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Vor Spiel gegen Costa Rica Wohin mit dem Mann, der alles kann, aber auf dem Platz nirgendwo zu Hause ist?

Gehört seit Jahren zur Stammelf der deutschen Nationalmannschaft: Thomas Müller
Gehört seit Jahren zur Stammelf der deutschen Nationalmannschaft: Thomas Müller
© Ina Fassbender / DPA
Thomas Müller droht seinen Platz in der Startelf an Niclas Füllkrug zu verlieren – den Mann der Stunde im deutschen Nationalteam.

Als Angela Merkel noch Kanzlerin war, hieß es, die Farbe ihres Blazers verrate mehr über ihren Gemütszustand als die meist zu einem U gebogenen Mundwinkel. Ähnlich weissagende Kräfte sprach man den Krawatten des früheren US-Notenbankers Ben Bernanke zu; je nach Muster würde er den Leitzins heben oder senken. Und auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) haben sie sich ein Orakel geschaffen: Es sind die Pressekonferenzen im Trainingscamp Al Shamal, gelegen im Norden Katars, von Doha aus zu erreichen nach 100 Kilometer Fahrt durch die Wüste.

Hier, in einer umgebauten Sporthalle, geben die Nationalspieler Auskunft über das, was sie so bewegt – und auch, was sie angeblich gar nicht bewegt ("Druck? Kein Problem, sind wir alle gewohnt"). Die eigentliche Aussagekraft der DFB-Sprechstunde liegt jedoch nicht in den Worten der Spieler, sondern in der Besetzung des Podiums. Die Personalauswahl wird von Beobachtern als Fingerzeig fürs nächste Spiel verstanden. Sitzen zwei Spieler oben auf der Bühne, heißt es: einer von beiden schafft es in die Startaufstellung. Kommt nur einer, heißt es: wird von Anfang an dabei sein.

Der DFB spielt jedoch seit der Niederlage in der WM-Vorrundenpartie gegen Japan ein ganz eigenes Spiel, und das heißt Täuschen & Tricksen. Vor der Partie gegen Spanien schickte der Verband Kai Havertz und Julian Brandt vor die Presse. Naheliegender Schluss: Havertz spielt, Brandt nicht. War leider falsch. Weder der eine noch der andere durfte beim 1:1 gegen Spanien mitwirken.

DFB-PK: Thomas Müller und Niclas Füllkrug auf dem Podium

Das bislang größte Rätsel bei dieser WM hat der DFB am Dienstag aufgegeben: Er setzte Thomas Müller und Niclas Füllkrug vors Mikrofon. Zwei Spieler für exakt dieselbe Position, die Neun, die Sturmspitze. Mit Sorge musste man sich fragen: Spielt das Orakel jetzt völlig verrückt? Wüstenhitze nicht vertragen? Was soll die Botschaft sein?

Das vermochten Müller und Füllkrug selbst nicht zu sagen. Denkbar sei alles, meinte Müller: "Der Fülle hat zwar die Neun aufs Trikot geschweißt bekommen, aber das muss nichts heißen." Man könnte auch gemeinsam spielen, Füllkrug ganz vorn im Sturmzentrum, und er, Müller, im offensiven Mittelfeld dahinter.

Füllkrug fasste sich kürzer. Er sagte auf die Frage, wer nun der Neuner im Team sei: "Doofe Frage."

Gegen Costa Rica am Donnerstagabend (20 Uhr, ARD) muss die deutsche Nationalmannschaft gewinnen, damit das WM-Turnier nicht bereits nach der Gruppenphase für sie beendet ist. Für Bundestrainer Flick stellt sich die Frage, wem er im Angriff vertrauen soll? Füllkrug, der das Ausgleichstor gegen Spanien erzielte und danach als Erlöser auf Händen getragen wurde? Oder doch dem erfahrenen Müller, 33 Jahre alt, Mitglied der Nationalmannschaft seit 2010, Weltmeister 2014, zweimaliger Champions League-Sieger, ein sehniger Mann, gehärtet in tausend Schlachten?

Keine gute Statistik für Thomas Müller

Müller weiß, dass die Statistik bei dieser Weltmeisterschaft bislang gegen ihn spricht. "Zwei Spiele und null Torschüsse, damit kann ich als Offensivspieler nicht zufrieden sein", sagte er, um dann doch noch Werbung für sich zu machen. Von außen werde es vielleicht nicht so wahrgenommen, wie wichtig Laufarbeit sei, "du rennst zehn Mal in die Tiefe und kriegst zehn Mal den Ball nicht, und hoffst, dass er beim elften Mal kommt." Jeder dieser Vorstöße wirbele jedoch den Abwehrverbund des Gegners durcheinander, was Räume öffne, "Räume, die dann andere nutzen können." 

Jemand wie Füllkrug zum Beispiel, 29 Jahre alt, in der vergangenen Saison noch mit Werder Bremen in der zweiten Liga unterwegs. Füllkrugs Vorteil ist es, dass er klar benennbare Qualitäten besitzt: Er ist der Vollstrecker in der Sturmspitze, wie das in der Sprache des Fußballs heißt. Und Thomas Müller? Ist überall und nirgends unterwegs, kann in der Offensive auf vier Positionen spielen, wird oft dahin geschoben, wo gerade Mangel herrscht. Und wenn kein Mangel herrscht, wie in diesen Tagen in Katar, dann stellt sich die Frage: Wohin mit Müller?

Hansi Flick kann auf so viele angriffsbegabte Mittelfeldspieler zurückgreifen, wie wohl noch kein Bundestrainer vor ihm. Musiala, Havertz, Gnabry, Sané, Brandt, Götze (und auch Gündogan, gegen Japan von Flick fälschlicherweise als Sechser deklariert) – es ließen sich locker zwei Nationalmannschaften bestücken.

Gegen Costa Rica wird das Mittelfeld der wohl wichtigste Mannschaftsteil im deutschen Spiel werden. Zu erwarten ist eine einseitige Partie, bei der sich Costa Rica in die eigene Hälfte zurückzieht und auf Konter lauert. Die Deutschen werden viel laufen müssen, um Lücken in die Abwehrketten zu reißen. Vielleicht wieder ein Job für den fleißigen Thomas Müller? Und Füllkrug kommt später rein, wie schon gegen Spanien? Das Orakel von Al Shamal scheint es selbst nicht zu wissen. So wirr wie am Mittwoch hat es selten gesprochen. 

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