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AKTIEN: Knollnasen und Kondome

Der Börsengang als Show, die Aktien als Werbeplakat: Firmen müssen ungewöhnliche Wege gehen, um noch an die verunsicherten Anleger heranzukommen.

Lasziv räkelt sich die vollbusige Blondine quer über das Papier. Angaben wie »Aktienwert« und »Unterschrift des Vorstandsvorsitzenden« werden auf dem Wertpapier der Flensburger Beate Uhse AG völlig in den Hintergrund gedrängt. Auf den Urkunden anderer Unternehmen drohen knollennasige Comic-Helden mit Fliegenklatschen oder tummeln sich niedliche Kondom-Männchen. Auch wenn nur noch ein kleiner Teil der Aktien-Neuemissionen als »effektive Stücke« - also als Papier zum Anfassen - auf den Markt kommt: Viele Firmen zelebrieren den Börsengang als Show. Die Aktie wird zum Werbeplakat.

Von Comic bis Sex

Auf dem Papier des Kieler Verlages Achterbahn AG treiben mehr als 20 Comicfiguren ihr Unwesen, »Werner« des Zeichners Rötger »Brösel« Feldmann thront als König über der Szene. Werners fiktiver Chef kommentiert die Aktie via Sprechblase als »Sanitäres Anlagepapier«. Schlüpfriges gibt es auf den Papieren von Beate Uhse: Neben der nackten Blonden lächeln auch drei aufgestrapste Schönheiten den Investoren entgegen. Eingerahmt wird das ansehnliche Papier von einer Borde aus Herzchen.

Nostalgiegefühle

Es gibt aber auch Motiv-Urkunden ohne Lustiges oder Nackte: »Anleihen der Städte München, Hamburg oder Leipzig sind etwa mit schönen Städtemotiven geschmückt«, sagt Frank Kliemt von der Wertpapiersammelbank clearstream, die unter anderem Aktien aufbewahrt und An- und Verkäufe verwaltet. »Papiere mit aufwendigen Motiven dienen der größeren Identifizierung des Anlegers mit der Gesellschaft und wecken in manchen Fällen nostalgische Gefühle.«

Trend geht zur elektronischen Aktie

Auch wenn der Trend nach Einschätzung von Kliemt zur elektronischen Aktie geht und Wertpapiere in der Regel nur noch als Buchungszeile auf einem Konto auftauchen, wurden bei clearstream 2001 noch rund 500.000 neue Aktien eingelagert. Für den Großteil der Emissionen gibt es jedoch nur noch lediglich eine Globalurkunde über alle Wertpapiere. Diese kann meist in effektive Stücke gewandelt werden, wenn es der Markt verlangt. Bei einigen Anlegern zählen auch rein wirtschaftliche Gründe für eine Papieraktie: Sie tauchen auf keinem Depotkonto auf, wenn der Investor das nicht möchte.

Effektive Aktien als Geschenk

Auf der Aktie der Kölner Firma condomi ist neben einer Weltkugel ein überdimensionales Kondom abgebildet. Der Clou offenbart sich jedoch erst in Schwarzlicht: Dann zeigen sich fünf gezeichnete Kondom-Männchen. Das Unternehmen bewahrt rund 5.000 Stück seiner 25.000 effektiven Papiere in der Firma auf. »Wir verschenken die Stücke zum Beispiel an Geschäftsfreunde«, sagt der Firmensprecher Jens Laufenberg. »Auch Aktien mit bedeutungsvollen Laufnummern, wie etwa 1 oder 69, werden verwahrt.«

Aktie teuerer als der Kurs

Auf der Internetseite des Kondomherstellers wird die Aktie gerahmt für 50 Euro (rund 98 DM) für jedermann angeboten. Der Verkauf geht jedoch schleppend - schließlich steht der Börsenkurs lediglich bei rund 20 Euro. »Die Aktie im Rahmen berechtigt natürlich wie jede andere zur Teilnahme an der Hauptversammlung der Aktionäre«, betont Laufenberg. Sie muss lediglich von der Wand genommen und eine bestimmte Zeit vorher bei einer Bank hinterlegt werden.

Interessantes Sammlerobjekt

Aber nicht nur als Eintrittskarte für die HV oder als pfiffiges Geschenk sind Papieraktien interessant: Liebhaber bezahlen auf Sammlermärkten zum Teil stolze Preise für historische Wertpapiere. Auf Auktionen erzielen antike Aktien, wie etwa Papiere der Firma Standard Oil Company von John D. Rockefeller, sechsstellige D-Mark-Verkaufserlöse.

Andrea Löbbecke

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