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Interview

Pedro Huerta: Tun Ihnen die Buchhändler leid, die dicht machen müssen? Der Amazon-Bücherchef im Interview

Vor 20 Jahren begann Amazon, den deutschen Buchmarkt aufzurollen. Der Chef des deutschen Buchgeschäfts von Amazon, Pedro Huerta, spricht über den Konflikt mit dem traditionellen Buchhandel und wie die Digitalisierung das Lesen und das Publizieren von Büchern verändert. 

Pedro Huerta ist Country Manager Books Deutschland bei Amazon

Pedro Huerta ist Country Manager Books Deutschland bei Amazon

Herr Huerta, Sie sind "Country Manager Books Deutschland" bei Amazon. Wann waren Sie zum letzten Mal in einem richtigen Buchladen? So ein kleiner, gemütlicher, wo der Inhaber noch selbst hinterm Verkaufstresen steht und seine persönlichen Empfehlungen ausspricht?

Das war im Sommerurlaub in Barcelona. Meine Kinder wachsen zweisprachig auf und lesen auch sehr viele Kinderbücher auf Spanisch. Daher waren wir dort in einer kleinen charmanten Buchhandlung.

Selbst Sie lassen sich also manchmal lieber von einem Buchhändler aus Fleisch und Blut beraten als vom Amazon-Algorithmus?

Ich freue mich über jeden Ort, an dem Menschen mit Büchern in Berührung kommen. Sei es in einer Buchhandlung oder bei einem Online-Angebot.

Vor 20 Jahren hat Amazon begonnen, in Deutschland Bücher zu versenden. Tun Ihnen die vielen Buchhändler leid, die seitdem dicht machen mussten?

Für mich ist jeder Ort, der nicht mehr da ist, um sich mit Büchern auseinanderzusetzen und das Lesen zu erleben, keine gute Nachricht. Deshalb ist es wichtig, immer neue Möglichkeiten zu schaffen, um Leser zu erreichen.

Können Sie denn die Ablehnung verstehen, die Ihnen aus der Buch-Branche immer noch entgegenschlägt?

Ich finde, wir sollten uns darauf konzentrieren, was uns verbindet. Und das ist unsere Leidenschaft, Menschen einen Zugang zum Lesen zu verschaffen. Unser Märchenbuch-Projekt, bei dem wir mit dem Buchhandel und der Stiftung Lesen zusammenarbeiten, ist ein sehr gutes Beispiel, wie wir uns alle auf diese Gemeinsamkeiten konzentrieren können.

Sie verschenken zum Weltkindertag am 20. September eine Million Märchenbücher in Deutschland. Von der Branche wird dies aber überhaupt nicht als wohltätige Aktion wahrgenommen. Der Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, nennt es eine "verkappte Marketingaktion […] um an Daten von Kunden zu kommen" und das eigene Geschäft auszuweiten. Hat Sie diese massive Kritik an dem Projekt überrascht?

Wir können bei dem Projekt auf viel Unterstützung zählen. Wir haben die Buchhandelsketten Thalia, Mayersche und Hugendubel sowie hunderte unabhängige Buchhändler für die Aktion gewonnen. 20 Prozent aller Buchhändler in Deutschland stellen das Buch Familien kostenlos zur Verfügung.

Den Vorwurf einer PR-Aktion für Amazon weisen Sie also zurück?

Das Buch ist von Anfang an Teil von Amazon gewesen, es liegt in unserer DNA, das Lesen zu fördern. Wir setzen uns dafür ein, dass jedes Buch in jedem Format für unsere Leser verfügbar ist. Deshalb engagieren wir uns bei der Stiftung Lesen und machen jetzt dieses Projekt.

