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Deutsches Kapital: Mein Wald, mein Haus, mein Land

Was kostet Deutschland? Der stern hat den genauen Wert der Republik beziffern lassen. Das Ergebnis: Selbst alle Staatsfonds der Welt zusammen könnten bestenfalls Mecklenburg-Vorpommern erstehen. Rolf-Herbert Peters hat Menschen besucht, denen wichtige Teile Deutschlands schon jetzt gehören.

Armut ist keine Schande auf dem Kiez. Reichtum aber auch nicht. An diesem nasskalten Novembertag säuselt eine wuchtige Limousine die Große Freiheit hinauf und macht Halt vor dem Nachtclub Safari. Ein alter Mann arbeitet sich aus dem Mercedes. Es ist Hamburgs bekanntester Multimillionär: Willi Bartels, der "König von St. Pauli". Alle hier schätzen den 92-Jährigen, von der Putzfrau bis zum Luden. Alle mögen ihn, respektieren seinen Erfolg. Seit der Nachkriegszeit hat Bartels eine Immobilie nach der anderen hochgezogen: Bars, Restaurants, Hotels, Wohnungen. Hans Albers zählte zu seinen illustren Stammgästen. So besitzt er nun einen der kuriosesten und berühmtesten Flecken der Republik.

Mit Trippelschritten begibt sich der Kiezmonarch durch die plüschigen Sitzgruppen zu Hans-Henning Schneidereit. Der Safari-Betreiber, 78, ist Bartels ältester Mieter. 1964 blieb er als Wirt hier stecken, nachdem er seine komplette Heuer bei den Amüsierdamen gelassen hatte. Die Senioren plaudern von alten Zeiten und vom großen Geld, das sie gemacht haben. Sie schmunzeln über die sechziger Jahre, als die Tänzerinnen merkwürdigerweise rasiert werden mussten, weil Schamhaare behördlich verpönt waren. Als jeder auch ungewollt erigierte Penis eines Darstellers gleich ein saftiges Bußgeld nach sich zog. Tempora passata. Das Safari mit seiner Live-Act-Bühne ist heute ein erstklassig besuchtes Bumslokal. Und Bartels ist stolz auf sein Rotlichtviertel. Genauer: Er war es. Der König von St. Pauli starb wenige Tage später - kurz nach Einweihung seines letzten Millionen-Investments, des gigantischen Hotels Empire Riverside. Der Mensch geht, das Eigentum bleibt: Bartels hat sein Vermögen seinem Sohn vererbt.

Absonderliches in der Staatsschatulle

8,9 Billionen Euro würde Deutschland kosten, wenn es jemand kaufen wollte. Die Deutsche Bundesbank hat die Zahl für den stern aus ellenlangen Tabellen berechnet. Sie beschreibt das Volksvermögen, also die Summe sämtlicher Sach- und Finanzvermögen von Staat, Unternehmen und Privatleuten minus aller Schulden. Eine unvorstellbare, aber auch beruhigende Zahl: Denn selbst wenn sämtliche Staatsfonds der Welt ihr Geld zusammenlegten - das wären rund 2,3 Billionen Euro -, könnten sie kaum mehr erwerben als Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Und wer will das schon?

Absonderliches fand stern-Redakteur Peters beim Stöbern in der Staatsschatulle. So zählen zum Bundesbesitz, der von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee verwaltet wird, nicht nur 53350 Kilometer Autobahnen und Bundesstraßen mit einem Wert von 180 Milliarden Euro, sondern auch 7300 Kilometer Wasserwege, 23000 Quadratkilometer Küstenmeer, 400 Schleusen, 300 Wehranlagen, vier Schiffshebewerke, acht Sperrwerke, 1300 Brücken und 1100 Kilometer Dämme. Aber auch die Mäuseturm-Insel im Rhein bei Bingen sowie das künstliche Eiland Minsener Oog östlich von Wangerooge gehören dem Bund. "Ich bin selbst überrascht, was alles zu uns zählt", wunderte sich Tiefensee nach der Recherche.

Mit dem Golfbuggy durchs Firmengelände

Die Suche nach außergewöhnlichen Menschen, denen ein Stück Deutschland gehört, führte Peters kreuz und quer durch die Republik, ja durch die ganze Welt. Er sprach mit amerikanischen Gläubigern, die einen Teil der insgesamt 1,5 Billionen Euro Staatsschulden finanzieren. Er traf chinesische Investoren. Er kontaktierte Millionäre, Adelige, Häuslebauer, Aktionäre und Kleinsparer. Zu den beeindruckendsten Terminen zählte der Besuch bei Elisabeth Schaeffler, Eignerin des Walzlagerweltmarktführers INA Schaeffler. Die Dame mit dem Wiener Charme und einem Vermögen von rund 5,5 Milliarden Euro ließ sich wegen einer Verletzung mit einem Golfbuggy durch das fränkische Firmengelände fahren, um anhand glücklicher Mitarbeiter und glänzender Maschinen zu erläutern, wozu Eigentum ihrer Meinung nach verpflichtet.

Als unterhaltsamster Kandidat entpuppte sich Norbert Feldhoff, Domprobst von Köln, Ex-Finanzchef der Kirche und Großonkel von Schauspielerin Mariele Millowitsch. In einem luftigen Bauaufzug hievte er das stern-Team hinauf auf das Langschiff der Kathedrale. Hier, hoch oben über seinen Schäfchen, gefiel es dem Gottesmann besonders gut. Pausenlos sprudelten Anekdoten aus ihm heraus. Eigentum der Kirche? Für ihn ein Randthema: "Ich war 30 Jahre lang Generalvikar des Erzbistums Köln und habe ehrlich niemals gewusst, wie viel Quadratmeter wir besitzen." Überraschenderweise zögerten viele andere Bürger, sich mit ihrem Eigentum ablichten zu lassen. Besonders ängstlich gaben sich Blaublüter: Deutschlands führender Waldbesitzer zum Beispiel, Albert Fürst von Thurn und Taxis, ließ gestelzt mitteilen, dass "seine Durchlaucht Ihrer Anfrage nicht näher treten möchte." Wissen's, der Neid…

Völlig spaßfrei präsentierten sich die angelsächsischen Finanzinvestoren, die unter anderem den größten privaten Wohnungsbestand innehaben: Keine der Heuschrecken gab dem stern auch nur ein Interview. Obwohl es eine gute Gelegenheit gewesen wäre, das ramponierte Image aufzubessern. Eine alte ökonomische Weisheit erhielt so einen neuen Sinn: Kapital ist scheu wie ein Reh.

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