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Währungsspekulation: Wie die Heuschrecken den Euro auffressen

Wenn Währungen unter Druck geraten oder Staaten von der Pleite bedroht werden, dann schlägt die Stunde der Spekulanten. Hier erklären wir, wie sie Profite in der Krise machen.

Die EU hat einen Sündenbock für die Griechenland- und Euro-Krise ausgemacht: die Spekulanten. Mit "Wetten" auf Staatspleiten und Währungsverfall machen sie enorme Gewinne - und forcieren die Krise weiter. Wie das funktioniert, erklären wir hier.

Wer sind die Spekulanten?

Politiker beschuldigen vor allem Hedgefonds, die Schuldenkrise in Griechenland zugespitzt zu haben. Diese Fonds sind besonders spekulativ ausgerichtet: Die - meist institutionellen - Anleger investieren in sie in Erwartung hoher Renditen. Um diese zu erzielen, müssen Hedgefonds riskante Strategien verfolgen. Ihr Vorgehen wird so oftmals als rücksichtslos empfunden, der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering verglich sie mit Heuschrecken. Aktuell wirft die Politik Hedgefonds vor, sie hätten die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf Staatsanleihen weiter in die Höhe getrieben. Wegen der wachsenden Sorge vor einer Staatspleite Griechenlands waren die Kosten für diese sogenannten Credit Default Swaps (CDS) ohnehin stark gestiegen. Dadurch wurde es für Griechenland schwerer, sich Geld an den Finanzmärkten zu leihen. Besonders verärgert sind die Politiker über Spekulanten, die CDS-Papiere kaufen, obwohl sie gar keine Staatsanleihen besitzen, gegen deren Ausfall die Versicherung eigentlich schützen soll.

Warum blüht der spekulative Handel in Krisenzeiten auf?

Es gibt bestimmte Finanzinstrumente, die eigentlich als Absicherung gedacht sind. Für internationale Konzerne können Preisschwankungen bei Rohstoffen, Währungen oder Zinsen gefährlich werden - dagegen können sie sich etwa mit Derivaten schützen. Sie kommen dann zum Tragen, wenn zum Beispiel eine Währung an Wert verliert. Auch für bestimmte Ereignisse wie einen Staatsbankrott oder eine Unternehmensinsolvenz gibt es Derivate, um die damit einhergehenden Verluste über das Absicherungsinvestment abzufedern. Dieser gewöhnliche Einsatz von Derivaten gilt erst einmal nicht als Spekulation. Allerdings sind diese Finanzinstrumente natürlich auch eine Verlockung für Spekulanten, wenn sie Krisen erwarten. Und so nutzen Banken und Hedgefonds zum Beispiel Derivate auch dazu, um auf fallende Preise quasi zu wetten. Wann das geschieht und in welchem Umfang, ist schwer zu überblicken. Es gibt keine echte Überwachung des rund 350 Billionen Euro schweren Derivate-Marktes. Der Handel wird nicht aufgezeichnet, viele Millionenverträge werden per Fax abgeschlossen.

Gibt es Beweise für aktuelle Spekulationen?

Einblick haben weniger als ein Dutzend Banken wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank, über die der Derivate-Handel ausgeführt wird. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat untersucht, ob die Kursschwankungen bei griechischen Staatsanleihen auf einzelne Investoren zurückzuführen sind. Sie kam zu dem Schluss, dass die Kosten für Kreditausfallversicherungen in erster Linie wegen des wachsenden Risikos eines Zahlungsausfall Griechenlands stiegen. Auch die europäische Börsenaufsicht fand bislang keine Beweise dafür, dass pure Spekulation dahinter steckt.

Wie will die EU den Spekulanten beikommen?

Derzeit überarbeitet die EU ihr Regelwerk für den Finanzsektor. Sie will riskante Geschäfte mit Gehaltsobergrenzen und höheren Eigenkapitalanforderungen eindämmen. Finanzmarktkommissar Michel Barnier will im Juni neue Regeln für den Derivate-Handel vorlegen. Die Finanzaufsicht soll etwa die Erlaubnis bekommen, einzelnen Spekulanten eine Obergrenze für den Handel mit Derivaten aufzuerlegen. Der Handel mit Derivaten soll künftig aufgezeichnet, über eine zentrale Clearing-Stelle abgewickelt und schrittweise an die Börsen verlegt werden. Später sollen neue Regeln für den Handel mit Kreditausfallversicherungen folgen.

Werden diese Maßnahmen funktionieren?

Die europäischen Gesetzgeber wollen Hedgefonds und Beteiligungsfirmen an die Kandare nehmen, indem sie deren Kreditaufnahme, Investitionen und Gehälter kontrollieren. Das neue System soll es für die Finanzaufsicht einfacher machen, die Hedgefonds zu durchschauen. Wenn Spekulanten auf einen Markt drängen, sollen die Behörden künftig einfacher dagegen vorgehen können. Experten bezweifeln aber, dass die neuen Regeln ihren Zweck erfüllen. Sie verweisen vor allem darauf, dass die Aufsichtsbehörden zu wenig Macht besitzen. Auch der Nachweis der Spekulation ist schwierig. Großbritannien versucht zudem, die Regeln zu verwässern. Das Land befürchtet, dass die EU zuviel Einfluss auf das Finanzzentrum London gewinnt. Die Stadt ist nach New York weltweit der zweitwichtigste Sitz für Hedgefonds.

Reuters / Reuters