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Deutsche Telekom: Operation am Herzen

Nach langem Tauziehen bekam die Deutsche Telekom einen neuen Chef: René Obermann löste Kai-Uwe Ricke ab. Die Probleme des Konzerns wurden damit nicht kleiner: Aktionäre und Mitarbeiter machten gleichermaßen Druck.

Von Johannes Röhrig

Es gibt Sätze, die holen einen schneller ein als gedacht: Wir müssen zeigen, dass die Deutsche Telekom für Zehntausende keine Arbeit mehr hat, verkündete Kai-Uwe Ricke einst und setzte auf Stellenabbau. Nun hat die Telekom tatsächlich keinen Job mehr - für Ricke.

Nach langer Hängepartie entzog der Aufsichtsrat dem Konzernchef das Vertrauen. Zum Schluss hatte Ricke alle gegen sich aufgebracht: Kleinaktionäre, den Groß-Anteilseigner Staat, amerikanische Finanzinvestoren, Beschäftigte und Gewerkschaft. Als Nachfolger rückte René Obermann an die Spitze, der zuvor das Mobilfunkgeschäft der Telekom leitete. Der eine, Ricke: kollegial, zögerlich und am Ende ohne diplomatisches Geschick. Der andere, Obermann: entscheidungsstark und bestimmend. Einige nennen den 43-jährigen Jungmanager "Bulldozer".

Ricke fehlte die Strategie

Es war nicht nur eine Charakterfrage, die den einen scheitern und den anderen emporkommen ließ. Ricke, der den Konzern vier Jahre geleitet hat, konnte zwar die Schulden senken. Doch ihm fehlte eine Strategie. Dabei kriselt es gewaltig bei der Telekom: Im traditionellen Telefongeschäft laufen die Kunden weg. Der Mobilfunk wächst nur noch im Ausland. Und auch im Internetgeschäft hatte Ricke den Wettbewerb unterschätzt. Seine letzte Hoffnung war wohl, mit starken Tönen auf Kosten der Arbeitnehmer zumindest die Aktionäre auf seine Seite zu ziehen.

Fast 120.000 Stellen hat die Telekom seit ihrer Privatisierung 1995 abgebaut. Ricke war das noch nicht genug, Wettbewerber kommen mit weniger Beschäftigten aus. So verschob die Telekom zunächst Zehntausende in eine konzerneigene Auffanggesellschaft - für viele der Weg in die bezahlte Beschäftigungslosigkeit. Dann rang Ricke den Gewerkschaften einen weiteren Plan zum Stellenabbau ab: 32.000 Menschen sollen bis 2008 den Konzern verlassen. Seine letzte Idee: Nun sollen 45.000 Beschäftigte in zwei neue Firmen ausgelagert und niedriger entlohnt werden.

"Klinikärzte verdienten weniger als Telekom-Telefonisten"

In einem internen Papier rechnet die Telekom ihren Angestellten vor, dass ihre Gehälter im technischen Service um satte 20 Prozent über denen bei Siemens liegen. In Callcentern, einer Branche, in der viele von Tarifverträgen nur träumen, lägen die Telekom-Bezüge gar 50 Prozent über Niveau, so die Aufstellung. Selbst Klinikärzte verdienten weniger als Telekom-Telefonisten - und das "nach zwei Dienstjahren (8 Jahre Ausbildung!!)".

Die Konzernspitze drohte, die Meisten der 45.000 Menschen könnten nur weiterbeschäftigt werden, wenn sie auf Lohn verzichteten. Intern will die Telekom die Callcenter- und andere technische Leistungen "zu Marktpreisen" abrechnen. Im Klartext: Die beiden neuen Servicefirmen könnten mit den heutigen Personalkosten direkt in die Pleite gesteuert werden. "Ricke hat versucht, am offenen Herzen zu operieren, ohne den Kreislauf zu stabilisieren", sagt Verdi-Bundesvorstand und Telekom-Aufsichtsrat Lothar Schröder. Über die massenhafte Jobverschiebung müsse jetzt erst mal gesprochen werden, sagte ein anderer Aufsichtsrat.

Millionen Kleinaktionäre hoffen

Die Telekom mit ihren sich widersprechenden Interessengruppen zu führen ist kompliziert: Millionen Kleinaktionäre hoffen auf eine Erholung der T-Aktie und fordern satte Dividenden. Der US-Finanzinvestor Blackstone (Anteil: 4,5 Prozent) drängt auf einen radikalen Konzernumbau. Und der Staat mit fast 32 Prozent der Aktien will alles auf einmal: Kursgewinne, sinkende Telefonpreise für die Kunden und Beschäftigung für fast 170000 Angestellte und Beamte, die noch in Deutschland bei ihr arbeiten.

Shootingstar Obermann wird umdenken und Konzern-wachstum verstärkt im Ausland suchen müssen. Pläne dazu gibt es: Nach stern-Informationen würde die Telekom gern in den brasilianischen Mobilfunkmarkt einsteigen, wenn die Telecom Italia ihre Beteiligung dort wie angekündigt verkauft. Intern wird bereits berechnet, was das kosten darf. Als T-Mobile-Chef hat Obermann schon in den USA bewiesen, dass er einen neuen Markt aufrollen kann.

Ganz nach Wunsch der Großaktionäre lief der Wechsel an der Telekom-Spitze übrigens nicht. Zunächst suchte man einen "Elder Statesman", der Jung-Karrierist Obermann zwei Jahre begleiten sollte. Das Problem: Es fand sich niemand, der als Coach für so kurze Zeit mitgespielt hätte.

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