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Raumfahrt: Wie Technik Träume wecken kann oder: warum Elon Musk seinen Tesla ins All schoss

Unternehmer Elon Musk ist mit dem geglückten Start der mächtigsten Rakete der Welt nicht nur ein PR-Coup gelungen. Er zeigt auch, wie Technik wieder Träume wecken kann.

Von Frank Ochmann

Elon Musk schießt Tesla ins All: Geglückter Start der "Falcon Heavy"

Historisch: Elon Musks roter Tesla mit "Starman"-Puppe über der blau-weißen Erde

Er musste seine Fantasie nicht sehr strapazieren, um vor dem ersten Testflug der "Falcon Heavy" mit dem Schlimmsten zu rechnen. "Da war in meinem Kopf dieses Bild einer gigantischen Explosion. Ein Rad hüpfte die Straße hinunter, und mit einem dumpfen Schlag landete irgendwo das Logo von Tesla", sagte Elon Musk, Chef des Elektroautobauers Tesla und des Weltraumunternehmens SpaceX, nach dem Start. Nicht nur die derzeit mächtigste, aber halt noch unerprobte Rakete der Welt stand auf dem Spiel – Musk riskierte auch einen roten Tesla Roadster, den er zur Nutzlast erkoren hatte. Richtung Mars sollte das Cabrio im Idealfall fliegen. Doch sicher war nicht mal, ob es auch nur ein paar Meter weit kam. Die insgesamt 27 Düsen der Rakete könnten derart synchron zu rütteln beginnen, so eine Befürchtung, dass sie auseinanderreißen würde. Auch der enorme Luftwiderstand, den das 70-Meter-Geschoss beim Aufstieg überwinden musste, war gefährlich. Es gab jedenfalls genügend mögliche Fehlerquellen, die den Traum vom All mit einem Knall beenden konnten. Er würde es darum schon als Erfolg werten, sagte Musk, wenn die Rakete ihre Rampe überhaupt verlassen würde.

Synchronlandung: Nur Minuten nach dem Start setzten die wiederverwendbaren Hilfsraketen in Florida auf

Synchronlandung: Nur Minuten nach dem Start setzten die wiederverwendbaren Hilfsraketen in Florida auf

Ob so viel Bescheidenheit echt war oder nur die Spannung für Millionen Schaulustige steigern sollte? Egal. Denn was das weltweite Publikum vergangene Woche zu sehen bekam, war ein Spektakel ohnegleichen. Die Bordcomputer der Rakete und auch die technischen Systeme, die sie kontrollierten, lieferten einen Start wie aus einem animierten Werbevideo. Unter Getöse schob sich die "Falcon Heavy" kerzengerade aus Feuer und Rauch in die Höhe, trennte planmäßig die seitlichen Hilfsraketen ab und hatte schon nach ein paar Minuten den Weltraum erreicht.

"Falcon Heavy" ist viel mehr als ein Werbegag

Was die eingebauten Kameras dann auf den blau-weißen Planeten darunter übertrugen, war zweifellos ein Coup für das Marketing: Tiefrot glänzte der Lack des Tesla Roadster, während David Bowies Lied vom "Life on Mars" die Vision hinter der Show aufscheinen ließ. "Starman", eine Puppe im Raumanzug, saß am Steuer des Cabrios und schien versonnen in das tiefe Schwarz des Alls zu blicken, das nun für die nächsten zig Millionen Jahre vor ihm lag. Keine PR-Agentur hätte sich die Szene packender ausdenken können. Und zweifellos war das ja auch als gewaltiger Popularitätsschub für SpaceX und den Autobauer Tesla gedacht.

