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Bestatter: Der Betrug stirbt zuletzt

Umsonst ist nur der Tod - aber für Bestatter ist er ein lukratives Geschäft. Mit harten Bandagen und zweifelhaften Methoden wird um Kunden gekämpft und die schwierige Situtation der Trauernden hemmungslos ausgenutzt.

Von Sophie Duhn und Monika Manke

Vier Männer stehen um das offene Grab, akkurat ausgehoben 180 mal 75 Zentimeter. Auf ein leises Kommando lassen sie die Taue langsam durch ihre Hände gleiten. Stockend sinkt der Sarg. Trauernde, schwarz gekleidet, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt. Was diese Angehörigen nie erfahren werden: Sie wurden über den Tisch gezogen.

Teurer Schein

"Bestatter verkaufen Särge oft pro forma. Da wird ein Sarg als echten Eichensarg ausgegeben. In Wirklichkeit wird einer verwendet, der wesentlich wertloser ist, aber wie Eiche aussieht", sagt Peter Waldbauer. Während seines Studiums hat der heutige Betriebswirt als Bestattungshelfer für mehrere Unternehmen gearbeitet. In seinem Buch "Die Bestattungsmafia" entlarvt er die kriminellen Methoden einiger Beerdigungsinstitute. "In Krematorien werden teure Schaumstoffkissen vor der Verbrennung wieder herausgenommen und hochwertige Särge gegen billige ausgetauscht", sagt Waldbauer. "Umpacken" nenne man das im Fachjargon.

Bestattungsunternehmen greifen häufig zu üblen Tricks. Ob gegen Kunden oder die eigene Konkurrenz, Hauptsache, der Umsatz steigt. 2000 Menschen sterben täglich in Deutschland. Mehr als doppelt so viele Beerdigungsinstitute reißen sich um sie. Profit schlägt Pietät.

Bestattet und belogen

"Die Würde des Toten wird häufig nicht geachtet", beschwert sich Ursula Zirkel vom ambulanten Hospizdienst Kusel. Karin Fransen* ist derselben Ansicht. Sie arbeitet seit sechs Jahren in der Branche. "Vom Krankenbett wird der Tote schon manchmal in den Sarg geschmissen, ohne Innenfutter und Polsterung." Die Hinterbliebenen erfahren das nicht. Stattdessen werden sie in Beratungsgesprächen hinters Licht geführt. Der billige Sarg, auch Ikea-Modell genannt, sei nicht vorrätig. "So müssen Kunden den teureren wählen", sagt Bestatter Peter Zirlow*, der sieben Jahre im Geschäft ist.

Die Beratung vieler Bestatter sei "erschreckend" schlecht. Zu diesem Ergebnis kam Stiftung Warentest 2004 in einer bundesweiten Studie. Gerade die Großen verschleiern ihre Kostenschlüssel, sagt Falk Murko von der Stiftung. Daran habe sich bis heute nur wenig geändert.

Trauernde werden abgezockt

Zur Umsatzsteigerung wird dem Kunden oft wesentlich mehr aufgeschwatzt, als er möchte. Denn viele Bestatter kassieren gerne doppelt. Ihre Kosten setzen sie nach eigenem Gutdünken fest. Brigitte Kaufmann*, Bestatterin in Bayern, gibt ein Beispiel für die Preisstrategie. "Die billigste Bretterkiste holen wir aus dem Osten für 35 Euro plus Mehrwertsteuer. Wir verkaufen die wegen der Fahrtkosten für 200 Euro, andere nehmen dafür 750 Euro." Und die Rechnung geht auf. Viele Trauernde stehen unter Schock und denken daher nicht an einen Kostenvoranschlag. "Wenn der Bestatter erst einmal in der Wohnung steht, hat er auch schon gewonnen", sagt Kaufmann. Am Ende müssen Hinterbliebene in Deutschland durchschnittlich 5.000 Euro bezahlen.

Selbst Angehörige, die aufs Geld achten, legen oftmals drauf. Wer meinte, ein Schnäppchen zu schlagen, wird zuletzt von einer saftigen Rechnung überrascht. "Nur 495 Euro", mit solchen Dumpingangeboten ködern Discount-Bestatter Verbraucher bundesweit - größtenteils über das Internet. Was für die meisten Hinterbliebenen jedoch selbstverständlich zu einer Bestattung gehört, ist nur im Kleingedruckten vermerkt und völlig überteuert.

