HOME

Aktiengeschäfte: Macher mit Minus

Kleiner Trost für Anleger, die mit ihren Aktien danebenlagen: Sogar der Deutsche-Bank-Chef hat sich verspekuliert. Im Internet kann man nachlesen, welche Manager wie viel verloren haben.

Die Sache war delikat für Günther Fielmann: Anfang Januar standen von einem Tag auf den anderen 380.000 Aktien seines Hamburger Brillenimperiums zum Verkauf. Ein Investmentfonds wollte die Anteile loswerden, um jeden Preis. Fielmann war alarmiert: Da normalerweise am Tag nur einige tausend Wertpapiere seines Unternehmens gehandelt werden, drohte dem Börsenkurs der Absturz. Der Vorstandsvorsitzende, Firmengründer und Mehrheitseigner griff ein und trat am 16. Januar selbst als Käufer des Pakets auf. Stolzer Preis: 12,26 Millionen Euro. So verhinderte Fielmann, dass die Aktien auf den Markt kamen, und bewahrte sich und alle anderen Anleger vor Verlusten.

Nachzulesen

ist Fielmanns beherzter Deal im Internet. Dort listet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) alle Aktienkäufe und -verkäufe auf, die Vorstände und Aufsichtsräte mit Papieren der eigenen Firma tätigen. Und auch die Deals ihrer Ehefrauen, Kinder, Väter und Mütter müssen der Behörde gemeldet werden. Die Bafin prüft, ob es sich dabei um - verbotene - Insidergeschäfte handelt, ob also der Boss sein internes Wissen nutzte, um sich oder seinen Liebsten etwas Gutes zu tun.

Mehr als 1.200 dieser Geschäfte sind seit Juli vergangenen Jahres zusammengekommen. Die Liste ist eine Peepshow der Peinlichkeiten für manchen Topmanager. Von gerissener Absahne ist in vielen Fällen nichts zu sehen. Im Gegenteil: Wenn Bosse zocken, geht offenbar genauso viel schief wie bei Otto Kleinanleger - welch tröstliche Erkenntnis.

Da kauft etwa Commerzbank-Vorstand Wolfgang Hartmann am 24. Juli vergangenen Jahres 8.000 Aktien seines Bankhauses zu je 10,34 Euro. Der Zeitpunkt schien günstig: Zwei Wochen später konnte die krisengeschüttelte Bank immerhin einen Gewinn für das erste Halbjahr vermelden. Todsicherer Tipp? Gar Insiderhandel? Von wegen! Das Investment brachte Hartmann bislang keinen privaten Zuverdienst: Heute dümpelt der Kurs um die sechs Euro, rund 40 Prozent weniger als vergangenen Sommer. Nicht schön für Hartmann, der bei der Commerzbank fürs Risikomanagement zuständig ist: Er ist bei diesem Geschäft mit 28.000 Euro im Minus. "Natürlich hätte ich die Aktien lieber für sechs Euro gekauft", sagt Hartmann. Aber: "Das ist die allgemeine Marktentwicklung, da liegen auch schon mal Vorstände daneben." Da er die Aktien gekauft habe, um Geld damit zu verdienen, will er abwarten, "bis ich im Plus bin".

Auch der

neue Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zeigte wenig Fortune: Kurz vor seinem Amtsantritt kaufte er 20.000 Aktien des Bankriesen. Als "Vertrauensbeweis", wie es in Frankfurt heißt. Da hatte Ackermann sich wohl zu viel zugemutet: Das Paket, das ihn im Mai 2002 1,5 Millionen Euro kostete, ist nur noch gut 800. 000 Euro wert. Ackermann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ähnlich schlecht

fuhr der Daimler-Chrysler-Vorstand Dieter Zetsche. Seit er sein Aktienpaket erwarb, sank der gute Stern von Daimler an der Börse. Zetsche verlor mit seinen im Juli 2002 gekauften Aktien gut 87.000 Euro, den Wert einer S-Klasse. Dabei sah es so gut aus für Zetsche: Zwei Tage nach dem Kauf veröffentlichte der Autokonzern neue Absatzrekorde bei Mercedes. Doch den Kurs des Unternehmens vermochte das nicht zu beflügeln, Zetsche bleibt, wie vielen anderen Anlegern auch, nur das Warten auf bessere Zeiten. Zetsche wollte seine privaten Geschäfte nicht kommentieren.

Etwas weniger verlor der künftige BASF-Chef Jürgen Hambrecht: Er hatte im vergangenen Juli gekauft, als die Chance auf Kursgewinne besonders groß schien: Nur zwei Wochen später gab BASF die Vervierfachung des Gewinns vor Steuern im ersten Halbjahr bekannt. Doch der Kurs fiel, und Hambrecht verbrannte, auf dem Papier, rund 9000 Euro. "Wer Aktien kauft, muss langfristig denken", tröstet sich Hambrecht. "Dazu können auch vorübergehende Kursrückgänge gehören."

Angesichts der

kollektiven Erfolglosigkeit mag der Verdacht auf Insidergeschäfte gar nicht aufkommen - es muss wohl Zufall gewesen sein, dass die Herren Vorstände ihre Papiere so oft kurz vor der Verkündung guter Zahlen kauften. Bei keinem jedenfalls hatte die Aufsichtsbehörde auch nur einen Anfangsverdacht. Mit der Häme der vielen Kleinanleger, die in den vergangenen Jahren an den Aktienmärkten kräftig verloren, müssen die Minus-Manager dagegen leben.

Auch Telegate-Chef

Klaus Harisch. Der tourte erst zu den wichtigsten Bankern und Analysten, um die Geldwelt von der Aktie seiner Firma zu überzeugen. Ohne Erfolg. Dann griff er notgedrungen selbst zu: Rund 350000 Aktien der privaten Telefonauskunft (Werbefigur Verona Feldbusch: "Da werden Sie geholfen") kaufte er in mehreren Tranchen zu Kursen bis 3,90 Euro vom Markt. Geholfen wurde er nicht: Die Aktie steht trotz dieser Stützungskäufe bei etwa 2,70 Euro. "Es will mir ja keiner glauben, dass Telegate ein gutes Investment ist", sagt Harisch trotzig. "Da kaufe ich eben selber."

Ja, stehen denn

alle so mies da? Natürlich nicht. Glücklich können sich etwa Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke oder Eon-Boss Ulrich Hartmann schätzen: Sie findet man gar nicht auf der Liste. Die beiden haben in der letzten Zeit also nicht auf die Aktien der eigenen Firma gesetzt - und somit nichts verloren. Puma-Chef Jochen Zeitz stellte sich besonders geschickt an: Er tat sich laut Bafin-Liste in den vergangenen Monaten als einer der wenigen großen Verkäufer hervor. Nach der Sanierung des einst maroden Sportartikelherstellers warf Zeitz im August 2002 Aktien für fast sechs Millionen Euro auf den Markt und investierte das Geld anderweitig. Unsportlich? Keineswegs: Der Aktienkurs der profitablen Firma stieg trotzdem.

Jan Boris Wintzenburg / print