Doch der erfolgreiche Start der "Falcon Heavy" ist viel mehr als ein Werbegag. Er markiert eine Zeitenwende in der über 60-jährigen Geschichte der Raumfahrt. Was einmal als die Aufgabe von Staaten oder gar den Vereinten Nationen gesehen wurde, ist nun endgültig in privater Hand. Nicht die Nasa, nicht Russen oder Chinesen haben die größte Rakete der Welt, sondern ein Unternehmen namens SpaceX. Und dem geht es nicht mehr nur um das schon jahrzehntealte kommerzielle Satellitengeschäft. Der 46-jährige Elon Musk, der aus dem südafrikanischen Pretoria stammt, tritt auch an, um der Nasa und allen staatlichen Weltraumorganisationen zu zeigen, was es heutzutage heißen kann, Pionier zu sein und zu fremden Welten aufzubrechen.

Raumwunder: Der Tesla als Nutzlast zeigt, wie groß die Ladebucht der "Falcon Heavy" ausfällt

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Wer erinnert sich heute noch an die Anfangsjahre der Raumfahrt? An die Euphorie der ersten bemannten Mondumrundung Weihnachten 1968 und an die grauen, verwaschenen Bilder, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin ihre Füße in den Mondstaub setzten? Jeder Start einer "Saturn V" – der einzigen Rakete, die auch heute noch eine "Falcon Heavy" übertrumpfen könnte und einst von derselben Startrampe aus aufstieg – zog Millionen in den Bann. Als aber die Mondlandungen Anfang der 1970er Jahre zur Routine geworden waren, ging das Interesse der Öffentlichkeit wie der Geldgeber schnell verloren.

Mit den ersten Flügen des Spaceshuttle lebte ab Anfang der 1980er Jahre die Faszination wieder auf. Und auch Missionen zur Internationalen Raumstation ISS, über die ab Juni der Deutsche Alexander Gerst für einige Monate das Kommando übernehmen soll, finden zumindest noch kurzzeitig ihr Publikum. Aber was ist eine wieder und wieder um die Erde kreisende Raumstation, eine Konstruktion von verbundenen Röhren und Sonnensegeln, gegen die Aussicht, neue Welten zu besuchen?

Sein Ziel sei es, sagt Musk, den Menschen "multiplanetar" zu machen. So krönt sein Credo die Website von SpaceX: "Du willst am Morgen aufwachen und denken, dass die Zukunft großartig wird – das ist alles, um was es einer raumfahrenden Zivilisation geht. Es geht um den Glauben an die Zukunft und daran zu denken, dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit. Und ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als hinauszugehen und unter den Sternen zu sein."

Von Elon Musk geht ein Funke der Begeisterung aus

Man mag das für schwülstig halten, gar für realitätsfern angesichts all der irdischen Probleme von Krieg und Armut in vielen Teilen der Welt bis zum Klimawandel. Doch ein solches Manifest strahlt Begeisterung und Optimismus aus und wirkt für nicht wenige ansteckend. Rund 7000 Beschäftigte arbeiten heute schon für SpaceX, und beim Start der "Falcon Heavy" wirkten ihr Jubeln und Johlen "typisch amerikanisch". Doch ihre Gefühle verbanden sich mit denen von Zehntausenden, die wieder einmal an den um Cape Canaveral liegenden Stränden auf einen Raketenstart warteten. Das Bild erinnerte an Mondfahrtzeiten vor 50 Jahren. Und vielleicht ist ja das neben den technischen Errungenschaften die herausragende Leistung. Die altersschwache Nasa wurde durch Etatkürzungen und administrative Winkelzüge immer wieder in die Knie gezwungen. Von Elon Musk und seinen interplanetaren Plänen aber geht ein Funke der Begeisterung aus. Und der kann offenbar auch die Jungen, die keine Erinnerung an die Mondlandung haben, entflammen.

Visionär: Elon Musk hofft auf eine baldige Besiedlung des Erdnachbarn Mars

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Wer sich davon überzeugen will, braucht sich nur bei Twitter einzuloggen: Wellen der Bewunderung ziehen sich seit dem Start durchs Internet, auch von Freudentränen ist die Rede. Bei allem Elend, das sonst die Nachrichten dominiert, tut es vielleicht vielen einfach gut, wenigstens für einen Moment glauben zu dürfen, "dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit".

