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Siemens: Den Knatsch wegzensiert

Auf der Internetplattform NCI tauschen sich Menschen aus, die von Siemens geschasst, gemobbt oder sonstwie aussortiert wurden. Nun hat das Unternehmen die Seite für die eigenen Mitarbeiter gesperrt - aus Gründen der "Arbeitseffizienz", wie es heißt.

Von Brigitte Zander

Kritische Mitarbeiter-Informationen im Internet stehen bei Siemens neuerdings auf der gleichen Stufe wie Pornos, Kriminelles, Rechtsradikales und Humor. Denn auch Mitarbeiter-Informationen werden seit Ende der vergangenen Woche bundesweit auf den Firmen-PCs ausgeblendet. "Homepage forbidden" – "Auf diese Seite kann nicht zugegriffen werden" erscheint auf dem Schirm, wenn Angestellte eines Siemensbetriebs das seit über drei Jahren bestehende Portal www.nci-net.de aufrufen wollen.

NCI berichtete zuletzt über die aktuellen Ausgliederungen und den Stellenabbau innerhalb der Com-Sparte. Die Info-Seite wurde pünktlich zur Bilanzvorstellung blockiert, auf der Vorstandschef Klaus Kleinfeld eine Gewinnverdopplung für das dritte Quartal (im Vergleich zu 2005) meldete und gleichzeitig ankündigte, den Technologiekonzern weiter knallhart auf Erfolg zu trimmen. Dafür sollen auch massive Entlassungen in Kauf genommen werden.

Unternehmenssprecher Michael Scheuer dementiert inhaltliche Gründe für die Blockade von NCI. Man wolle lediglich die ausufernde Internetsurferei ("eine halbe Million Zugriffe täglich") während der Arbeitszeit einschränken. "Das hat etwas mit IT-Kosten und Arbeitseffizienz zu tun". Mitarbeiter könnten jederzeit daheim auf ihrem Privatrechner die NCI-Homepage aufrufen.

Bis zu 4000 Besucher täglich

Das Intra-Netzwerk NCI (Network for Cooperation & Initiative) entstand während der ersten großen Kündigungswelle bei Siemens 2002. Entlassene, herausgemobbt, abgefundene, ausgegliederte und kaltgestellte Mitarbeiter organisierten sich online und tauschten Erfahrungen aus. Das NCI fungierte als Kontaktschiene. Mit dem zunehmenden Stellenabbau klinkten sich auch vermehrt aktive Betriebskollegen ein, die um ihre Zukunft im Konzern fürchteten. Die NCI-Seite verzeichnete in diesem Jahr schon 293.732 Besucher; das heißt täglich informierten sich 3000 bis 4000 Siemensleute über Hintergründe der Firmenpolitik, über mögliche Gefahren für die Arbeitsplätze, und Strategien bei Karrierepannen. Zum Service gehören ein Arbeitsrechts-Abc, eine detaillierte Übersicht über Arbeitsgerichtsprozesse und Tipps für eine neue Jobsuche.

Das online-Netzwerk hilft bei Entscheidungsprozessen. Wer von Versetzung, Verkauf seines Betriebsteils oder dem blauen Brief bedroht ist, findet auf der NCI-Plattform detaillierte Handlungs-Alternativen. In einem Diskussionforum können die Netzwerkmitglieder Erfahrungen und Taktiken austauschen. Auch problembeladenen Beschäftigte anderer Firmen sind willkommen.

"Furcht vor den Aufgeklärten"

Die Sperrung der Website werten die ehrenamtlichen Betreiber spitzfindig als Bestätigung ihrer Info-Arbeit. "Siemens fürchtet offenbar aufgeklärte Mitarbeiter", interpretiert Inken Wanzek, Initiatorin des Projektes. Die 48jährige Ingenieurin, die dem ersten massiven Kahlschlag im Siemens-Kommunikationsgeschäfts vor vier Jahren zum Opfer fiel, und nun hauptamtlich Betriebsräte kleinerer Firmen berät, wollte damals die "gewünschte Vereinzelung der Ausgestoßenen verhindern". Das Feedback aus der NCI-Gemeinde sagt ihr, "dass auch die Noch-Beschäftigten einen Vorteil darin sehen, über die Strategien einer Firma beim Personalabbau rechtzeitig eingeweiht zu sein."

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