Thermografie Mit dem Geld durch die Wand


Wegen veralteter Heizungen und fehlender Dämmung verheizen deutsche Hausbesitzer jährlich unnötig Millionen von Kilowattstunden - und Euro. Eine Thermografie-Kamera zeigt das wahre Ausmaß.
Von Sven Rohde

Glühend rot leuchtet das Haus der Familie Weber. Die Aufnahme stammt von einer Thermografie-Kamera: Überall, wo kräftiges Rot und helles Gelb scheinen, dringt Wärme nach draußen. Eine Energieberatung zeigt dem Weber-Haushalt, wie es besser geht.

Schon 23.000 Euro investiert

Gedankenlose Verschwender sind Matina Werner-Weber, 43, und Andreas Weber, 43, nicht. Vor fünf Jahren haben sie ihrem Haus für 6000 Euro eine neue Gasheizung spendiert und die prähistorische Anlage zum Schrotthändler bringen lassen. Im März 2006 engagierten sie die Bremer Energieberaterin Wiebke Weidner für einen Energie-Check ihres Hauses und ließen auf ihr Anraten für 17.000 Euro einige Fenster erneuern und das Dach beim Ausbau dämmen. Eine ordentliche Investition; mehr war erst mal nicht drin. Für den stern hat das Ehepaar aus Hatten im Oldenburgischen der Energieberaterin in diesem Jahr dann erneut die Türen geöffnet. Ihr Haus soll noch energieeffizienter werden, Strom- und Heizkosten sollen sinken.

Die erste Station des Rundgangs: die Küche. Frau Weidner blickt zunächst unter Dunstabzugshaube, Rührgerät, Kaffee- und Espressomaschinen, hinter die Waschmaschine und in den Geschirrspüler, immer auf der Suche nach einer Angabe für den Stromverbrauch. "Langsam wird's bitter", sagt Andreas Weber, als die Expertin das Energieeffizienzlabel der Gefriertruhe ausfindig macht und mit leisem Vorwurf in der Stimme die Klasse nennt: "Nur ein B!" Wo doch heute "A+" der Standard ist. Und die 540 Watt, auf die sich sämtliche Lampen in der Küche addieren, sind für die Fachfrau auch eine Umweltsünde. "Wir haben aber nie alle zusammen an", beteuert Matina Werner-Weber.

Welches Sparpotenzial steckt im Haus?

Wo im Alltag einer ganz normalen Familie CO2 produziert wird und welches Energiesparpotenzial in einem ganz normalen Einfamilienhaus steckt, wollte der stern wissen - und Webers hatten spontan zugesagt. Das Ergebnis nach einer Durchleuchtung mit der Wärmebildkamera und einer Prüfung von Heizung, Dämmung, Lüftung, Beleuchtung und aller Elektrogeräte: Es ist gewaltig. Insgesamt 62 Prozent der Heizenergie könnten Webers einsparen und mindestens 25 Prozent des Stroms. Für ihre persönliche CO2-Bilanz heißt das: Fast acht Tonnen Kohlendioxid pro Jahr wären vermeidbar. Der Kommentar des Hausherrn: "Wow".

Dank der bereits realisierten Maßnahmen stehen Webers schon um einiges besser da als Millionen anderer Hausbesitzer. Vier von fünf Wohnungen in Deutschland haben nicht annähernd den energetischen Standard, der durch heute übliche Baumaterialien und -methoden erreichbar ist. Der Wärmebedarf eines Neubaus beträgt oft nur 20 Prozent von dem so manchen Altbaus - und diese Bezeichnung verdienen nicht nur Häuser aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, sondern alle, die vor der 1. Wärmeschutzverordnung von 1977 gebaut wurden.

Der Laie sieht die Verschwendung nicht

Das Dumme: Wie viel Wärme ein Haus braucht, sieht der Laie nicht. Wo wie viel Energie verloren geht, deckt erst die Wärmebildkamera auf. Das Haus der Webers wurde 1974 gebaut. Gekauft haben sie es 1999, den verschachtelten Grundriss geöffnet, Bad und Küche saniert, die insgesamt 145 Quadratmeter für sich und die beiden Söhne Sebastian, 8, und Christopher, 12, schön hergerichtet. Die Küchenschränke und -geräte aus der Mietwohnung, 1994 gekauft, zogen mit ein, ebenso Musikanlage, TV-Gerät, Anrufbeantworter und etliches mehr. Rund 25.000 Euro gingen damals in die Modernisierung, und damit war das Kapital erst mal aufgebraucht. Dass es mit dem Wärmebedarf des Hauses so nicht weitergehen konnte, bewiesen aber schnell die Heizkostenabrechnungen: 5000 Kubikmeter Gas (das entspricht etwa 5000 Liter Heizöl) verfeuerte die Heizung durchschnittlich pro Jahr, ein Verbrauch von fast 35 Kubikmeter pro Quadratmeter - ein dramatischer Wert! Zum Vergleich: Im Neubau sind sechs Kubikmeter der Grenzwert, im sanierten Altbau reichen zehn für behagliche Wärme.

