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Briefmonopol ade: Die Sparkassen-Post

Ende des Jahres muss die Deutsche Post ihr Briefmonopol aufgeben. Die Konkurrenz steht schon in den Startlöchern: In einer Siegener Sparkasse können die Kunden seit September ihre Briefe von der PIN Group befördern lassen - statt gelb ist nun grün angesagt.

Von Matthias Lauerer

Wer Briefe oder Pakete durch Deutschland oder in ferne Länder verschicken will, der geht auch im Jahr 2007 noch zur nächsten Filiale der gelben Post. So wie schon in den Jahrzehnten davor. Doch am 31. Dezember 2007 wird alles anders: Dann endet das formelle Teilmonopol der "Deutsche Post AG" für Briefe. Im Zuge dieser Liberalisierung scharren die privaten Mitbewerber schon unruhig mit den Hufen, oder stürzen sich in Pilotversuche. So lockt seit Samstag in einer Siegener-Sparkassen-Filiale der neue Service des Post-Mitbewerbers, der "PIN Group AG". Die Postfiliale in der Hauptstelle der Sparkasse Siegen wurde am 1. September 2007 pünktlich um zehn Uhr als lokales Pilotprojekt in deren Geschäftsgebiet eröffnet. stern.de hat sich das Treiben der grünen Post einmal vor Ort angesehen.

Grüne Post in rot-weißer Sparkasse

Sonnendurchflutet und wie neu wirkt die Sparkassen-Filiale in der Morleystraße. Kunden kommen und gehen über die edlen, grauen Marmorplatten und erledigen mal schneller und mal langsamer ihre Bankgeschäfte. Nichts besonders zu sehen. Wenn, ja wenn, da nicht der große, hellgrüne Balken in der hinteren, rechten Hallen-Ecke wäre. Er schockt farblich in der sonst in Sparkassen-typisches weiß-rot getauchten Filiale. "PIN Mail" steht auf dem Balken. Darüber dann der rote Balken der Sparkasse. Und darunter ein großes Büro mit weißen Raffrollos vor den sauberen Scheiben.

Am kleinen Verkaufstresen, der mit TFT-Monitor, Marken und Info-Material bestückt ist, warten zwei Mitarbeiterinnen auf neue Kunden. Doch ihre Pause ist nur kurz. Schon löst sich ein älterer Herr aus dem Menschenstrom und steuert auf die PIN-Mitarbeiterinnen zu. "Kann ich damit Briefe wirklich überall hin in Deutschland schicken?" Christine Thiel bejaht die Frage. Heute ist ihr zweiter Arbeitstag. Dabei hatte die Bankerin zuvor 14 Jahre regulär in der Bank gearbeitet. Und weil sie "ihre Arbeitszeit um 50 Prozent erhöhen wollte", das Angebot "supertoll fand" und "den Kundenkontakt liebt" wurde aus der Bankerin Thiel nun die "PIN"-Mitarbeiterin Thiel. Gemeinsam mit sieben Kolleginnen arbeitet sie hier im Schichtbetrieb. Sechs sind Bank-Angestellte, nur zwei wurde extern eingestellt.

Drei Cent billiger als die Post

Noch legen Kunden im Laufe dieses Montagnachmittags häufig spontane Pausen am bisher unbekannten Stand ein. Und Fragen, ob, und wenn ja wie, hier der Postversand so klappt. Thiel kennt die drängenden Fragen schon und beantwortet sie freundlich und gebetsmühlenartig. Schon steht ein neuer Kunde vor ihr. Er fragt nachdem Preisunterschied bei Briefmarken. "Es dürfte finanziell zumindest günstiger sein", findet Hans-Uwe-Fritz, der jetzt seine Post-Premiere bei "PIN" feiert und Briefmarken kauft. Heute hat der Kölner Geschäftsmann nur wenige Briefe bei sich. Doch er kann sich einen Wechsel zum neuen Anbieter durchaus vorstellen.

