HOME

Amazon-Chef kauft "Washington Post": Warum wir Jeff Bezos dankbar sein müssen

Der Schock ist groß über den Verkauf der US-Zeitung "Washington Post" an Amazon-Chef Jeff Bezos. Dabei ist der Mann eine große Hoffnung für ein kaputtes System.

Von Sophie Albers

Ist er das endlich, der New-Media-Messias, auf den die im freien Sturz befindlichen alten Medien schon viel zu lange warten? Steht endlich, endlich der Durchbruch an in dieser Zeit der Starre, in der verängstigte Medienmanager jede mutige Bewegung großäugig ignorieren, auf dass der Impuls von allein verloren gehe?

Amazon-Chef Jeff Bezos hat das Traditionsblatt "Washington Post" gekauft, und die Zeitungswelt ist geschockt. Betrauert wird der Ausverkauf eines der letzten großen Blätter, der Heimstatt von Pulitzerpreisträgern wie Bob Woodward und Carl Bernstein, die 1972 den "Watergate"-Skandal aufgedeckt haben. Manche Artikel lesen sich mal wieder wie Nachrufe auf den "echten" Journalismus.

Dabei ist dieser Deal Grund zur Hoffnung - und kein Anlass für Sentimentalität.

Krise? Welche Krise?

Wann immer eine Zeitung und ihre Druckpressen über den Ladentisch oder gleich vor die Hunde gehen, werden die "Opfer der Krise" betrauert. Aber welche Krise eigentlich? Es geht um eine Umwälzung, auf die bisher niemand eine überzeugende Antwort gefunden hat: Wie sind die Errungenschaften des Printjournalismus in den digitalen Journalismus zu überführen, ohne dass die Branche finanziell kollabiert? Anstelle von Angststarre braucht es den Blick in die Zukunft und den Mut zum Risiko. Beides sind Markenzeichen von Bezos. Wir sollten froh und dankbar sein, dass ausgerechnet dieser Mann sich den guten, alten Printjournalismus ans Bein bindet. Dieser Mann, den nicht nur der "Harvard Business Review" für den hellsten Kopf unter den Entrepreneuren seit Steve Jobs hält.

Eben weil er sagt, dass er selbst schon lange keine gedruckten Zeitungen mehr lese, und dass es in 20 Jahren keine gedruckten Zeitungen mehr geben werde, wie ihn Ende vergangenen Jahres die "Berliner Zeitung" zitierte. Der 49-Jährige sagt aber auch, dass der Journalismus in einer freien Gesellschaft eine entscheidende Rolle spiele und nicht verschwinden werde, "weil die Leute diese Texte und Informationen lesen wollen".

Filmtrailer: "Die Unbestechlichen"

Prüfstein Leser

Wenn die vereinten Kräfte der führenden Medienhäuser der Welt in den vier Jahrzehnten seit Beginn der digitalen Revolution nicht wirklich weitergekommen sind, vielleicht schafft es ja dieser Mann, der vor knapp 20 Jahren mit Amazon den größten Online-Vertrieb der Welt aus dem Boden gestampft hat. Der entscheidend geprägt hat, was wir heute unter E-Commerce verstehen. Der mit dem Kindle die Menschen dazu gebracht hat, wieder mehr Bücher zu lesen. Der wie er selbst immer wieder betont, vom Kunden her denkt und nicht einzig an den Profit. Der eine Firma gegründet hat, die irgendwann Vergnügungsreisen ins All verkaufen soll.

"Es gibt keine Landkarte, und es ist schwierig, einen Weg auszumachen", sagt Bezos in seinem Brief an die Mitarbeiter der "Washington Post". "Wir müssen Neues erfinden und deshalb experimentieren. Unser Prüfstein werden die Leser sein."

Sollte Bezos aus den alten Medien und seinem neuen Geld wirklich eine Umwandlung zusammenschweißen, hätte er Größeres geschaffen als je zuvor, schreibt Emily Bell im "Guardian".

Eigentlich sollten wir vor allem eines tun: Daumen drücken.