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ARMUT: Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Wenig Hoffnung für Schwellenländer: Den 50 ärmsten Staaten hilft auch die Globalisierung nicht, sie ertrinken in ihren Schulden und mehr Finanzhilfe gibt's auch nicht.

Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern wird auch im 21. Jahrhundert immer größer. Die weltweite Konjunkturschwäche hat die Hoffnung vieler Länder an der Schwelle zum Wohlstand zunichte gemacht, mit verstärkten Exporten ein Stück vom großen Globalisierungskuchen zu ergattern. Für etwa 50 Länder mit rund 20 Prozent der Weltbevölkerung gibt es kaum eine Chance, den Prozess der Verelendung zu stoppen.

Elf Zinssenkungen in den USA

Mit einem Wachstum von lediglich 1,8 Prozent ist die globale Wirtschaftsproduktion im Jahr 2001 fast zum Stillstand gekommen. Als Ursachen gelten die Spätfolgen des hohen Ölpreises und die zunächst noch straffe Geldpolitik mit hohen Zinsen in den USA und Europa. Beides hat sich inzwischen geändert. Allein in den USA sind die Zinsen im Jahr 2001 elf Mal gesenkt worden. Der Ölpreis lag Mitte September noch bei 30 Dollar je Barrel (das Fass zu 159 Liter) - inzwischen ist er um mehr als ein Drittel auf etwa 19 Dollar gefallen.

Düstere Aussichten für Entwicklungsländer

Während es für die Industriestaaten im neuen Jahr wieder aufwärts gehen soll, bleiben die Aussichten für die meisten Entwicklungsländer düster. Damit sich ihre Lage ändert, müssten ihnen die reichen Staaten einen besseren Zugang zu den eigenen Märkten einräumen, fordert der Chefvolkswirt der Weltbank, Nicholas Stern. Die trotz aller Liberalisierung aufrecht erhaltenen Barrieren im Textil- und Agrarhandel machen den so genannten Schwellenländern das Leben schwer. Das verhängnisvolle Gemisch von Konjunkturkrise, hohen Auslandsschulden und inneren Strukturproblemen hat Argentinien zum Jahreswechsel an den Rand des Zusammenbruchs geführt.

Bessere Chancen bei großem heimischen Markt

Bessere Chancen haben Staaten mit einem großen heimischen Markt wie Indien und China. Allein die Auslandsinvestitionen werden China im neuen Jahr ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent bescheren - insgesamt sollen es sieben Prozent werden. China will jetzt die Früchte seines mit zahlreichen Zugeständnissen erkauften Beitritts zur Welthandelsorganisation (WTO) erzielen, der am 11. Dezember wirksam geworden ist. Auf der Sonnenseite im pazifischen Raum sind auch noch Indien, Südkorea und Australien, während Malaysia, Singapur und Taiwan ebenfalls in die Rezession geraten sind. Russland profitiert von seinen reichen Öl- und Gasvorkommen - und erzielt das zweite Jahr in Folge ein stetiges Wirtschaftswachstum.

Nur Rohstoffe reichen nicht

Nur eine Zuschauerrolle nehmen die 50 ärmsten Staaten im Prozess der Globalisierung ein. Bei ihnen handelt es sich zumeist um kleinere Staaten, oft in Afrika, die dem Weltmarkt außer Rohstoffen wenig zu bieten haben. Wegen der Schwäche der meisten Rohstoffmärkte kommt nur wenig Geld ins Land, gleichzeitig gibt es aber einen konstanten Importbedarf. »Das ist auf die Dauer kein tragbarer Zustand«, erklärt der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Rolf Langhammer. »Diese Länder sind bankrott, sie sind nur noch nicht für bankrott erklärt worden.«

Kaum Planungssicherheit

Hilfe könnte ihnen nur eine massive Ausweitung der internationalen Finanzhilfe bringen. In der Entwicklungshilfe halten sich die reichen Staaten aber seit Jahren zurück: Deutschland gibt dafür nur 0,26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus - 1982 waren es noch 0,48 Prozent. Nur Dänemark, Norwegen, Schweden und die Niederlande erfüllen den UN-Richtwert von 0,7 Prozent. Eine mögliche Lösung sehen Wirtschaftswissenschaftler wie Langhammer in der Errichtung eines kapitalgestützten Entwicklungsfonds, in den die Mittel aus dem Schuldendienst der ärmsten Länder fließen könnten. Ein solches Modell, dem derzeit noch haushaltsrechtliche Hindernisse entgegenstehen, könnte den ärmsten Ländern der Welt eine längerfristige Planungssicherheit geben.

Peter Zschunke

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