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Wegweiser: So haben Sie Ihre Finanzen im Griff

Raus aus dem Finanzchaos: Nur wenige haben ihren Geldalltag im Griff - mit Hilfe des stern-Wegweisers gewinnen Sie den Überblick

Was sind Baby-Bonds, wollte Günther Jauch in seiner Sendung "Wer wird Millionär?" von Nina Grönhagen wissen. "Handelt es sich
a) um Wertpapiere,
b) Zwergwale,
c) Mikrochips oder
d) Agentennachwuchs?"
Für die 29-jährige Landschaftsökologie-Studentin aus Soest ging es um die 4000-Euro-Frage. Sie hatte noch alle Joker, verließ sich trotzdem auf ihr eigenes Wissen und tippte auf Agentennachwuchs. Mit einem milden Jauch-Lächeln und 500 Euro wurde Nina Grönhagen verabschiedet. Hätten Sie's gewusst? Richtig ist a) Wertpapiere (> genauer: Baby-Bonds sind Schuldverschreibungen mit geringem Nominalwert).

Wie gut kennen sich die Deutschen in Geldangelegenheiten aus? Das Forschungsinstitut Infratest hat im Auftrag der Commerzbank 1.032 Personen befragt und Erstaunliches herausgefunden: Mehr als die Hälfte der Deutschen kennt nicht den Unterschied zwischen Aktie und Anleihe (> Bei einer Aktie erwirbt man Anteile an einem Unternehmen, bei einer Anleihe leiht man einem Unternehmen Geld). Fast jeder Zweite weiß nichts von seinem Recht auf Widerruf seines Kreditvertrags (> schriftlich innerhalb von zwei Wochen nach Abschluss). Nur etwa die Hälfte weiß, nach wie vielen Jahren eine Lebensversicherung steuerfrei ausgezahlt werden kann (> nach zwölf Jahren).

Um das Finanzwissen der Deutschen ist es schlecht bestellt. Dabei wäre es jetzt so wichtig, Bescheid zu wissen: Viele verzockten in den vergangenen Jahren einen großen Teil ihrer Ersparnisse an der Börse, seit Oktober 2000 sank das verwaltete Vermögen der Aktienfonds um etwa 111 Milliarden Euro. Die Lebensversicherungen wackeln, die erste Assekuranz ging schon Pleite. Und die Rente ist alles andere als sicher. Die Deutschen sind sich aber ihrer Wissenslücken noch nicht einmal bewusst. 80 Prozent der Bevölkerung fühlen sich bei der Planung ihrer persönlichen Finanzen zumindest "einigermaßen sicher", so die Commerzbank-Studie zur finanziellen Allgemeinbildung. Ein eklatanter Fall von Selbstüberschätzung: Wir haben keine Ahnung, glauben aber, wir hätten sie. Eine denkbar ungünstige Voraussetzung, um über den Kauf einer Lebensversicherung oder die Aufnahme eines Kredits entscheiden zu können.

Zusammen mit dem Forschungs- und Beratungsinstitut für Finanzdienstleistungen Evers & Jung hat der stern die fünfteilige Serie "Das 1 x 1 des Geldes" entwickelt - ein Wegweiser durch die komplexe Finanzwelt. Mit Tests und Checklisten können Sie herausfinden, ob Sie die richtigen Kreditkarten haben, ob Sie über- oder unterversichert sind oder wie viel Kredit Sie sich leisten können. Wenn Sie die Serie einmal für sich durchgehen, bekommen Sie Ihre Finanzen grundlegend in den Griff. Dann können Sie sicher sein, zumindest keine groben Fehler mehr zu machen.

Wissen über den Umgang mit Geld wird immer wichtiger, denn die Deutschen befinden sich in Sachen Finanzen in einer neuen Situation. Der Staat zieht sich aus der sozialen Sicherung zurück, der Einzelne muss mehr Eigenverantwortung übernehmen. Zum Beispiel bei der Vorsorge fürs Alter. Weil die gesetzliche Rente zur Sicherung des Lebensstandards nicht mehr ausreicht, sollten vor allem jüngere Arbeitnehmer privat vorsorgen, also eine Risikolebensversicherung von einer Kapitallebensversicherung unterscheiden können. Wissen Sie den Unterschied? Eine Risikolebensversicherung zahlt nur im Todesfall des Versicherten an die Hinterbliebenen einen vertraglich festgelegten Betrag aus; eine Kapitallebensversicherung zahlt auch, wenn der Versicherte nicht stirbt.

"Über Geld spricht man nicht", heißt es, und "Bei Geld hört die Freundschaft auf". Hat der Volksmund Recht? Das Ideenlabor der Commerzbank erforscht, wie die Bevölkerung über Geld denkt und wie sich die Menschen in finanziellen Dingen verhalten. Stefan Hradil, Professor am Institut für Soziologie der Universität Mainz, sagt: "Über Geld spricht man nur, wenn man zu wenig davon hat." Beispielsweise in Familien, die mit ihren Finanzen eher schlecht über die Runden kommen und ihren Kindern ständig erklären müssen, warum das Taschengeld nicht erhöht wird oder eine Marken-Jeans zu teuer ist.

