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Amazon Marketplace: Chinesische Firmen prellen das deutsche Finanzamt - und Amazon verdient mit

Auf Amazons Marketplace können deutsche Kunden Produkte aus aller Welt kaufen - auch aus China. Doch die Chinesen prellen offenbar systematisch den deutschen Fiskus, wie das "Handelsblatt" berichtet. Und Amazon verdient daran.

Amazon-Logistikzentrum

Amazon-Logistikzentrum in Pforzheim

Eigentlich wähnt sich Amazon in Deutschland seit Neuestem auf dem Pfad der Steuergerechtigkeit. Nach Bekanntwerden der Luxemburg-Leaks erklärte das Unternehmen im Mai vergangenen Jahres, von nun an die in Deutschland anfallenden Gewinne auch hier zu versteuern. So weit, so gut. Doch allzu eng scheint die Beziehung mit dem deutschen Finanzamt nicht zu sein.

Denn offenbar zahlt das Unternehmen zwar nun selbst Steuern, bietet mit seinem Marketplace aber Dritthändlern eine Plattform für systematischen Steuerbetrug, wie das "Handelsblatt" berichtet. Insbesondere Firmen aus China verkaufen demnach via Amazon Waren in Deutschland, ohne die dafür fällige Umsatzsteuer zu bezahlen. Rund 5500 chinesische Händler sind auf Amazons Marketplace aktiv, nur 375 von ihnen sind beim zuständigen Finanzamt in Berlin gemeldet. Eine Umsatzsteuererklärung haben lediglich 300 Firmen abgegeben.

Viele Anbieter aus Fernost legen der Sendung erst gar keine Rechnung bei, auf der die Mehrwertsteuer ausgewiesen sein müsste. Sie prellen damit nicht nur das Finanzamt, sondern verschaffen sich auch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Onlinehändlern. Den Kunden ist's egal, so lange die preiswerte Ware zuverlässig ankommt. Insgesamt gibt es mehr als 60.000 Amazon-Marktplatzhändler in Deutschland, dem deutschen Fiskus entgehen laut einer vom "Handelsblatt" zitierten Expertenschätzung jährlich Steuern in Höhe von 500 bis 800 Millionen Euro.

Amazon schaut zu - und verdient mit

Amazon lässt das Geschehen bereitwillig laufen - und verweist auf die Verantwortung der jeweiligen Firmen. "Amazon-Händler sind eigenständige Unternehmen und verantwortlich dafür, ihre steuerrechtlichen Pflichten zu erfüllen", sagt ein Amazon-Sprecher gegenüber dem stern. Der Konzern stelle Tools und Informationen zur Verfügung, um Verkäufer bei der Einhaltung dieser Pflichten zu unterstützen. Doch Amazon macht auch klar: "Wir haben keine Befugnis, ihre Steuerangelegenheiten zu überprüfen." Der Konzern arbeite mit Behörden "wie bisher im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zusammen", so der Sprecher weiter.

Dabei ist Amazon über seinen Service "Fulfillment by Amazon" maßgeblicher Akteur der Geschäfte. Denn Amazon stellt nicht nur die Verkaufs-Plattform zur Verfügung, sondern übernimmt auch die Zustellung über die hiesigen Logistikzentren, wickelt den Zahlungsverkehr ab, übernimmt Kundenservice und Retourenmanagement. Da die Ware in Deutschland versendet wird, fällt auch deutsche Umsatzsteuer an.

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Für die Nutzung der Amazon-Infrastruktur bittet der Onlineriese die Marktplatzhändler natürlich zur Kasse. In Deutschland nahm der Konzern mit dem Marktplatz 2015 rund 9,5 Milliarden Euro ein, schätzt das Institut für Handelsforschung. Das wäre mehr als die Hälfte des deutschen Gesamtumsatzes.

Da kein Amtshilfeabkommen mit China existiert, haben es die Behörden schwer, gegen die chinesischen Amazon-Händler vorzugehen. Ihnen bleibt nur der Zugriff in Deutschland.  In Amazon-Zentren in Pforzheim, Bad Hersfeld und Leipzig führten Ermittler vor einiger Zeit eine Razzia durch, um Umsatzsteuerbetrug aufzudecken. Wirksamer machen es die Briten: Dort können die Steuerbehörden seit Kurzem Amazon selbst für nicht gezahlte Umsatzsteuer in Haftung nehmen.

bak
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