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Einzelhändler gegen Onlinekonkurrenz: Wie die Stadt Wuppertal sich gegen Amazon stemmt

Alteingesessene Einzelhändler in Wuppertal wehren sich gegen die Internetriesen Ebay, Amazon und Co. Zusammen mit der Stadt haben die totgeglaubten Traditionsunternehmen damit auch Erfolg.

Von Rolf-Herbert Peters

Das hier ist seine Stadt. Wenn es um Pfannen, Gartenstühle und Bohrmaschinen geht, sei er der "local hero", sagt Christian Feuerstein. Der Wuppertaler Kaufmann steht in seinem 400-Quadratmeter-Laden, draußen rauscht die Schwebebahn vorbei: "Wir sind sogar älter als die!" Seit 150 Jahren besteht sein Haushaltswarengeschäft, 130 davon ging es fast nur aufwärts. Doch seit Mitte der Neunziger saugen Möbel-, Baumarkt- und Elektroriesen den Umsatz ab. Und dann das Internet, Amazon, Ebay und die anderen. Der 48-Jährige musste schon die Verkaufsfläche verkleinern, um nicht pleitezugehen. "Sterben auf Raten" nennt er das. Genauer: nannte er es – bis Ende Januar.

Plötzlich bei Google ganz oben

Da besuchte er ein Seminar der Online City Wuppertal. OCW, wie es kurz heißt, ist ein Internetmarktplatz für die örtlichen Einzelhändler, initiiert von der städtischen Wirtschaftsförderung. Feuerstein verabscheut eigentlich das Web. Noch nie hat er online auch nur ein Buch gekauft. Doch die Schulung hat ihn begeistert. Er meldete sich bei OCW an, besorgte Produktfotos, schrieb nächtelang Texte. Zwei Wochen später ging er mit 300 Artikeln online. Seitdem ist seine Trübsal verflogen. Er setzt sich an den Bürorechner und tippt "Silit Bräter Wuppertal" bei Google ein. "Ha, sehen Sie?" , sagt er. "Früher hätte mich im Internet keiner gefunden, jetzt stehe ich auf Platz eins der Trefferliste!"

Wir sind wieder wer - dieses Gefühl teilt Feuerstein mit 56 anderen Gewerbetreibenden, die inzwischen einen OCW-Shop eröffnet haben. Vom Juwelier Abeler über Buchhandlung Jürgensen bis Wernick Wolle. Die bergischen Einzelhändler, die Totgesagten des Internetzeitalters, fassen wieder Mut. Attackieren Amazon und Co. mit deren Waffen. Bauen sich eine Zukunft. Das Projekt schlägt bundesweit Wellen. "Es haben sich schon mehr als 90 Städte gemeldet, um alles von OCW zu lernen", sagt Christiane ten Eicken, die Projektmanagerin bei der Wirtschaftsförderung Wuppertal.

"Die Leute kaufen da, wo es am einfachsten ist"

Aufbruchstimmung verströmt auch Eleonore Putty von Bürobedarf Illert. 100 Jahre lang lief der Schreibwarenladen, der ihrem Mann gehört, nach klassischen Kaufmannsregeln - und verlor Kunden um Kunden. Bis November 2014, als OCW startete und sie gleich dabei waren. Putty sagt: "Wir können natürlich nicht mit den Amazon-Preisen konkurrieren, wenn wir qualifiziertes Personal und Miete bezahlen müssen. Aber wir werden gefunden und können unsere Kompetenz herausstellen, und das zahlt sich aus."

Lokale Internetmarktplätze zu bauen ist keine neue Idee. Schon manche Firma hat es versucht - und ist gescheitert. Die Wuppertaler scheinen es besser zu lösen, weil sie konsequent kopieren, was globale Marktführer erfolgreich macht: Sie bilden ihre Händler aus, sie pushen die OCW-Shops in der Suchmaschine mit allen technischen Kniffen nach oben, sie sind kompromisslos kundenorientiert. Wer bei OCW bis 17 Uhr bestellt, erhält die Ware noch am selben Tag durch DHL ins Haus. Oder er kann sie im Laden selbst abholen. Reklamationen und Umtausch müssen nicht mühsam über die Post laufen, sondern können binnen Minuten im Geschäft erledigt werden. Hier sieht Innovationsberater Andreas Haderlein, der die Händler schult, den stärksten Trumpf: "Die Leute kaufen immer da, wo es am einfachsten ist."

Reine Onlinebestellungen sind selten

Für Einzelhändler wie Putty und Feuerstein ist das Business risikoarm - auch das macht den Erfolg aus. OCW nutzt die Plattform von Atalanda, einem Spezialisten für lokales Internetshopping. Die Experten kümmern sich um Logistik, Zahlungsabwicklung und -ausfälle sowie Retouren. Acht Prozent des Nettoumsatzes zahlen die Händler dafür. Das lässt sich verkraften. Bei Illert boomte das Weihnachtsgeschäft, und der Kundenrückgang ließ nach. Feuerstein verzeichnet zehn Prozent mehr Umsatz, andere Teilnehmer sogar 20 Prozent. Dabei sind reine Onlinebestellungen eher selten. Aber es kommen, angelockt durch die Angebote im Netz, wieder mehr Leute in die Läden.

Drei Jahre wird die Wirtschaftsförderung Wuppertal die Schulungen mit insgesamt 105.000 Euro finanzieren. Dann soll OCW aus eigener Kraft laufen. Nur müssen dafür viel mehr Produkte ins Web, es sind erst 7000. An Feuerstein, dem früheren Internetmuffel, soll es nicht scheitern: "Allein dieses Jahr werde ich 3000 Produkte online stellen."

 

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