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Ausbeutung: Schlecker und das "Callgirl"

Berichte über Dumpinglöhne bewegen die Republik. stern.de zeichnet das Schicksal einer ausgebeuteten Schlecker-Mitarbeiterin nach. Ein Protokoll aus einer dunklen Ecke des Job-Markts.

Von Roman Heflik

Warum verzichtet jemand auf ein Drittel seines Gehalts oder macht Überstunden, die ihm niemand bezahlt? Wieso unterschreiben Menschen Verträge, die ihnen weniger Urlaubstage und noch weniger Kündigungsschutz versprechen?

Die Antwort kennen Millionen deutscher Arbeitnehmer: aus Angst, aus Verzweiflung. Und weil ihnen profitgierige Unternehmer keine andere Wahl lassen. Die Formen der Ausbeutung sind zahlreich: Putzfrauen, die bei Krankheit gefeuert werden, Fernfahrer, die für unter sechs Euro die Stunde schuften müssen, Autowäscher, die nicht bezahlt werden, wenn mal kein Auto kommt. Und es gibt Verkäuferinnen wie Gabriele Sommer.

"Ich war extrem blauäugig"

Vor zwei Monaten hat auch sie die Angst kennengelernt. Und sie hat mitbekommen, wie sich ihr Arbeitgeber, der Schlecker-Konzern, diese Angst zu nutze gemacht hat. Man könnte auch sagen: Schlecker hat es geschafft, Sommers Angst für sich in bare Münze umzuwandeln.

Die Geschichte von Gabriele Sommer, die in Wahrheit anders heißt, beginnt vor einem halben Jahr. Die gelernte Arzthelferin hat ihren Job in einer Praxis verloren. An der Scheibe einer Schlecker-Filiale sieht sie ein Schild "Aushilfe gesucht" und geht hinein. Heute sagt sie: "Ich war extrem blauäugig, ich hatte keine Ahnung von Schlecker." Sommer wird als Springerin eingestellt und muss in verschiedenen Filialen aushelfen. Ihr Vertrag wird immer wieder verlängert - auf Wochenbasis, mit immer wieder wechselnden Arbeitszeiten. "Callgirl-Arbeitsverhältnisse" nennt man das bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi - weil die meist weiblichen Aushilfen an ihren freien Tagen oft am Telefon sitzen und auf den nächsten Arbeitseinsatz warten.

Tarifflucht durch Leiharbeitsfirma

Langsam begreift Sommer, wie ihr Arbeitgeber tickt: Egal in welcher Filiale sie zur Arbeit antritt, überall herrscht Angst. "Die Frauen in den Märkten haben sich davor gefürchtet, dass demnächst ein XL-Markt in der Nähe aufmacht und sie ihre Jobs verlieren", erinnert sie sich. Die XL-Märkte sind der Spar-Trumpf im Ärmel des Ehinger Drogeriekonzerns: Alte Filialen werden durch neue, geräumigere Geschäfte ersetzt. Allerdings: Das Personal tauscht Schlecker größtenteils auch aus. Ältere Arbeitnehmerinnen, die nach Verdi-Tarif bezahlt werden, verlieren reihenweise ihren Job - eine Katastrophe für hunderte Frauen, von denen viele seit 15 oder mehr Jahren bei Schlecker arbeiten.

Vielen der übriggebliebenen Angestellten bietet Schlecker Verträge mit der Meniar an, einer Leiharbeitsfirma aus Zwickau, die von einem ehemaligen Schlecker-Manager gegründet wurde und die aufs engste mit dem Unternehmen verwoben ist. "Mit Meniar begeht Schlecker Tarifflucht und betreibt Lohndumping", sagt Achim Neumann von Verdi. Wer bei der Meniar anfängt, verzichtet auf ein Drittel bis auf die Hälfte seiner Bezüge. Denn die Verleihfirma nutzte eine Lücke im Gesetz zur Arbeitnehmerüberlassung und berief sich bis vor kurzem auf einen Tarifvertrag mit einer christlichen Gewerkschaft, der weit unter den Konditionen des Verdi-Tarifvertrags liegt.

In den Filialen herrschte Furcht

Weil man mit der Meniar so schön Geld sparen konnte, versuchte Schlecker, auch Mitarbeiter der alten Filialen nach und nach zu den neuen Verträgen zu überreden. Wie knallhart der Konzern dabei vorging, erlebte Gabriele Sommer am eigenen Leib.

Ab November teilte ihre Chefin ihr von Woche zu Woche weniger Arbeitsstunden zu. "Im Dezember dann hatte ich gar nichts mehr und musste mich zeitweise arbeitslos melden", erinnert sich Sommer. Dann sei sie von der Bezirksleiterin angerufen worden. Die habe ihr einen Meniar-Vertrag mit den Worten angeboten: "Wenn Sie den nicht unterschreiben, weiß ich nicht, wann ich im nächsten Jahr wieder für Sie Arbeit habe."

