VG-Wort Pixel

Altersheim 2030 Greise kuscheln mit Robotern


Die deutsche Gesellschaft vergreist; Architekten, die auf Altersheime spezialisiert sind, haben alle Hände voll zu tun. stern.de hat sich angeschaut, was sie planen - schließlich werden wir in ihren Entwurfswelten leben.
Von Inga Niermann

Sie fahren Harley und hören "Iron Maiden? Sie leben in einem Designerloft und kochen gerne asiatisch? Und wie wollen Sie in 30 Jahren leben? Auf jeden Fall anders als die Senioren von heute. "Die Alten von morgen sind selbstbewusste Individualisten, die auf hohem Niveau ihren Lebensabend bestreiten wollen - notfalls auch im Heim", sagt der Berliner Architekt Eckard Feddersen.

Mit Standardzimmern, Standardmöbeln und Standard-Beschäftigungsprogrammen ist es daher nicht getan. Die Pflegeheime der Zukunft müssen mehr bieten "Dort wird sich in Zukunft kein Mensch mehr einfach nur auf einen Haufen mit anderen zusammenrotten lassen. Sondern jeder will entscheiden, was er tut, wie er etwas tut und wann er es tut", betont Feddersen. Das Zauberwort lautet daher Flexibilität. Alte sollen sich entsprechend ihres persönlichen Geschmacks einrichten und entscheiden können, ob sie lieber in einem Doppel- oder in einem Einzelzimmer leben möchten. Die Wände müssen verstellbar sein, die Heimleitung soll flexibel auf die Wünsche ihrer Kunden reagieren. "Wer das möchte, dem male ich im Bad auch goldene Sternchen an die Decke", sagt Feddersen.

Lächelnd unter der Lichtdusche

Der Architekt, der seit 31 Jahren Altenheime plant, entwirft heute vor allem hotelähnliche Wohnanlagen für Senioren in urbanen Lagen. Zu seinen aktuellen Projekten zählt eine Seniorenresidenz in direkter Nachbarschaft zur Dresdner Frauenkirche. Die Anlage verfügt über eine Wellness-Oase, Gastronomie und eine Ladenpassage und ist mit einem 5 Sterne Hotel vergleichbar. Die Ansprüche an den Komfort werden künftig weiter steigen, glaubt Feddersen: "In 30 Jahren wird die Residenz in Dresden zum Beispiel nur noch als ein 3 Sterne-Haus bewertet werden."

In seinen Bauten verwendet Feddersen grundsätzlich warme Materialien wie Hölzer, die für eine wohltuende Atmosphäre sorgen sollen. Andererseits sollen die Oberflächen der Materialien unterschiedlich sein, damit die einzelnen Räume auch für demente Menschen sinnlich wahrnehmbar werden. Lichtduschen sowie hell ausgeleuchtete Flure und Zimmer dienen ebenfalls dem Wohlbefinden: Das Licht soll Altersdepressionen verscheuchen.

Senioren hören Heavy Metal

Fühlen sich die Ego-Greise von morgen wohl, werden sie vielleicht sogar geselliger sein als die Alten von heute. "Die alte Frau, die allein in ihrer eigenen 120 Quadratmeter-Wohnung wohnt, wird es jedenfalls nicht mehr geben", sagt der Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter. Der 68-Generation mit WG-Erfahrung werde es aber nicht schwer fallen, in Gemeinschaften zu leben: "Es ist quasi das genetische Programm der 68er-Generation." Den Alten von morgen stünden viele verschiedene Wohnformen zur Auswahl: Altersheime Hausgemeinschaften, die klassische Wohngemeinschaften und betreutes Wohnen für Alte. Auch Pflegebedürftige könnten in diesen Lebensgemeinschaften mitversorgt werden.

Neben der Architektur wird sich auch die Betreuung der Alten radikal ändern, sagt der Demenz-Experte Peter Wißmann. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass Küche und Unterhaltungsprogramm mehr Variationen bieten müssen. "Heute kann man einen Seniorennachmittag noch mit Volksmusik bestreiten", sagt Wissmann. Für die Alten von morgen ist das nichts - sie wollen Rock, Klassik, Jazz oder Heavy Metal.

Roboter haaren nicht

Am schwierigsten scheint die Frage zu sein, was passiert, wenn dann doch die Spannkraft nachlässt und die Alten dement werden. Zukunftsforscher Reiter warnt davor, dass in Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie Japan eintreten könnte: Dort werden in Einrichtungen zunehmend Roboter zur Pflege und zur Unterhaltung dementer Greise eingesetzt. In einem Pflegeheim in Osaka teilt sich zum Beispiel jeder Bewohner das Zimmer mit einem Haustier-Roboter.

Bei japanischen Pflegekräften erfreuen sich die knuddeligen Maschinen großer Beliebtheit, weiss auch Wißmann. Im Gegensatz zu echten Haustieren, die hierzulande manchem Heimbewohner Gesellschaft leisten, sind die Roboter-Kreaturen stubenrein, haben einen "Aus"-Knopf und können in den Schrank gestellt werden.

Doch Pflegeheime werden eben nicht die einzige Alternative für alte Menschen sein. Reiter hält es für möglich, dass sich ähnlich wie in den USA, "Senior Communities" entwickeln könnten, in denen der Mythos der "Power-Oldies" gepflegt wird und die negative Seite des Alterns und das Sterben ausgeblendet werden. Solche Gemeinschaften entstehen aber nicht in Stadtkernen, sondern in abgelegenen Regionen. Reiter tippt zum Beispiel auf Mecklenburg-Vorpommern. Oder, noch weiter östlich: Weissrussland.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker