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Enron-Prozess: Es geht um Gier, Macht und Schuld

Bis vor seinem Zusammenbruch 2002 war Enron der größte Energiekonzern der Welt. Heute denken die meisten Amerikaner bei "Enron" nur an Betrug und rücksichtslose Bereicherung. Am 30. Januar beginnt der Prozess in Texas.

Der Name des einst größten Energiehandelsunternehmens der Welt, das vor vier Jahren so spektakulär zusammenbrach, ist heute synonym für die Exzesse und Bilanzskandale, die die amerikanische Geschäftswelt in den letzten Jahren erschüttert haben. Am 30. Januar beginnt vor Gericht in Houston (Texas) die große Abrechnung. Auf der Anklagebank: die beiden ehemaligen Bosse des Unternehmens, Kenneth Lay und Jeff Skilling. Die Ankläger wollen die beiden als ruchlose Betrüger entlarven, die aus Macht- und Geldgier Investoren, Aktionäre und Mitarbeiter belogen.

Null Toleranz für Wirtschaftskriminelle

Die US-Regierung hat eigens eine Enron-Taskforce mit Dutzenden Anwälten gegründet, um - nach Überzeugung der Verteidiger - ein Exempel zu statuieren: Null Toleranz für Wirtschaftskriminelle. Die langjährigen Haftstrafen für andere gefallene Bosse wie WordComs Bernard Ebbers und Tycos Dennis Kozlowski haben gezeigt, dass auch von den Geschworenen kaum Milde zu erwarten ist.

Wer aber glaubt, die drakonischen Strafen für andere hätte die beiden einstigen Enron-Spitzenmanager verzagen lassen, irrt. Lay und Skilling haben den Kampf ihres Lebens angekündigt. Die beiden sehen sich völlig zu Unrecht in der Beklagten-Rolle. Enron hatte zwar die prekäre Finanzlage des Unternehmens lange verschwiegen, weil Schuldenberge in dubiosen Partnerschaften versteckt worden waren - doch sei das alles ganz legal gelaufen, sagen Lay und Skilling.

Finanzchef ist Kronzeuge der Anklage

Ihr Problem: 16 ehemalige Manager haben sich schon schuldig bekannt, zuletzt Chefbuchhalter Richard Causey, der eigentlich mit Lay und Skilling zusammen auf der Anklagebank sitzen sollte. Der einstige Finanzchef Andrew Fastow, dem Lay die Schuld an illegalen Machenschaften in die Schuhe schiebt, ist einer der Kronzeugen der Anklage. Und Enron-Managerin Sherron Watkins schrieb im August 2001 an Lay: "Ich bin unglaublich nervös, dass wir in einer Welle von Bilanzskandalen untergehen" - das war vier Monate, bevor diese Befürchtung Wirklichkeit wurde.

Kenneth Lay (63) hat etwas Großväterliches an sich. Markenzeichen des promovierten Ökonomen waren ein breites Lächeln und ein fester Handschlag. In Houston war er bei Wohltätigkeitsveranstaltungen eine feste Größe. Bei den Republikanern auch. Präsident George W. Bush nannte den großzügigen Wahlkampfspender "Kenny-Boy". "Ich wusste damals nichts, was mir Grund zu dem Verdacht gab, das irgendetwas nicht stimmte", sagt Lay.

Skillig trieb Konzernumbau voran

Skilling (52) fanden dagegen viele Ex-Mitarbeiter arrogant und unberechenbar. Der Absolvent der Harvard Business School gilt als Architekt des Umbaus der einstigen Pipelinefirma in eine der aggressivsten Handelsfirmen der Welt. Er war hinter Lay elf Jahre die Nummer zwei, ehe er im Februar 2001 selbst Chef wurde. Sechs Monate später ging er abrupt, aus "persönlichen Gründen", wie er sagte. "Ich wusste nichts von unsachgemäßen Finanztransaktionen, um Schulden zu verstecken oder die Einnahmen aufzubauschen", sagte er.

Zwei Monate nach seinem Abgang musste die Firma plötzlich unerwartet einen Verlust für das 3. Quartal einräumen. Plötzlich wurden die Riesenschulden deutlich. Investoren bekommen kalte Füße, neues Geld blieb aus und Enron musste am 2. Dezember Gläubigerschutz beantragen. Investoren verloren Milliardenbeträge, zehntausende Angestellte die Jobs und die meisten ihre gesamten Betriebspension. Lay und Skilling, die zwischen 1998 und 2001 zusammen 300 Millionen Dollar verdient haben sollen, lassen sich von den besten Anwälten vertreten. Skilling hat nach Informationen des "Wall Street Journal" schon 23 Millionen Dollar für die Dienste von Daniel Petrocelli hingeblättert. Der Anwalt stellte kürzlich einen Antrag bei Gericht auf Freigabe eingefrorener Skilling-Vermögen.

Christiane Oelrich/DPA / DPA