Damit ein Mitarbeiter auf seine vertraglichen Rechte verzichtet, geht Schlecker nach stern-Recherchen in Einzelfällen auch noch weiter. Da drohten Manager: Wenn Sie nicht mitmachen, zeigen wir Sie wegen Diebstahls an. Mitarbeiterinnen bestätigen, dass in den Filialen die ständige Furcht herrschte, von den Vorgesetzten etwas untergeschoben zu bekommen. So hätten selbst langjährige Mitarbeiterinnen nach Bedarf ohne Abfindung fristlos gefeuert werden können. "Bei meiner Filialleiterin ging die Angst soweit, dass sie bei jedem Wetter ohne Jacke und Tasche zur Arbeit kam", berichtet eine Kollegin von Sommer.

Urlaub, wenn's der Firma passt

Gabriele Sommer dagegen wollte der Konzern nicht loswerden: Als Aushilfe befand sie sich ja schon auf einer niedrigen Gehaltsstufe. Leute wie Sommer stellen für Unternehmer billige Arbeitskräfte dar - die sich als neue Mitarbeiter auch kaum gegen Druck von oben zur Wehr setzen können - gewissermaßen das perfekte Personal.

Sommer war ratlos: Finanziell ging es ihr eigentlich noch ganz gut, denn von einer kleinen Wohnung flossen noch bescheidene Mieteinnahmen auf ihr Konto. Doch gleichzeitig hatte sie wegen dieser Einkünfte keinen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen. "Ich wollte unbedingt einen sozialversicherungspflichtigen Job haben", sagt die Verkäuferin, "denn um die Versicherungen vollständig aus eigener Tasche zu zahlen, dafür reichte mein Geld auch nun wieder nicht." Dann habe ihre Vorgesetzte gelockt: "Bei Meniar sind Sie dann auch endlich finanziell abgesichert, wenn Sie mal Urlaub machen wollen." Den Urlaub, so habe die Chefin ergänzt, solle Sommer aber bitte schön nehmen, wenn mal gerade im Laden nicht so viel los sei.

"Schlecker hat mich bewusst ausgehungert"

Nach einigem Zögern unterschrieb die ehemalige Arzthelferin - und sofort teilte ihr die Vorgesetzte 30 Wochenstunden zu. "Schlecker hat mich also bewusst ausgehungert, damit ich den Meniar-Vertrag unterschreibe", ärgert sich Sommer. "Was mich so sauer macht, ist, dass die so offen die Notlage ihrer Mitarbeiter ausnutzen." Für eine 20-Stunden-Woche verdient sie nun 692 Euro brutto im Monat, von denen aber laut Vertrag Leistungen in Höhe von 105 Euro "freiwillig und widerruflich" sind. Ganz leicht könnte die Meniar damit bei Bedarf Sommers Gehalt reduzieren, ohne den Arbeitsvertrag zu verletzen. Geld für Überstunden gebe es aber wohl nicht, behauptete ihre Chefin, so genau kenne sie die Meniar-Verträge auch gar nicht.

Als die öffentliche Kritik an Schleckers Personalpolitik immer lauter wurde, erklärte das Unternehmen, man werde künftig keine weiteren Leiharbeiter von der Firma aus Zwickau zu übernehmen. Auch für die Meniar-Beschäftigten gab es eine Art Trostpreis: Plötzlich habe sie einen Anruf ihrer Bezirksleiterin bekommen, erinnert sich Sommer. Die Frau habe ihr erklärt: "Gute Nachricht, Frau Sommer: Ich habe das mit ihrem Vertrag geklärt, Ihre Überstunden werden doch bezahlt."

Mindestens 3000 Menschen von Schließungen betroffen

Für eine Stellungnahme gegenüber stern.de war das schwäbische Unternehmen nicht zu erreichen. Stattdessen meldete sich Anton Schlecker persönlich im "Manager Magazin" zu Wort, der wirtschaftliche Schwierigkeiten seines Unternehmens einräumte. Stundenlöhne von 6,50 Euro seien aber höchstens mal "angedacht" gewesen, mit Meniar werde man künftig nicht mehr zusammenarbeiten. Sowieso hätten nur wenige der 52.000 Beschäftigte einen Meniar-Vertrag. Die Umstellung von den alten Schlecker-Märkten auf die neuen XL-Filialen solle jedenfalls weitergehen, rund 500 Märkte werde man in diesem Jahr dicht machen.

Nach Verdi-Angaben sind von den Schließungen jedoch bislang fast 3000 Menschen betroffen: 1800 seien entlassen worden, 1000 weitere seien dagegen zu Meniar geschoben worden. Denen seien nicht 6,50 Euro gezahlt worden, sondern größtenteils 6,78 Euro. Gewerkschafter wie Achim Neumann rechnen mit zahlreichen weiteren Schließungen und Entlassungen.

Mit der Trennung von Schlecker und Meniar ist Gabriele Sommers Zukunft nun möglicherweise wieder offen. Verdi-Mann Neumann berichtet: "Nach unseren Informationen fängt Schlecker gerade damit an, Meniar-Arbeitsverträge wieder in Schlecker-Verträge umzuwandeln." Vorteile hätten die Angestellten aber davon nicht, sagt Neumann. Er berichtet von Fällen, in denen Betroffene nach ihrer Meniar-Zeit bei Schlecker als geringfügig Beschäftigte arbeiten müssen oder man ihnen die Stundenzahl gekürzt hat.

Noch hat Sommer ihren alten Meniar-Vertrag. Aber die Angst kriecht schon wieder an sie heran.