Teure Discounter

"Billigbestatter versprechen einen Preis, den sie nicht halten können", warnt Heike Böhme-Küppenbender vom Bundesverband Deutscher Bestatter. Friedhofsgebühren, Grabstein, Trauerfeier, Blumenschmuck, lauter Extras, die hinzukommen. Der Bestatter erhält eine stattliche Provision. Der Kunde zahlt am Ende drauf.

Das kann ihm auch bei der Sterbegeldversicherungen passieren. Dabei handelt es sich um eine kleine Lebensversicherung. "Die Beiträge sind enorm hoch, die Renditen dagegen schlecht", sagt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale NRW. Viele Versicherte würden im Laufe der Jahre deutlich mehr Geld in eine Police einzahlen, als letztendlich ausgezahlt wird. Eine Sterbegeldversicherung könne man sich deshalb sparen.

Zweifelhafte Kundenakquise

Augsburg, Neusässer Straße. Drei Bestatter Tür an Tür. Platziert zwischen Zentralklinikum und Friedhof. Durch das Schaufenster des Bestattungsinstituts Grieneisen sind Werbeprospekte einer Versicherung zu sehen.

Diese Verbindung, verwunderlich. Ahorn Grieneisen ist durch Bestattungen von Promis wie Marlene Dietrich oder Willy Brandt bekannt geworden. Mit etwa 250 Filialen ist es Deutschlands größtes Bestattungsunternehmen und gehört zu 100 Prozent der Versicherungsgruppe Ideal, dem Marktführer bei "Senioren-Versicherungen". Ilka Petersen, Pressesprecherin von Ahorn Grieneisen, sieht das locker. "Fast jeder Bestatter arbeitet mit einer Versicherungsfirma zusammen." Trotzdem wurden im Februar durch einen Rundfunkbeitrag des rbb Vorwürfe gegen das Unternehmen laut. Es würde den Kunden, die eine Sterbegeldversicherung bei Ideal abschließen, auch gleich den Bestattungsauftrag für das Tochterunternehmen unterjubeln.

Aufgrund derselben Vorwürfe stehen Ahorn Grieneisen und der Bundesverband deutscher Bestatter vor Gericht. Zur Debatte steht außerdem, ob der Bestatter berufsethische Grundsätze verletzt. Ein Toter wird beispielsweise vom Bestatter in einem Qualitätssarg abgeholt, allerdings ohne ausdrücklichen Auftrag der Angehörigen. Diesen könnte es jetzt aber schwer fallen, sich frei für ein anderes Modell zu entscheiden, weil der Tote doch bereits in einem Sarg liege.

Auf diese Weise bringen einzelne Bestatter Verbraucher absichtlich in eine unangenehme Situation - nur um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Grieneisen räumte ein, es habe die Arbeitsanweisung gegeben, die Toten grundsätzlich in einem hochwertigen Sarg abzuholen. Sie sei jedoch seit Monaten nicht mehr gültig.

Zugang zu den Toten von morgen

"Die Bestatter arbeiten sehr intensiv mit Altenheimen zusammen. Da gibt es schon mal für die Mitarbeiter Bares, 50 oder 100 Euro pro Sterbefall", sagt Autor Peter Waldbauer. Auch ein Leasingvertrag für ein tolles Auto könne schon mal rausspringern. Prinzip goldener Handschlag.

In der Lavendel Residenz in Teltow bei Berlin schult Grieneisen das Pflegepersonal. Heimleiter Jörg Breitsprecher sagt, sein Team empfehle Grieneisen. "Eine Pflegekraft ist aber in diesem Moment eine Autoritätsperson", so Böhme-Küppenbender. Sie beeinflusse den Trauernden. Freie Wahl habe der dann nur theoretisch. Der Kreisverband Hamburg-Harburg des DRKs eröffnete im August "Trauerhilfe", das erste Bestattungsunternehmen des DRK. Kooperationspartner war ausgerechnet Grieneisen. Ein großer Vorteil für das Unternehmen zeichnete sich ab: Das DRK hat schon heute Zugang zu den Toten von morgen. Aber das Geschäft endete, bevor es richtig begonnen hatte. Auf Druck des Präsidentialrates zog sich das DRK bereits nach knapp vier Wochen aus der "Trauerhilfe" zurück. Ein Bestattungsunternehmen zu führen habe dem Grundsatz des DRK widersprochen, sagt DRK-Sprecherin Tatjana Schütz.

Die Profitgier zahlreicher Bestatter bleibt. Und damit auch ihre Arbeitsmoral. Umsonst ist eben nur der Tod.

* Namen geändert