Dass die Stiftung Lesen bei dem Projekt mitmacht, wird von der Branche geradezu als Verrat gebrandmarkt. Herr Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels sagt über die Strategie von Amazon: "Sie möchten gerne die Verlage und natürlich auch die Buchhandlungen vom Markt verschwinden sehen. Und deshalb ist es sehr bedauerlich, dass die Stiftung Lesen, deren Gründungsmitglied der Börsenverein war, sich praktisch zum Steigbügelhalter einer solchen Strategie macht.“

Wir konzentrieren uns bei Amazon immer auf die Leser. Was sie möchten, versuchen wir ihnen zu geben. Abgesehen davon empfinde ich es als Privileg, dass es in Deutschland so viele Buchhandlungen gibt. Ich bin in Peru aufgewachsen, wo es in über 90 Prozent der Städte gar keine Buchhandlung gibt.

Amazon ist nicht nur Buchhändler, sondern agiert auch als Verleger mit eigenem Buchprogramm. Außerdem kann jeder sein Buch bei Amazon selbst veröffentlichen. Machen Sie klassische Verlage überflüssig?

Es war noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach, an Bücher heranzukommen und noch nie so einfach, ein Buch selbst zu verlegen. Das ist eine unglaubliche Chance für Autoren und Leser. Deshalb haben wir neben unserem Publikumsverlag mit dem Kindle Direct Publishing einen Service, mit dem jeder, der eine Geschichte hat und diese mit der Welt teilen will, dies auch tun kann.

Welchen Stellenwert hat für Sie der Bereich Self Publishing?

Direct Publishing ist für jeden, der eine Geschichte erzählen möchte, eine Chance Leser zu finden. Natürlich erhoffen sich auch hier viele Autoren, einen Bestseller zu landen, und ich freue mich für jeden, der das schafft.

Welche Art von Geschichten werden dort veröffentlicht, die sonst vielleicht keinen Verlag gefunden hätten?

Wir sehen hier sehr viele romantische Geschichten. Aber auch viele Nischenthemen finden ihre interessierten Leser. Das erhöht die Vielfalt für den Leser, er kann dann das für ihn Interessante herausfiltern und durch seine Bewertungen kundtun, wie es ihm gefallen hat.

Kommen auf diesem Weg tatsächlich Bestseller zustande?

Es gibt Autoren, die über Kindle Direct Publishing Millionen Bücher verkauft haben.

Und was verdienen die Autoren beim Direct Publishing?

Der Autor legt einen Preis zwischen 2,99 Euro und 9,99 Euro fest und bekommt bis zu 70 Prozent der Erlöse ausbezahlt.

Musikstreamingdienste wie Spotify haben dafür gesorgt, dass Lieder keine langen Intros mehr haben, damit die Hörer nicht zum nächsten Song weiterspringen, bevor es richtig losgeht. Verändert die Digitalisierung auch, wie Bücher geschrieben werden?

Digitalisierung und Self Publishing sorgen auf jeden Fall dafür, dass es leichter ist, neue Dinge auszuprobieren. Momentan wird von den Autoren viel experimentiert. Kürzere Formen sind ein Teil davon, es gibt auch mehr Serien. Am Ende profitiert der Leser, weil er neue Arten und Formate des Erzählens geboten bekommt.

Welche Art von Büchern werden eher digital gelesen, welche auf Papier?

Eines der Genres, die sich am stärksten digitalisiert haben, ist der Romance-Bereich. "Fifty Shades of Grey" hat ja auch als Fan Fiction im Internet begonnen. Im Audiobereich haben wir außerdem das wachsende Segment der Podcasts, die eine immer größere Rolle auch in Deutschland spielen. Das sind im Grunde ja auch oft Kurzgeschichten zum Hören. 

Was und in welchem Format lesen Sie selbst am liebsten?

Ich lese am liebsten historische Romane, zum Beispiel Ken Follett, und das digital. Mit meinen Kindern lese ich gedruckte Kinderbücher. Und seit Kurzen habe ich angefangen, beim Joggen Sachbücher aus dem Business-Bereich als Audiobooks zu hören.

Amazon hat in den USA 15 stationäre Buchhandlungen aufgemacht. Wann kommt der erste Laden in Deutschland?

Über zukünftige Entwicklungen spekulieren wir grundsätzlich nicht. Wir konzentrieren uns auf die Buchläden in den USA.