Ben Bernanke Halbzeit für US-Notenbankchef


Seit zwei Jahren ist Ben Bernanke Chef der US-Notenbank Fed. Seine Amtszeit verläuft turbulent: Nach anfänglichen Kommunikationspannen kämpft er mit Zinssenkungen gegen die Kreditkrise an. Marktteilnehmer fragen sich, ob er zu spät gehandelt hat.
Von Tobias Bayer

Ben Bernanke kennt sich mit Krisen des Finanzsystems aus. Er hat ein Buch über die Große Depression in den 30-er Jahren geschrieben. In "Essays on the Great Depression" schreibt Bernanke: "Da Bankenkrisen auch die Kreditvergabe beeinträchtigen, können sie sich auch auf die Realwirtschaft auswirken."

So viel zur Theorie. Doch ob Bernanke auch in der Praxis bestehen kann, ist eine zusehends kontroverser diskutierte Frage. Genau zwei Jahre steht er nun an der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die Krise am amerikanischen Häusermarkt hat sich während seiner Amtszeit zu einer Krise des globalen Finanzsystems ausgeweitet. Die Konjunkturdaten verschlechtern sich, die Rezessionsangst wächst - und Bernanke versucht mit massiven Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen gegenzusteuern. Seit September hat er die Federal Funds Rate um 225 Basispunkte gesenkt, hat das geldpolitische Instrumentarium verfeinert und in einer konzertierten Aktion mit anderen Zentralbanken den Geldhahn aufgedreht. Sonderlich viel geholfen hat das bisher allerdings nicht. Die Nervosität ist eher gestiegen als gesunken.

Schwierige Situation für "Big Ben"

Die kritischen Stimmen aus Politik und der Finanzwelt mehren sich deshalb. "Er hat die Zinsen zu spät gesenkt", bemängelt Barney Frank, der demokratische Vorsitzender des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus. Er stellt die Effizienz der Fed im Kampf gegen die Finanzkrise in Frage. "Bernanke war etwas zu besorgt über die Inflation." Rentenstratege Richard Gilhooly von BNP Paribas hält die Zinssenkungen nicht nur für verspätet, sondern sogar für panisch: "Die Fed hat zu den hohen Schwankungen an den Märkten in der Vergangenheit beigetragen. Ein Gutteil der Angst vor einer Rezession entspringt einer Lücke im Verständnis und einer Lücke im Vertrauen in die Geldpolitik der Fed." Noch viel drastischer drückt sich Finanzinvestor und Milliardär George Soros aus: "Die Zentralbanken haben die Kontrolle verloren."

Was angesichts der heftigen Tiraden nicht vergessen werden darf: Die Ursachen für die Krise sind nicht erst zu Bernankes Zeiten entstanden. Ihre Wurzeln reichen viel weiter in die Vergangenheit zurück. Ein Erklärungsansatz führt die Turbulenzen auf die Niedrigzinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan zurück. Der hatte nach dem Platzen der Internetblase die Zinsen bis auf ein Prozent gesenkt, um eine Rezession abzuwenden. Das stimulierte jedoch nicht nur die Volkswirtschaft als ganzes, sondern auch den Immobiliensektor. Variabel verzinste Hypotheken (ARMs genannt) erfuhren einen regelrechten Schub, die Banken weiteten die Kreditvergabe an Haushalte mit geringem Einkommen aus - und weichten nicht zuletzt ihre Prüfstandards auf. Diese Exzesse rächen sich jetzt. Und Bernanke muss damit klarkommen.

Milton Friedman: "Fed als der Idiot unter der Dusche"

Das ist keine einfache Aufgabe. Die Fed hat im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank ein duales Mandat. Das bedeutet, dass sie sowohl auf die Beschäftigung als auch auf die Teuerung achten muss. Der Balanceakt ist schwierig, was Bernankes Lehrmeister, den Nobelpreisträger Milton Friedman, zu folgendem Bonmot anregte: "Es besteht die Gefahr, dass die Fed unentschieden wie der Idiot unter der Dusche agiert. Erst wird das heiße Wasser aufgedreht, dann hektisch das kalte." Erschwerend kommt hinzu, dass der Fed eine unglaubliche Bedeutung beigemessen wird. 1913 gegründet ist die Fed in den Augen vieler Beobachter nichts weniger als der Retter des Marktes. Greenspan galt als Superstar, als Orakel, das sich sphinxgleich äußerte und den Unwissenden den Weg wies. Die Fußstapfen, in die Bernanke tritt, sind gewaltig.

FTD

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