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Anti-Weltwirtschaftsforum: Preise für die Bösen

Das Weltwirtschaftsforum lenkt die Aufmerksamkeit auf die in Davors versammelte Wirtschaftsmacht. Gleich am Eröffnungstag werden dort in einer Gegenveranstaltung die "Public Eye Awards" für besonders übles Konzernverhalten verliehen.

Von Karin Spitra

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der verantwortungsloseste Konzern im Land?" Diese Frage stellten sich am Eröffnungstag des im Schweizerischen Davos stattfindenden Weltwirtschaftsforum (WEF) die beiden Organisationen "Erklärung von Bern" (EvB) und "Pro Natura". Schon seit dem Jahr 2000 veranstalten diese mit dem "Public Eye on Davos" die zeitgleiche Gegenveranstaltung zum WEF. Jetzt wird bereits zum zweiten Mal auch der "Public Eye Award" vergeben. Die Preisträger für besonders unverantwortliches Konzernverhalten sind in diesem Jahr die Konzerne Chevron, Disney und Citigroup.

"Der Preis ist nötig, um die in Davos versammelten 'Global Players' darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich daneben benehmen," erklärt Oliver Classen, Koordinator der Veranstaltung. Die Zielsetzung des Preises beschreibt Classen so: "Unternehmensverantwortung soll kein leeres Schlagwort bleiben. Deshalb legen wir den Finger auf die wunden Punkte im Alltagsverhalten der Konzerne - statt uns von den Sonntagsreden des WEF einlullen zu lassen. Denn wir sind das wache Auge, eben das 'Public Eye on Davos'." Für den "Public Eye Award" standen 19 global tätige Konzerne in den Kategorien Umwelt, Soziales und Steuern zur Wahl.

"Unsere Preise sind natürlich symbolisch gemeint und sollen die WEF-Teilnehmer und anderen Konzerne daran erinnern, dass ihnen die Öffentlichkeit auf die Finger schaut. Die Missachtung von Menschen- und Arbeitsrechten soltle heute ebenso wenig toleriert werden wie Umweltsünden und Steuervermeidung", so Classen.

19 Missetäter standen zur Auswahl

Vergangenen Herbst haben Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt neuerlich 19 Missetäter für die "Public Eye Awards" nominiert. Darunter so bekannte Unternehmen wie Bayer, Citigroup, Coca-Cola, Fila, Nestlé, Vattenfall oder Walt Disney. Für die drei Kategorien Umwelt, Soziales (Menschen- bzw. Arbeitsrechte) und Steuern haben die "Public Eye"-Organisatoren jeweils einen Gewinner ermittelt, dessen ökologisches oder gesellschaftliches Fehlverhalten besonders hervorsticht.

Den "Public Eye Award" in der Kategorie Umwelt geht an die Chevron Corp. Der US-Ölkonzern verschmutzte über die letzten 30 Jahre (teilweise noch unter dem Namen Texaco) grosse Flächen unberührten Regenwalds im Norden Ecuadors und weigert sich bis heute, diese Amazonasgebiete umfassend zu sanieren. Gewinner in der Kategorie Soziales ist die Walt Disney Company. Der Unterhaltungsriese lässt sich in südchinesischen Zuliefererbetrieben schwere Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen zu Schulden kommen und trübt damit sein familienfreundliches Image.

Citigroup indirekt der Geldwäsche angeklagt

In der Kategorie Steuern wurde die Citigroup prämiert. Deren Tochter Citibank leistet als eine der weltgrössten nichtschweizerischen Privatbank Beihilfe zur Steuerhinterziehung, indem sie Gelder "von steuerflüchtigen Millionären, Potentaten und Unternehmen" am nationalen Fiskus vorbei in Steueroasen schleust und in Offshore-Firmen parkt, wie es in der Begründung der Jury heißt.

Für Classen besonders wichtig: Das "Public Eye" versucht die Legitimität des WEF in Frage zu stellen. "Denn ungeachtet der sich weltweit häufenden humanitären Krisen und Umweltkatastrophen propagieren dessen Vertreter ihr neoliberales Mantra weiter: Dass mehr Freihandel und Wettbewerb automatisch auch mehr Wachstum und Wohlstand für alle bedeutet." Dieses Mantra ist besonders bei den WEF-Teilnehmern unbestritten. Und für diesen Widerstand setzen die Macher der Gegenveranstaltung auf den "Druck der Straße". Der deutsche Politologe Claus Leggewie prägte für diesen Stimmungsumschwung in der Öffentlichkeit den Begriff "Umkehr der Beweislast". Damit meint er, dass nicht mehr nur Kläger die Schuld fehlbarer Konzerne nachweisen, sondern diese zunehmend selbst ihre Unschuld unter Beweis stellen müssen.

Ein Preis mit Konsequenzen

Die Umkehr de Beweislast bekamen auch die Preisträger 2005 zu spüren: Um Kratzer am Konzernimage zu verhindern, mussten sie in den angesprochenen Fällen reagieren. Die Schweizer Filiale der für ihre Beihilfe zur Steuervermeidung prämierten Wirtschaftsprüfungsgruppe KPMG International etwa lagerte ihre aggressive Steuerberatung für superreiche Privatleute in eine Tochterfirma aus. Und der für seine offene Gasverbrennung in Nigeria "ausgezeichnete" Ölmulti Shell wurde von dortigen Gerichten jüngst zur Einstellung dieser üblen Geschäftspraxis verurteilt.

Viele Dinge sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht zu widerlegen - aber das hat nichts mehr mit einer menschlicher Sicht zu tun. Oder wie Claussen es zusammenfasst: "Die sich jährlich in Davos versammelnden Schöpfer der Weltwirtschaftsordnung blenden das Leiden der Näherin von Markenjeans in Bangladesch bewusst aus. Dafür braucht man Korrektive. Und das ist die öffentliche Meinung." Dafür stehen die Awards.