Billigmedikamente Thailand bricht Arznei-Patent

Eigentlich ein guter Vorsatz: Die thailändische Regierung will billigere Medikamente für ihre Bürger - die Pharma-Multis freut's dennoch nicht
Eigentlich ein guter Vorsatz: Die thailändische Regierung will billigere Medikamente für ihre Bürger - die Pharma-Multis freut's dennoch nicht
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Thailands Regierung will Medikamente für die Bürger erschwinglicher machen - und stößt damit einen Patentstreit an. Erste Pharma-Hersteller ziehen bereits Anträge für die Zulassung neuer Medikamente in Thailand zurück.

Thailand hat zum großen Showdown mit der mächtigen Pharmaindustrie angesetzt: Die Regierung bricht trotz internationaler Patentschutz-Abkommen Medizin-Patente, um der Bevölkerung billigere Arznei geben zu können. Die Pharmafirmen schäumen und fürchten, das Beispiel könnte Schule machen. Die US-Firma Abbott hat aus Protest jetzt die Anträge auf Zulassung neuer Medikamente in Thailand zurückgezogen. Auf der Strecke bleiben die Kranken.

Auch Indonesien will billigere Pillen

Das Dilemma ist alt: Gesundheitsbehörden wollen die bestmögliche Arznei für ihre Patienten, Pharmafirmen wollen ihre Mittel nach den Millionen-Investitionen in Forschung und Entwicklung teuer verkaufen. Zu teuer, findet etwa die thailändische Regierung. Auch in Indonesien regt sich Widerstand: Die Regierung will keine Proben des Vogelgrippevirus mehr weitergeben, aus Sorge, eine Firma könnte daraus ein Medikament entwickeln und dann für teures Geld verkaufen.

Thailand ist nun als erstes großes Land - 65 Millionen Einwohner - in die Offensive gegangen. Der Gesundheitsminister setzte Anfang des Jahres die Patente für drei Aids- und Herzmedikamente aus. Betroffen sind Abbott und die französische Firma Sanofi-Aventis. Für deren bislang patentgeschützte Medikamente sind jetzt billigere Kopien erlaubt. Bei einem nationalen Notstand ist dies erlaubt nach den Regeln der weltweiten TRIPS-Abkommens zum Patentschutz, doch sehen Pharmafirmen in Thailand den Notstand nicht. Vielmehr sieht Abbott Laboratories darin reine Willkür. Sie zog Anträge auf Zulassung von sieben neuen Medikamenten in Thailand zurück. Die Menschen haben damit keine Chance, in den Genuss vielversprechender neuer Mittel gegen Aids, Arthritis, Bluthochdruck und Nierenversagen zu kommen.

"Patente müssen geschützt werden"

"Das ist einfach grausam", sagte der Direktor der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Thailand, Paul Cawthorne, dem "Asia Wall Street Journal". "Das wirft ein schlechtes Licht auf die multinationalen Konzerne." Unter dem Titel "Menschen sind wichtiger als Patente" macht die Organisation mit einer Online-Petition gegen die Pharmaindustrie mobil.

Die argumentiert mit hohen Kosten. "Arzneimittel zu entwickeln ist hoch riskant und man weiß nie, ob etwas dabei herauskommt", hält der internationale Pharmaverband IFPMA fest. "Patente müssen geschützt werden, damit sichergestellt ist, dass die Gewinne wieder in die Erforschung neuer Medikamente gesteckt werden können."

Die mächtige Industrie zieht immer den Kürzeren

In der mit Bildern von Todkranken und Hungernden emotional geführten öffentlichen Debatte zieht die mächtige Industrie immer den Kürzeren. Konzerne mit Milliardengewinnen gelten als Buhmann, der Arme aus Profitgier sterben lässt. So stimmt das nicht: viele Firmen geben in armen Ländern schon Medikamente zum Selbstkostenpreis ab. Vor allem in Afrika sind auf diese Weise Aids-Medikamente in Umlauf, die sich weder Patienten noch Gesundheitsbehörden sonst leisten könnten. Auch Abbott stellt sein Aids-Medikament nach eigenen Angaben in Thailand für ein Drittel des US-Preises zur Verfügung.

Grundsätzlich pochen die Firmen aber auf den Patentschutz, der ihnen für einen gewissen Zeitraum das Monopol und damit die Lizenz sichert, die Mittel weit über dem Herstellerpreis zu verkaufen. Damit sollen die Entwicklungskosten wieder reingeholt werden, und natürlich ein Gewinn für die Investoren.

Ein Preisgeld für ein effektives Mittel

Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat jetzt ein radikal neues System zur Entwicklung von Medikamenten vorgeschlagen, die vor allem in armen Ländern benötigt werden: Ein Preisgeld, von Regierungen finanziert, für die Firma, die ein effektives Mittel produziert. Die Höhe solle sich danach richten, wie viele Menschen davon profitieren. Das Know-how soll aber allen zur Verfügung gestellt werden.

Christiane Oelrich/DPA DPA

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