Es ist interessant zu beobachten, wie die eher ländliche Kundschaft auf das neue Grün im gewohnten roten Sparkassenbereich reagiert. Vom zögerlichen Griff nach den dünnen Prospektchen, bis hin zur wohlüberlegten Adhoc-Abgabe von 75 DIN-A4 Briefen: die drei Cent weniger pro Brief haben es den Siegenern angetan. Der normale Brief kostet hier 52 Cent, statt 55 Cent wie bei der "Deutschen Post AG". Der orthografisch bei "PIN" falsch als der "Der Grosszügige" titulierte DIN-A4-Grossbrief ist für 1,42 Euro, statt 1,45 Euro zu haben. Nachteil: Pakete und Päckchen können nach Aussage von Mitarbeiterin Thiel "vorläufig nur deutschlandweit" ausgeliefert werden. Die "normale Briefpost" wird jedoch "in Europa und weltweit ausgeliefert."

Die ersten Marken landeten schon bei Ebay

Trotzdem ist auch der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Siegen, Wilfried Groos, 49, stolz auf das Projekt: "Wir haben uns bereits vor einem Jahr überlegt, wie wir unsere Stärken ausspielen können. Wir wollten, dass die Menschen auf einem Weg zwei Geschäfte erledigen können." Und das tun diese doch recht fleißig. Denn bereits am ersten Tag wurden über 1400 Briefe frankiert. Darunter jedoch auch viele von Briefmarken-Sammlern, die sich den Ersttags-Stempel nicht entgehen lassen wollten.

So erzählt man sich hier unter den Mitarbeitern schon die Geschichte des resoluten Mannes um die 60, der extra für das bunte Marken-Papier mit der Bahn von der Nordseeküste anreiste. Andere ließen sich ihre Briefe mit den neuen Briefmarken von Marketingleiter Harald Grieper, 57, persönlich unterzeichnen. Der wunderte sich dann, als diese bei "Ebay" auftauchten. Ärgerlich, da Grieper die Unterschriften im Treu und Glauben gegeben hatte. Er war es auch, der die neue Briefmarke entwarf. Auf ihr steht in weißer Schrift das Wort "Gut". Darunter dann das Sparkassen-Logo mit einem kleinen Barcode. Auf der rechten Marken-Seite dann das Logo des Versenders mit Slogan "Schick es grün."

Die Post kommt mit der Morgenzeitung

50.000 Marken lagern nun im Sparkassen-Keller. Ein Schmankerl für Sammler wie "PhilliWilli". Am heutigen Morgen war einem Bieter die "Pluskarte PIN Mail Privatpost 1.9.07 Siegen Plusbrief" schon 1,99 Euro Wert, und das bei einer Restlaufzeit von viereinhalb Tagen. Die Marken können auch bei anderen Pilot-Versuchen eingesetzt werden. Doch von einem Testlauf spricht man hier in Siegen bereits nach nur zwei Tagen nicht mehr: "Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie wir es ausdehnen werden." Da ist sich Groos sicher.

Deshalb plant er schon jetzt neue Poststellen in allen 43 Filialen der Siegener Sparkasse bis Ende des Jahres 2008. Denn für die Mannen von der grünen Post spricht ein weiterer Vorteil: sie locken mit einem in der Bundesrepublik bislang unbekannten Service. Die Post wird im Nahbereich bereits am nächsten Werktag von den Zeitungsboten der "Siegener Zeitung" in deren Zustellbezirk zugestellt. Schließlich ist seit einigen Wochen das Zeitungshaus an der "PIN Mail Siegen" beteiligt, welches wiederum ein Tochterunternehmen der Luxemburger "PIN Group AG" ist. So wird die Post bundesweit nach demselben Prinzip durch die regional eingebundenen 50 Zeitungsverlage zugestellt.

Grüner Gegenwind

Spannend: Kann dabei die "Deutsche Post AG" mithalten? Denn als Beispiel hatte diese doch ihr Filialnetz in den Jahren von 1993 bis 2005 von 21.000 auf 12.600 reduziert, wie der Onlinedienst "heise.de" vermeldete. Und vielleicht werden alle bisherigen Kunden der gelben Post schon 2008 über die Neuerungen im Postbereich staunen, die der Fall des Monopols so mit sich bringen könnte.

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