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"Drecksloch", "Kurpfuscher": Wie Firmen und Ärzte gegen fiese Online-Bewertungen kämpfen

Wenn Friseure, Ärzte und Handwerker auf Bewertungsportalen angegriffen werden, kann dies das Geschäft ruinieren. Was sich Unternehmen gefallen lassen müssen - und was sie löschen dürfen. 

Ein bisschen übertrieben? Manche Kunden werden auf Bewertungsportalen schnell zum Albtraum

Ein bisschen übertrieben? Manche Kunden werden auf Bewertungsportalen schnell zum Albtraum

Online-Bewertungen sind an sich eine gute Sache. Auf der einen Seite freut sich der Kunde über nützliche Erfahrungsberichte. Auf der anderen Seite profitieren gute Unternehmen und Dienstleister von positiven Bewertungen. So weit, so fair. Leider geht es auf Bewertungsplattformen im Internet nicht immer gerecht zur Sache. Neben ausgewogenen Kommentaren finden sich hier auch überzogene Kritik, unwahre Behauptungen und ausgewachsene Pöbeleien.

Im Kreuzfeuer der Kritiken stehen dabei längst nicht mehr nur Online-Shops und Hotels. Auch jeder Arzt, Handwerker und Friseur kann im Netz auf einschlägigen Portalen zerrissen werden. So musste sich ein Mediziner auf der Arztbewertungsplattform Jameda als "Kurpfuscher" beschimpfen lassen, der "nach Alkohol gestunken" habe. Ein Friseur las über sein Handwerk auf der Empfehlungsseite Yelp: "die Haarverlängerung grenzt an Körperverletzung". Und ein Fitnessstudiogänger kündigte nach einem persönlichen Streit mit dem Inhaber nicht nur seine Mitgliedschaft, sondern trat ebenfalls auf Yelp nach: "Da sieht es aus wie in einem Drecksloch. Alles alt und verschimmelte Geräte und keine Fenster drin."

Immer mehr Beschwerden

Weil solche Kommentare nicht gerade geschäftsfördernd wirken, versuchen immer mehr Gewerbetreibende die Kritiken löschen zu lassen. Seit etwa zwei Jahren steige die Zahl der Beschwerden über Online-Bewertungen rapide, beobachtet Rechtsanwalt Karsten Gulden. Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht bekommt mittlerweile beinahe täglich Anfragen von Firmen und Selbstständigen, für die er fiese Bewertungen aus dem Netz holen soll. Auch die oben genannten Beispiele stammen aus seiner Praxis.

Dass Gulden immer öfter den Feuerlöscher spielen muss, liegt aus seiner Sicht daran, dass immer mehr bewertet wird und dass manche dabei offenbar keinerlei Hemmschwellen kennen. "Was da teilweise unter Pseudonymen abgeladen wird, hat mit der Sache nichts zu tun. Da wird Frust abgelassen zulasten von Unternehmen", sagt Gulden. Vor allem drei Portale kommen ihm immer wieder unter: das Ärztebewertungsportal Jameda, die Empfehlungsplattform Yelp sowie das Jobportal Kununu.

Böse Bewertungen, die beanstandet wurden
Friseur auf Yelp:

„Die Haarverlängerung grenzt an Körperverletzung. Ich musste danach zum Arzt.“ 

Fitnessstudio auf Yelp:

„Da sieht es aus wie in einem Drecksloch. Alles alt und verschimmelte Geräte und keine Fenster drin. Schrauben waren auch nicht fest an Geräten.“ 

Restaurant auf Yelp:

„Wir hatten Gammelfleisch auf dem Teller. Nie wieder.“ 

Friseur auf Yelp:

 „Ich hatte Schnittwunden nach der Augenbrauenbehandlung“ 

Jameda:

„Dieser Arzt ist wohl das, was man einen Kurpfuscher nennt. Nach Alkohol hat er auch gestunken.“ 

Jameda:

„Ich musste an einem Mittwoch 3 Stunden im Wartezimmer warten, bis ich dran kam.“ (Die Praxis hatte mittwochs immer geschlossen)

Jameda:

„Der behandelt nur Privatpatienten.“  (Falsche Behauptung)

Jameda:

„Die Implantate sind Billigplastik aus China. Achtung!“ 

Jameda:

„Das Diktiergerät ist hier wichtiger als der Patient.“ 

Jameda:

„In dieser Praxis herrscht das Chaos.“ 

Kununu:

„Der Chef horcht die Mitarbeiter aus.“ 

Kununu:

„Frauen werden diskriminiert.“ 

Kununu:

„Die Arbeitszimmer in der kompletten Büroetage haben keine Fenster.“ 

Kununu:

„Der Inhaber des Ladens zahlt kein Steuern.“ 

Kununu:

„Der (Chef) ist ein Sklavenhalter.“ 

Kununu:

„Der Chef ist ständig in Spanien im Urlaub und zahlt seinen Angestellten Hungerlöhne.“ (Der Chef war wöchentlich in Spanien - da er die dortige Zweigstelle managte)


Kununu bietet ebenso wie vergleichbare Portale nicht nur einen Stellenmarkt, sondern auch die Möglichkeit, Erfahrungsberichte über aktuelle und ehemalige Arbeitgeber einzustellen - und ordentlich abzulästern. Mal wird der Chef zum "Sklavenhalter", mal zahlt er angeblich keine Steuern oder er "horcht die Mitarbeiter aus". Über einen Vorgesetzten, der regelmäßig nach Spanien flog, um die dortige Zweigstelle zu managen, hieß es: "Der Chef ist ständig in Spanien im Urlaub und zahlt seinen Angestellten Hungerlöhne."

Was erlaubt ist - und was nicht

Grundsätzlich gilt: Firmen und auch Ärzte müssen sich Bewertungen im Internet gefallen lassen. Erst im vergangenen Jahr wies der BGH die Klage eines Arztes ab, der sein Profil bei Jameda löschen lassen wollte. Das heißt aber noch lange nicht, dass auch jede Art von Bewertung okay ist. "Harte sachliche Kritiken muss man sich gefallen lassen, aber wenn es unsachlich wird, haben die Unternehmen ein Recht, das löschen zu lassen", sagt Fachanwalt Gulden. Ob die Grenze zur sogenannten Schmähkritik überschritten ist, muss im Einzelfall entschieden werden.

Verboten sind auch Behauptungen, die nachweislich unwahr sind. So löschte Jameda eine Arzt-Bewertung, in der sich der Schreiber über eine dreistündige Wartezeit an einem Mittwoch aufregte - der Arzt hatte darauf hingewiesen, dass seine Praxis mittwochs geschlossen sei. Allerdings: Nicht immer ist eine erfundene Behauptung so leicht zu widerlegen.

Konkurrenten gezielt geschädigt

Daher fordert Jameda - wenn sich ein Arzt über eine ungerechtfertigte Kritik beschwert - vom Bewerter einen Nachweis an, dass er sich tatsächlich dort hat behandeln lassen. Auf diese Weise konnte ein Internist immerhin 12 von 16 Kommentaren entfernen lassen, in denen er unter anderem als "vollkommen inkompetent" und "sehr schlechter Arzt" bezeichnet wurde, in dessen Praxis "das Chaos“ herrsche. "Wir haben immer öfter Fälle, bei denen sich herausstellt, dass der Bewerter gar kein Patient war", sagt Anwalt Gulden.

Auch in anderen Branchen auf anderen Portalen beobachtet Gulden immer wieder frei erfundene Schmähungen. Der Verdacht des Anwalts: "Man muss stark davon ausgehen, dass hier Konkurrenten gezielt geschädigt werden." Nachweisen konnte er das bisher noch in keinem Fall, weil sich die Kommentare nicht rückverfolgen ließen. Aber: "Ich gehe davon aus, dass sowas in Zukunft zunehmen wird."

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Kommentare (2)

  • stern-Moderation
    Liebe Leser, die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen. Sollten Sie noch weitere Fragen haben, erreichen Sie uns unter: sterncommunity@stern.de. Viele Grüße! (jr)
  • EarlyBird
    EarlyBird
    Aber natürlich tue ich das. Wenn es etwas zu kritisieren (oder zu loben) gibt, sollte man das auch gerne nach draußen lassen, um anderen ein Bild bzw. einen EInddruck zu verschaffen. Daß man bei allem natürlich bei der Wahrheit bleiben, Beleidigungen oder Persönliches unterlassen und Bewertungen offen-konstruktiv-kritisch gestalten sollte, versteht sich von selbst. Nur dann erfüllt ein Forum seinen Zweck - sonst kann man es auch gleich den Trollen überlassen.