Finanzkrise "Rennen, retten, fluchen"

Die Schieflagen von Hypothekenanbietern häufen sich, am Kreditmarkt geht es turbulent zu, der Dow Jones legte eine Achterbahnfahrt hin - bei den New Yorker Händler liegen die Nerven blank. Einer kommt groß raus: US-Notebankchef Ben Bernanke wird als "Rockstar" gefeiert.
Von Jens Korte und Heike Buchter, New York

Händler brüllen in ihre Telefone, fluchen, rennen ineinander. Dutzende scharen sich um die "Posts" der Spezialisten, den Ständen der Kursmarkler, wo die Aktien gehandelt werden. Sie überschreien sich gegenseitig, um ihre Order zu plazieren. Ausnahmezustand auf dem New Yorker Parkett: US-Notenbankchef Ben Bernanke hat überraschend den Diskontsatz gesenkt und die Reaktion der Marktteilnehmer hat eine Flut von Aufträgen für die Parkettbroker ausgelöst. Als der Dow Jones Index, das Barometer der US-Schwergewichte, in den ersten Minuten 320 Punkte abhebt, ist Bernanke der Held des Tages. Einen "Rockstar" nennen ihn einige sogar. Der Seufzer der Erleichterung ist am Freitag fast hörbar an der New York Stock Exchange (NYSE). Die Nerven liegen blank, seit Tagen erleben die Börsianer eine Achterbahnfahrt wie in Jahrzehnten nicht mehr. Die Kursausschläge sind so scharf wie seit vier Jahren nicht mehr. John Thain, der Vorstandschef der NYSE, patrolliert täglich über das Parkett, normalerweise läßt sich der Börsenboss nur selten unter den Brokern blicken.

Black Thursday

Noch sitzt der Schock vom Donnerstag in den Knochen der Wall Street: Der Dow Jones stürzte im Tagesverlauf 340 Punkte ab - und fiel damit genau um zehn Prozent unter das Allzeithoch vom 19. Juli von 14.000 Zählern. Die Anspannung auf dem Parkett ist deutlich spürbar. "Tödlich", schüttelt Broker den Kopf, während er die auf breiter Front fallenden Kurse auf den Monitoren verfolgt. "Häßlich", kommentiert ein anderer. "Jetzt fängt es an, weh zu tun", sagt Teddy Weisberg, der für seine Brokerfirma Seaport Securities seit mehr als 30 Jahren auf dem Parkett steht. "Das ist Fun", grinst dagegen ein Kollege, der lieber nicht genannt werden will. Die mitgebrachten Lunchpakete bleiben ungeöffnet, nach Essen steht hier niemand der Sinn. Als der Markt vier Minuten vor der Schlußglocke kurz ins Plus dreht, bricht Jubel aus. Mit nur 15 Punkten im Minus kann der Dow den "Fear Factor"-Donnerstag beenden. Die verschwitzten Händler lockern die Krawatten und werfen ihre Jacketts in die Ecke.

"Endlich Freitag!"

Auf sie sind so viele Order eingeströmt wie nie zuvor: Die NYSE meldete bereits zum zweiten Mal innerhalb von nur acht Tagen ein Rekordhandelsvolumen. Allein am Donnertag wechselten 2,9 Mrd. US-Aktien am "Big Board" - wie die New York Stock Exchange an der Wall Street genannt wird, - die Hände. Das Volumen im August - eigentlich in der Regel ein ruhiger Börsenmonat - lag laut NYSE Group 110 Prozent über dem des vergangenen Jahres. Anders als beim Einbruch am 27. Februar dieses Jahres, als der Dow Jones nach einem Einbruch der chinesischen Märkte um 416 Punkte einbrach, funktionieren die Systeme trotz der Hochtouren bisher reibungslos. Nach dem Crash von 1987 hat die NYSE so genannte "Trading Curbs" eingeführt. Damit soll ein Dominoeffekt durch Computerhandelsprogramme verhindert werden, bei dem Kursverluste immer weitere automatisierte Verkaufsorder auslösen. Die "Trading Curbs" schränken den Programmhandel ein. Fast täglich hat die NYSE in der vergangenen Woche diese Notbremse gezogen.

Mit 233 Punkten geht der Dow Jones am Freitag aus dem Markt. Damit ist der Dow Jones nach sechs Handelstagen erstmals wieder im Plus. "TGIF - Thank god it's Friday!" - verabschieden sich die Broker. Endlich ist die Woche vorüber.

FTD

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