Natürlich schlagen Puristen aus der Heldenzeit der Raumfahrt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie den Werbetrubel sehen, der den Start der "Falcon Heavy" umgibt. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein Augenzwinkern erlaubt, und es darf Spaß machen, Pionier zu sein. Als allerdings US-Präsident Donald Trump versuchte, die Leistung von SpaceX zu vereinnahmen und auf Twitter die "amerikanische Genialität" pries, wurde er von Usern daran erinnert, dass Elon Musk aus einem der von Trump kürzlich beleidigten "Dreckslochländer" in Afrika stammt.

Zum Mars also. Und auf schnellstem Wege. Allerdings, so wurde jetzt bekannt, wird den nicht eine "Falcon Heavy" antreten, wie das einmal geplant war. Dieser Raketentyp wird auch nicht zwei Menschen um den Mond herumfliegen, was eigentlich Ende dieses Jahres oder etwas später geschehen sollte. Musk will vielmehr sein Raketensortiment konzentriert und zügig erweitern.

Zukunftstraum: Eine komplett autarke Stadt – wie hier in der Animation – soll einmal auf dem Mars entstehen

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"BFR" heißt derzeit jene Rakete, die alle bisherigen weit in den Schatten stellen wird, auch die Mondrakete "Saturn V". Gebaut wird an dem Giganten von mehr als 100 Metern schon eifrig. Die Abkürzung stehe für "Big Fucking Rocket", erklärte Musk bei einer ersten Präsentation. Offiziell und jugendfrei sprechen SpaceX-Mitarbeiter heute allerdings von "Big Falcon Rocket". Und die "BFR" soll es schließlich sein, die Menschen nicht nur wieder zum Mond, sondern noch vor 2030 auch zum Mars befördert. Ziemlich sicher bevor Nasa-Astronauten dort ankommen.

Etliche geheime Satelliten sollen bald in die Erdumlaufbahn

Die "BFR" wird wie die gesamte Trägerpalette von SpaceX wiederverwendbar sein. Beim ersten Start der "Falcon Heavy" hatte viele die präzise Rückkehr der Hilfsraketen fast mehr beeindruckt als das Cabrio im All. Am Recyceln will Musk schon deshalb festhalten, weil es die Preise drückt. 90 Millionen Dollar kostet es derzeit bei SpaceX, fast 64 Tonnen Nutzlast in einen erdnahen Orbit zu schießen. Die Konkurrenz von Boeing und Lockheed Martin, die als "United Launch Alliance" noch bis vor zwei Jahren zumindest die staatlichen Aufträge weitgehend für sich hatte, verlangt für halb so viel Ladung angeblich bis zum Zehnfachen.

Fähre: So soll die obere Stufe einer Rakete vom Typ "BFR" einmal auf dem Mars landen

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Ein Kunde jedenfalls wartet schon sehnsüchtig – und der will gar nicht zum Mars: das US-Militär. Etliche sehr schwere und sehr geheime Satelliten sollen bald hinauf in die Erdumlaufbahn. Doch erst jetzt bietet sich dafür die Chance. Allerdings muss die "Falcon Heavy" vor lukrativen Militäraufträgen, wie sie der Vorgänger "Falcon 9" derzeit schon erledigt, zunächst ihre Verlässlichkeit beweisen. Denn die oft viele Hundert Millionen teuren Späher dürfen nicht auf eine Rakete, bei der keiner so recht weiß, ob sie vielleicht schon auf der Rampe explodiert.

Elon Musk hat sein Interesse an derartigen Militäraufträgen bereits signalisiert. Denn er ist nicht nur ein Visionär, er muss auch Geld verdienen, viel Geld. Gerade erst hat Tesla einen Rekordquartalsverlust präsentiert. Die "Falcon Heavy" könnte jedenfalls deutlich schneller profitabel werden. Und bei der Ladung zeigt sich Musk nicht wählerisch: "Es ist Sache des Kunden, was er hochschießen will."

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