Was aber fehlt, so der Professor, ist konstruktives und positives Reden über Geld. Wer spricht schon über die Höhe seines Einkommens? Wer sagt anderen, was er mit seinem Geld macht und wie er es anlegt? Noch immer ist die Frage nach dem Verdienst tabu. "Männer scheuen sich nicht, in Talkshows zu erzählen, wie oft sie ihre Frau betrogen haben", sagt Hradil. "Doch fragen Sie mal jemanden, wie viel er verdient und was er mit seinem Geld macht - das ist in diesem Land ungehörig." Warum ist das so? Soziologe Hradil weiß eine Antwort. "Geld allein bringt kein Prestige. Pluspunkte sammelt man im Bekanntenkreis mit seinem Lebensstil, seinem schicken Auto oder dem neuesten Handy. Aber nicht, wenn man in Geldfragen besonders clever ist."

Es gibt weitere Gründe. So hat der Staat im Laufe der letzten hundert Jahre seinen Bürgern immer mehr Verantwortung abgenommen. Bei Jobverlust zahlt die Arbeitslosenversicherung. Im Krankheitsfall springt die Kasse ein. Im Alter gibt es Rente oder Pensionen. Wer in eine solche Vollkaskokultur hineinwächst, erwartet, dass ihm die finanziellen Entscheidungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Altersvorsorge abgenommen werden. Da ist der Antrieb gering, selbst aktiv zu werden, wie die Zurückhaltung bei der Riester-Rente zeigt. Nun aber geht Vater Staat das Geld aus, und seine Kinder müssen sich selbst kümmern.

Doch die meisten Menschen glauben, Finanzprodukte seien furchtbar kompliziert, und befassen sich deshalb erst gar nicht damit. So lernen wir nichts hinzu und können nicht verantwortungsvoll mit unserem Geld umgehen. Wer kann uns in dieser Misere helfen?

An zu wenig Information liegt es sicher nicht. Am Bankschalter, im Beratergespräch, in Zeitungen und Fernsehen werden wir mit Finanz-Allerlei bombardiert. Was aber fehlt, sind konkrete Anleitungen. "Entweder sind die Informationen ohne Bezug zueinander, oder sie brechen an der Stelle ab, wo es für den Kunden wichtig wird: bei der Anwendung und Wirkung", sagt Marco Habschick von Evers & Jung. So warnt das Ideenlabor der Commerzbank in seinem Kanon der finanziellen Allgemeinbildung beispielsweise vor unbedacht abgeschlossenen Langfrist-Verträgen wie Lebensversicherungen oder Bausparverträgen: Im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung können diese die Krise verschärfen, denn eine Kündigung zum falschen Zeitpunkt bedeutet hohe finanzielle Verluste.

Die Banken und Versicherungen sind laut Commerzbank-Studie die wichtigsten Ansprechpartner der Bevölkerung für die finanzielle Allgemeinbildung. Doch Bank-Berater und Versicherungsvertreter präsentieren immer nur die Eigenschaften und Vorzüge ihrer Produkte. Sie sagen uns meist aber nicht, wo ihre Nachteile liegen. Ihr Motto: Ein dummer Kunde ist ein guter Kunde. Er stellt keine schwierigen Fragen, weil er gar nicht weiß, wonach er fragen soll. "Die Finanzdienstleister bieten zudem meist Standardprodukte an, die sich zu wenig an der tatsächlichen Lebenssituation und den zu erwartenden Risiken ihrer Kunden orientieren", kritisiert Professor Udo Reifner, Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen in Hamburg. "Die Sensibilität für die individuellen Probleme des Kunden ist gering, sie wollen stattdessen an ihm verdienen."

Grundkenntisse über Finanzprodukte und den Umgang mit Banken müssten zum "kleinen Einmaleins" gehören, meint denn auch Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. "Es ist zwingend, Kinder frühzeitig an einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld heranzuführen", sagt die Ministerin dem stern. "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir, heißt es im Volksmund. Also muss die Schule das Thema 'private Finanzen' fest in den Lehrplan aufnehmen."

Zaghaft beginnt sich der Unterricht zu ändern. Zum Beispiel in der Hamburger Gesamtschule Fährbuernfleet. Hier unterrichtet Freya Willer mit Unterstützung des Instituts für Finanzdienstleistungen 14 Jungen und Mädchen des neunten Jahrgangs im Wirtschaftskurs. Es geht auch um den Geldalltag: Wofür nutzt man ein Girokonto? Darf man mit 15 Jahren ein eigenes Konto eröffnen? Was ist ein Überziehungskredit? Die Jugendlichen sind mit Eifer dabei, können ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Lehrerin Freya Willer sagt: "Wir machen immerhin einen Anfang."

Joachim Reuter / print