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Visionär: "Viele wollen zurück"

Endlich mal einer, der nicht jammert: Hartmut Juhl gab den sicheren Uni-Job in den USA auf, um in deutschland eine Firma zu gründen.

Herr Juhl, Sie sind aus den USA nach Deutschland zurückgekommen, um eine Biotech-Firma zu gründen. Das überrascht. Warum sind Sie nicht in Amerika geblieben?

Weil für mich die Bedingungen in Hamburg besser waren. Unser Unternehmen Indivumed arbeitet an neuen Krebstherapien, die individuell auf die Patienten zugeschnitten sind. Dazu sammelt es systematisch Daten und Gewebe von Patienten - und das erfordert bestimmte Ressourcen, die hier leichter zu finden sind als in den USA: Kliniken mit hohen Fallzahlen, standardisierte Therapien in einzelnen Krankenhäusern, die Möglichkeit, Patienten über Jahre zu beobachten.

Sie haben bald nach der Gründung Fördergelder bekommen, Preise gewonnen, der Bürgermeister kümmert sich persönlich um Sie. Das klingt nicht wie eine Geschichte aus dem Jammerland Deuschland.

Wir haben keines der Innovationshemmnisse erlebt, die immer beklagt werden. Die Stadt unterstützt uns, wo sie kann. Sie hat verstanden, dass es auch in ihrem Interesse ist, medizinische Forschung zu fördern. Oft wurden unsere Erwartungen sogar übertroffen. Zum Beispiel bei der unbürokratischen Förderung durch die Innovationsstiftung oder den Hamburger Datenschutzbeauftragten. Zu ihm bin ich mit Sorge hingegangen, weil ich dachte: Jetzt wird blockiert. Und habe dann festgestellt, dass er gemeinsam mit uns nach einer Lösung suchen wollte und am Ende auch eine sehr gute gefunden hat.

Trotzdem ist es nicht nur ein Gerücht, dass deutsche Spitzenforscher in die USA gehen.

Das ändert sich nach meiner Einschätzung gerade. Ich weiß von vielen Deutschen, die zum Teil seit Jahrzehnten in den USA forschen, dass sie zurückwollen. Die Bedingungen in den USA haben sich deutlich verschlechtert. Es gibt weniger Fördermittel. Das ganze System ist in Unruhe geraten.

Es scheint unserem dennoch deutlich überlegen zu sein.

Sicherlich haben die USA ihre Vorzüge. Aber es wird dort auch viel heiße Luft produziert und gut vermarktet. Bei uns ist es umgekehrt: Alles leicht unterkühlt. Der Hauptunterschied liegt häufig im Marketing, nicht in der Kompetenz. Es würde helfen, wenn in Deutschland die eigenen Ergebnisse nicht länger versteckt würden. Natürlich müssen sich auch Strukturen ändern. Aber viele in Deutschland haben das mittlerweile verstanden. Es tut sich was. Manches geht zu langsam, aber dafür sind die Veränderungen vielleicht umso nachhaltiger.

Spielte es für Ihre Standortentscheidung auch eine Rolle, dass Biotech-Unternehmen in Deutschland als so exotisch gelten, dass sie sogleich große Aufmerksamkeit erregen?

Nein, überhaupt nicht. Die von uns aufgebaute Gewebebank erregt umgekehrt in den USA große Aufmerksamkeit. Für mich steht außer Zweifel, dass eine Gewebe- und Datenbank, wie wir sie hier schaffen, ein riesiges Potenzial für die Krebsforschung hat. Schon jetzt überlegen wir ernsthaft, ob wir mit dem in Hamburg gewonnenen Know-how nicht versuchen sollten, zumindest ähnliche Strukturen auch in den USA aufzubauen.

Sie klingen wie ein Internet-Unternehmer Ende der 90er Jahre. Haben Sie keine Angst vor dem Scheitern?

Das Echo ist so eindeutig, dass die Zahlen schon realistisch sind. Aber die Sorge zu scheitern verschwindet natürlich nie ganz. Zumal meine Existenz an Indivumed hängt.

Warum sind Sie Unternehmer geworden?

Ich hätte es vermutlich nicht gemacht, wenn ich nicht mehrere Jahre an einer US-Universität gearbeitet hätte. Als ich meine feste Stelle in Deutschland für einen Jahresvertrag in den USA aufgegeben habe, sagten manche Kollegen: Du bist verrückt. Als ich meine mittlerweile feste Stelle in den USA aufgegeben habe, um Indivumed zu gründen, sagten alle amerikanischen Kollegen: eine tolle Chance. Es gibt einen kulturellen Unterschied im Sicherheitsdenken, der so schnell nicht verschwinden wird.

Hat Sie auch die Sehnsucht nach dem großen Geld angetrieben?

Reich bin ich wirklich nur auf dem Papier. Abgesehen davon ist Geld nicht der entscheidende Antrieb. Glauben Sie mir.

Was dann?

Ich kann hier etwas gestalten. Ich diskutiere mit den weltweit führenden Wissenschaftlern meines Fachs, die ich früher nur respektvoll auf Kongressen bewundert habe. Und nichts ist für mich so befriedigend, wie die Krebsforschung voranzubringen.

Sie kennen den Stress als Arzt und den als Unternehmer. Was schlaucht mehr?

Unternehmer. Es hängt wesentlich von mir ab, ob die Finanzierung funktioniert, ob 35 Menschen hier weiter ihren Arbeitsplatz haben. Den Druck spüre ich. Da fällt es schwer abzuschalten. Von der reinen Arbeitszeit und der körperlichen Erschöpfung her bin ich dagegen an der chirurgischen Universitätsklinik sicherlich nicht besser gefahren.

Spüren Sie manchmal die Versuchung, den Laden zu verkaufen, das Geld zu nehmen und nur noch zu tun, wozu Sie Lust haben?

Nein, nie. Ganz abgesehen davon, dass das im Moment auch gar nicht gehen würde. Natürlich ärgere ich mich manchmal darüber, dass die Arbeit mir zu wenig Zeit für anderes lässt. Ich habe zwei Söhne, die sind sechs und elf. Natürlich kommen die zu kurz. Da zahle ich einen Preis für das, was ich mache. Es wäre auch schön, wenn ich ab und zu zum Beispiel ans Mittelmeer fahren könnte, um Sonne und Strand zu genießen. Aber nicht als Alternative zur Arbeit. Immer nur Dolce Vita - das wäre das Grauen für mich.

Stefan Schmitz / print
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