerung und damit würden Produkte billiger und Anreize für Konsum und Investition geschaffen, zieht für Roberts nicht. Ohne Jobs kein Einkommen, sagt Roberts. "Der Einkommensverlust wiegt schwerer als niedrigere Preise". Josh Bivens, Volkswirt vom liberalen Economic Policy Institute in Washington, verlangt eine bessere Fürsorge durch den Staat. "Regierungen müssen sicherstellen, dass der Lebensstandard der zurückgebliebenen Arbeiter nicht auf dem Altar der Globalisierung geopfert wird", sagt er.

Besseres Geschäftsklima gefordert

Was für neue Jobs eine Volkswirtschaft für die neuen Arbeitslosen schaffen kann, wissen auch Roberts' Kritiker nicht. Sie vertrauen aber auf den Innovationsgeist der amerikanischen Gesellschaft. "Wir sind flexibel und offen, technologie-freundlich und risikofreudig", meint der Direktor der Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Roach. "Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, neue Quellen für Arbeitsplatzbeschaffung aufzutun als über die Verluste zu klagen." Präsident George W. Bush gibt sich auch als Optimist: "Mit der Jobabwanderung wird man fertig, indem man für ein besseres Geschäftsklima in den USA sorgt", sagt er, und fordert den Kongress auf, die zeitliche Begrenzung für seine massiven Steuersenkungen aufzuheben.

Dritte Phase der Globalisierung

"Ich habe eine Revolution verpasst. Weltweit hat die dritte Phase der Globalisierung begonnen", schreibt der Kommentator der «New York Times», Thomas Friedman. Er fragt sich, ob in einigen Jahrzehnten wohl dies oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 als wichtigstes Ereignis dieser Zeit in den Geschichtsbüchern stehen wird.

Christiane Oelrich, dpa / DPA
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