Bahn-Streik in Berlin Gute Ausrede fürs Zuspätkommen


U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen in Berlin stehen still, weil Verdi es so will. Die Gewerkschaft möchte damit ihrer Forderung nach zwölf Prozent mehr Lohn für die Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe Nachdruck verleihen. Doch das große Chaos ist ausgeblieben.
Von Markus Baluska, Berlin

Zum Mittag hat sich der Verkehr in Berlin wieder normalisiert. Auf den Straßen gibt es die üblichen Staus an den Baustellen, aber die Autos fahren wieder, wie der Radiosender Berlin 88,8 live aus der Berliner Verkehrsmanagement Zentrale berichtet. Nur U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nicht, weil die Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG) bestreikt werden.

Auch wenn das ganz große Chaos am Morgen ausgeblieben ist, der Weg zur Arbeit oder Schule war für viele beschwerlicher als sonst. Jan Kuper zum Beispiel braucht normalerweise 20 Minuten zu seinem Büro in Berlin Mitte. Jetzt saß er viermal so lang im Auto. Und das, obwohl er eigentlich vom Arbeitskampf nicht betroffen wäre. Für gewöhnlich nimmt er die S-Bahn und das Fahrrad, um an seinen Schreibtisch zu kommen. Nur für diesen Freitag hatte er vereinbart, einen geliehenen Dienstwagen zurückbringen. Das hätte er nicht gemacht, wenn er die Informationen vom Streik früher bekommen hätte.

"Der Fahrer wusste noch nichts von einem Streik"

Auch Wolfgang Stenzel ist überrascht darüber, wie kurzfristig der Arbeitskampf ausgetragen wird. Noch am Vorabend hatte er einen Busfahrer der BVG gefragt, ob denn die Busse und Bahnen am nächsten Tag fahren würden. "Der Fahrer wusste noch nichts von einem Streik", sagt Stenzel verwundert. Er hat zwar nur unwesentlich länger an seinen Arbeitsplatz gebraucht als sonst, "aber die Straßen waren schon sehr voll". Das mussten auch andere feststellen. Auf der Greifswalder Straße zum Beispiel fährt normalerweise alle zwei bis drei Minuten eine Straßenbahn. Der begrünte Streifen zwischen den Fahrbahnen bleibt an diesem Tag frei von gelben Trams. Dafür stauen sich links und rechts davon die Autos. Zeitverlust: etwa eine Viertel Stunde pro Kilometer.

Manch einer gewinnt der Situation aber auch Gutes ab. Weil der Chef ja nicht weiß, wie lange es wirklich mit dem Auto ins Büro dauert, kann man schnell noch das eine oder andere erledigen, weiß mancher über Kollegen. Wie immer, wenn in Berlin etwas außergewöhnliches passiert, wird heftig diskutiert. Die meisten sind aber gelassen. Eine Hörerin schickte eine E-Mail an ihren Radiosender, in der sie empfiehlt, es zu genießen, dass "man mal aus dem Alltagstrott" auskommt.

In verkehrstechnischer Sicht ist Berlin auch fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch eine geteilte Stadt. Der Ostteil wird überwiegend durch Straßenbahnen erschlossen. Deswegen sind die Menschen in Bezirken wie Marzahn, Weißensee oder Hohenschönhausen besonders betroffen. Die S-Bahnen hingegen gehören nicht zur BVG sondern werden von der Bahn AG betrieben. Sie fahren ebenso wie die Regionalbahnen planmäßig. Bei der Bahn AG wird auch versucht, dem Ausstand entgegenzuwirken. Wo es geht, werden längere Züge eingesetzt, die auch häufiger fahren sollen. Informationen für die vom Streik betroffenen gibt es auch bei der S-Bahn. Während die Hotline der BVG mit Hinweis auf den Streik nur ein Band abspielt, können sich Ratsuchende an die Berliner S-Bahn wenden.

Die großen Gewinner waren die Taxifahrer

Die großen Gewinner der Streikaktion sind die Berliner Taxifahrer. War es in den Morgenstunden nahezu unmöglich, ein Taxi zu bekommen, ist es am Mittag immer noch ein Geduldspiel. Meistens hört ist bei einem Anruf in der Taxizentrale nur das Besetzt-Zeichen zu hören.

Völlig gelassen reagiert Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin auf den Ausstand bei der BVG und fährt eine harte Linie: "Es wird nicht möglich sein, Land oder die BVG mit einem Streik materiell zu erpressen, weil sowohl BVG als auch das Land Geld sparen, so lange man nicht fährt. Verdi streikt ausschließlich gegen den Bürger", lästert der Sozialdemokrat gegen die organisierten Arbeitnehmervertreter. Die Stadt Berlin kauft nämlich von der BVG Verkehr, und wenn der nicht fließt, muss die Stadt auch nicht dafür bezahlen. Auch die BVG spare durch den Streik Geld rechnet Sarrazin vor, denn der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel sei teurer als die Einnahmen durch den Verkauf der Fahrscheine. Bislang ist geplant, dass Busse und Bahnen bis Samstag 15 Uhr in den Depots bleiben.


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