Weil der Heizkessel aus vormoderner Zeit stammte und auch der Schornsteinfeger mit seiner Kritik an der Energieschleuder nicht zurückhielt, wurde ein Heizungsbauer einbestellt. Der verordnete einen Gasbrennwertkessel, der auch noch die Wärme der entstehenden Abgase nutzen kann, sowie einen großen Warmwasserspeicher, der schon für die Installation von Solarkollektoren auf dem Dach vorbereitet war. Der Erfolg: durchschlagend! Der Gasverbrauch sank um ein Drittel. Damit freilich war nur die Effizienz des Heizsystems verbessert - der Wärmebedarf des Hauses aber exakt derselbe. Es zog weiterhin durch die alten Fenster und den völlig ungedämmten Dachraum. Kein behagliches Wohnklima. "Da müssen wir was machen, haben wir uns gesagt", erzählt Andreas Weber, "aber wie sollen wir das bezahlen?"

Die Rechnung

2006 gab ein Zeitungsbericht über die Förderprogramme der staatlichen KfW-Förderbank den Ausschlag. Ein zinsgünstiger Kredit ermöglichte, den Energiestandard des Hauses zu verbessern. Was mit der Investition geleistet wurde und was darüber hinaus alles noch möglich wäre, zeigt das Gutachten von Energieberaterin Weidner. Die empfohlenen Maßnahmen und ihre Wirkung auf Verbrauch und Klima: * Austausch der Fenster und Terrassentüren im Erdgeschoss. Ersparnis: 3231 Kilowattstunden pro Jahr (kWh/a) und 970 Kilo CO2. * Dämmen und Ausbau des unausgebauten Daches: 6629 kWh/a und 1988 Kilo CO2. * Dämmen der Kellerdecke: 4310 kWh/a und 1293 Kilo CO2. * Austausch der Fenster und Balkontüren im Obergeschoss: 2704 kWh/a und 812 Kilo CO2. * Dämmen der Fassade: 5414 kWh/a und 1624 Kilo CO2. l Einbau einer Solarkollektoranlage zur Erwärmung des Brauchwassers: 2400 kWh/a und 720 Kilo CO2.

Macht zusammen ein theoretisches Einsparpotenzial von 24.688 Kilowattstunden und 7843 Kilo CO2 pro Jahr - und das nur für die Heizung! In Euro und Cent gerechnet sind das rund 1250 Euro Energiekosten, die gespart werden könnten. Und wie steht es mit dem Stromverbrauch? Die großen Posten sind schnell identifiziert: die Umwälzpumpe der Heizung, Kühl- und Gefrierschrank, Herd und Backofen, Spül- und Waschmaschine. Gut 2900 Kilowattstunden pro Jahr verbrauchen nur diese Geräte, errechnet Wiebke Weidner - deutlich mehr als der Vergleichswert besonders sparsamer Modelle. "Von wann ist Ihre Spülmaschine? Von 1994?", fragt sie. "Und die Espressomaschine hat 1600 Watt? Donnerwetter!" Gerät für Gerät arbeitet sich die Expertin durch das Haus, tapfer liefern die Bewohner Informationen.

Viele Geräte sind Energiefresser

Wie alt ist wohl dieser Anrufbeantworter, ein historischer Code-A-Phone mit Kassette? Wie viel Strom verbraucht er? Und die Saftpresse? Wie oft wird die überhaupt benutzt? Wie viel Watt Beleuchtung sind es hier im Bad, wie viel im Arbeitszimmer? Wie lange brennt hier täglich das Licht? "Hat ja 'n bisschen was von Strafarbeit", sagt Matina Werner-Weber seufzend. Um gleich nachzuschieben: "Ist aber wirklich interessant." Ist es. Wie sonst wäre wohl herausgekommen, dass insgesamt 85 Glühlampen und Halogenstrahler zumindest immer mal wieder ihren stromfressenden Job verrichten? "Man nimmt ja im Alltag gar nicht wahr, was man alles an- und ausschalten kann", resümiert Andreas Weber hinterher. "Dass das alles Strom verbraucht und den Ausstoß von CO2 erhöht - das ist uns erst jetzt wieder so richtig deutlich geworden. Von nun an werden wir damit bewusster umgehen."

Sämtliche Sanierungsmaßnahmen umzusetzen, käme nicht billig: geschätzte 26.500 Euro zusätzlich zu den bereits aufgewendeten 17.000. Wer allein auf diese Zahlen schaut, könnte alles lassen, wie es ist. Beim derzeitigen Gaspreis, den Webers zahlen, hätte sich der Aufwand erst in 39 Jahren amortisiert. Steigen die Energiekosten, würde sich die Investition viel früher auszahlen. Andere Faktoren sind schwieriger zu bewerten: Was ist es uns wert, das Klima zu entlasten? Und wie viel lassen wir es uns kosten, dass in einem optimal wärmegedämmten Haus ein viel behaglicheres Wohnklima herrscht? Der Wertzuwachs, den das Haus durch die Sanierung erfährt - wie hoch ist der einzuschätzen?

Energiesparen kostet erstmal Geld

Andreas Weber nachdenklich: "Energiesparen ist ja ein gutes Gefühl, das sich auch im Portemonnaie bemerkbar macht. Aber wir müssen aufpassen, dass wir uns mit den Kreditraten nicht die Luft abschnüren." Wenn wieder finanzieller Spielraum da ist, sollen als Nächstes die restlichen alten Fenster im Erdgeschoss sowie die Haustür ausgetauscht werden, dann soll ein Solarkollektor für das warme Wasser installiert werden. Und wie steht es mit Waschmaschine und Geschirrspüler, den Senioren im Gerätepark? "Ja", sagt Andreas Weber, "die sind demnächst dann auch mal fällig."

Mitarbeit: Roman Heflik


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker