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ELEKTRO: Siemens-Aktionäre milde gestimmt

Trotz Flaute und Gewinneinbruch wurde von Aktionärsseite nur milde Kritik an Siemens-Boss Pierer geübt. Der versprach dafür wieder deutlich steigende Gewinne.

Die Siemens-Aktionäre haben trotz eines Gewinneinbruchs im vergangenen Jahr nur milde Kritik an Deutschlands größtem Elektrokonzern geübt. Verglichen mit vielen kleineren Hightech-Schmieden hat sich der Industriegigant Siemens noch wacker geschlagen, lautete das Urteil der meisten Aktionärssprecher auf der Hauptversammlung in München. Konzern-Chef Heinrich von Pierer stellte ihnen deutlich steigende Gewinne für das laufende Jahr in Aussicht. So sorgten nur das gebeutelte Netzwerkgeschäft ICN und die geplante Streichung von 20.000 Stellen für Missstimmung in der Münchner Olympiahalle.

Gute Positionierung gelobt

»Der Konzern hat sich ein strenges Fitnessprogramm auferlegt, das ohne die schlechteren wirtschaftlichen Eckdaten auch hätte erreicht werden können«, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, früher eine der schärfsten Kritikerinnen Pierers. Für die Zukunft sind die Geschäftsfelder des Unternehmens gut gerüstet, lobte die Aktionärsvertreterin bei der Hauptversammlung, zu der 9.500 der rund einen Million Siemens-Aktionäre gekommen waren. Auch andere Redner lobten die breite Aufstellung des Konzerns. Das Unternehmen tischte für sie bei der Mammutveranstaltung unter anderem 13.000 Würstltöpfe, 6.000 Fleischpflanzerl (Frikadellen) und 25.000 Tassen Kaffee auf.

Netzwerksparte macht Probleme

Düster sieht es zum Kummer von Anteilseignern wie Unternehmensführung allerdings bei den Netzwerken aus. Frohe Botschaften konnte Pierer hier nicht präsentieren. Weil Telefongesellschaften und Firmen weniger in Telefonnetze investierten und zudem weniger Handys verkauft wurden, hatte das Geschäftsgebiet IC 1,2 Milliarden Euro Verlust gemacht. Der Bereich stecke weiter in den roten Zahlen, eine höherer Nachfrage ist derzeit nicht in Sicht. Die Restrukturierung des Bereichs muss womöglich noch einmal forciert werden.

Mobilfunkgeschäft erholt sich

Besser läuft es dagegen wieder im Mobilfunkgeschäft, für das sich Kleinaktionäre wie Analysten stets ganz besonders interessieren. Auch bei der Hauptversammlung verzichtete Pierer nicht darauf, wie schon bei früheren Gelegenheiten ein Siemens-Handy in die Höhe zu halten und über seine Qualitäten zu schwärmen. Pierer deutete an, dass im ersten Quartal des Geschäftsjahres wie geplant neun Millionen Mobiltelefone verkauft wurden. Auch deshalb kam der Mobilfunk-Bereich ICM, der im abgelaufenen Geschäftsjahr einen operativen Verlust von 307 Millionen Euro erzielte, im ersten Quartal wieder nah an die Gewinnschwelle heran. Pierer konnte den Aktionären zudem von einem neuen Großauftrag der Deutschen Telekom berichten, die jüngst für Auslandstöchter bis zu zwei Millionen Siemens-Handys orderte.

Gehaltverzicht aus Solidarität gefordert

So blieb als Hauptkritikpunkt der massive Stellenabbau. Siemens darf bei der Personalpolitik nicht nur auf kurzfristige Ergebnisverbesserungen zielen, sagte Wolfgang Niemann als Vertreter der Belegschaftsaktionäre. Er forderte, dass der Vorstand als Solidarbeitrag auf einen Teil seines Gehalts verzichten soll.

Stellenabbau womöglich nicht abgeschlossen

Pierer wehrte sich gegen den Eindruck, dass Siemensim Übermaß Stellen abbaut. »Ich verstehe die Sorgen der Mitarbeiter sehr«, sagte er. Konjunkturelle Schwierigkeiten können noch durch Flexibilität aufgefangen werden. Wenn es aber strukturelle Probleme gibt, ist es aber manchmal notwendig, Kapazitäten abzubauen. Daher ist es auch nicht ausgeschlossen, dass auf die Mitarbeiter noch weitere schlechte Nachrichten zukommen.

Rückgang im ersten Quartal

Im ersten Quartal gingen die Ergebnisse der operativen Siemens-Bereiche laut erster Einschätzung im Vorjahresvergleich zurück. Konkret hatte Siemens ohne Infineon im ersten Quartal 2001 noch 1,18 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen gemacht, im vierten Quartal dagegen 130 Millionen Euro Verlust. Genaue Eckzahlen kündigte Pierer für den 23. Januar an. Im Geschäftsjahr 2000/01 hatte der Siemenskonzern einen Gewinneinbruch erlitten. Das Ergebnis ging von 8,9 auf 2,1 Milliarden Euro zurück. Der Umsatz wuchs um 15 Prozent auf 82,3 Milliarden Euro. Von Infineon wird sich Siemens vollständig trennen und dabei auch unkonventionelle Wege wie Aktientausch gehen. Derzeit hält Siemens noch 41,3 Prozent an dem Halbleiterhersteller. Die jüngsten Aktienverkäufe heben bereits das Ergebnis im ersten und im zweiten Quartal an.

US-Geschäft auf dem Prüfstand

Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche plant von Pierer auch alle US-Bereiche einem strengen Gewinncheck zu unterziehen. Grund: In den USA machte der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr mit seinen 109 Geschäftsfeldern bei 20 Milliarden Euro Umsatz 603 Millionen Euro Verlust. 35 Geschäftsfelder mit drei Milliarden Euro Umsatz, darunter Automations- und Elektronikzulieferer, stecken in der Krise. Zwölf Geschäftsfelder wurden in den vergangenen Wochen bereits »geschlossen oder verkauft«, sagt Klaus Kleinfeld, US-Chef von Siemens. Geschäfte mit sieben Milliarden Euro Umsatz stehen, wie ein Siemens-Manager formuliert, »unter starker Beobachtung«. Dazu gehört neben dem defizitären Telekommunikationsgeschäft auch Siemens VDO.