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Fluggastrecht Passagier versetzt - Fluggesellschaft zahlt


Wer als Passagier am Boden sitzen gelassen wird, kann seine Airline ab sofort kräftig zur Kasse bitten. Der Haken: Fliegen könnte wegen der höheren Entschädigungssummen teurer werden.

Ab 17. Februar gilt eine neue Verordnung der Europäischen Union, die versetzten Flugreisenden höhere Entschädigungen als bisher zugesteht. Ist ein Flug überbucht, stark verspätet oder wird er kurzfristig annulliert, kann der betroffene Reisende zwischen 125 und 600 Euro Schadenersatz verlangen - oft mehr, als ein Billigticket kostet. Außerdem müssen sich die Gesellschaften um Ersatz- und Rückflüge, notwendige Übernachtungen, Verpflegung und Benachrichtigungen kümmern - für Linien- wie für Charterkunden.

"Jetzt gibt es keine Ausreden mehr für Airlines", sagt Sybille Kujath, Rechtsreferentin des Europäischen Verbraucherzentrums (EVZ). Die Rechtslage innerhalb der EU sei nun eindeutig geregelt. Niemand müsse sich mehr von "wenig entgegenkommenden Airlines" abwimmeln lassen. Während sich die großen Fluglinien stets kulant zeigten, habe so mancher Billigflieger Beschwerden bislang "gern abgebügelt".

"Bleibt nur zu hoffen, dass die Neuregelung auch diszipliniert", sagt Beate Wagner, Reiseexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Regelmäßig überbuchte Flieger oder verlegte Flugzeiten seien "zum Teil schon zur richtigen Seuche" geworden.

Fluggastrecht noch an Ort und Stelle einfordern

Wer künftig nicht wie geplant innerhalb der EU abheben kann, sollte seine neuen Fluggastrechte noch an Ort und Stelle einfordern, raten die Verbraucherschützer. Die Airlines müssen ihre Kunden künftig über die neuen Rechte informieren. Im Detail ist folgendes vorgesehen:

Bei Überbuchung und kurzfristiger Annullierung: Ist der Flieger voll, muss die Gesellschaft zuerst Fluggäste suchen, die freiwillig gegen eine Leistung auf den Platz verzichten. Wer rechtzeitig zur Abfertigung da war, aber am Boden bleiben muss, kriegt entweder den Flugpreis zurück oder einen Ersatzflug.

Zusätzlich steht dem Betroffenen eine Extra-Entschädigung zu, abhängig von der Länge der Flugstrecke und Dauer der Verspätung. Bei Flügen bis 1500 Kilometer sind 250 Euro fällig (125 Euro, wenn sich die Ankunft um nicht mehr als zwei Stunden verzögert), bei Distanzen zwischen 1500 und 3500 Kilometern zahlt die Fluglinie 400 Euro (200, wenn man nicht mehr als drei Stunden später landet). Bei Langstreckenflügen gibt es 600 Euro (300, wenn man nicht mehr als vier Stunden verspätet ankommt).

Wichtig zu wissen: Niemand muss sich mit einem Reisegutschein abspeisen lassen. "Das ginge nur mit schriftlichem Einverständnis des Fluggastes", so Kujath. Die Entschädigung sollte in bar, per Überweisung oder Scheck angeboten werden.

Verbesserungen gibt es auch bei längeren Wartezeiten. Verschiebt sich der Start je nach Strecke um zwei bis vier Stunden, müssen Mahlzeiten und Erfrischungen sowie zwei Telefongespräche, Telex, Fax oder E-Mails kostenlos angeboten werden. Wird eine Übernachtung fällig, muss sich die Fluggesellschaft um ein Gratis-Hotel inklusive Transfer kümmern. Ab fünf Stunden Verzögerung können Passagiere verlangen, dass ihre Tickets komplett rückerstattet werden. Oder dass sie umgebucht werden.

Keine Entschädigung muss gezahlt werden, wenn dem Reisenden mindestens zwei Wochen vorher die Annullierung des Flugs mitgeteilt wurde.

Fliegen könnte teurer werden

Unter Experten wird damit gerechnet, dass die höheren Entschädigungssummen so manche Airline in Zukunft eine mächtige Stange Geld kosten dürften. Fliegen könnte deshalb womöglich teurer werden. Während die Billiganbieter eher das Schadenersatzproblem bei Verspätungen drückt, dürften den Liniengesellschaften die neuen Folgekosten bei Überbuchen Kopfzerbrechen bereiten. Von großen Netzwerk-Fluglinien ist bekannt, dass sie ihre Maschinen regelmäßig um etwa 15 Prozent überbuchen, um die Zahl der so genannten "no shows", also der ausbleibenden Passagiere, abfedern zu können.

Nach außen zeigen sich die meisten Unternehmen aber unbeeindruckt. "So riesige Änderungen gibt es nicht, wir waren schon immer kulant und werden es auch bleiben", betont Lufthansa-Sprecher Bernd Hoffmann. Positiv sei, dass jetzt alle Anbieter "gleichermaßen betroffen" seien.

"Das Problem der Überbuchung stellt sich bei uns nicht", versichert Matthias Burkhard von Germanwings. "Wir werden unsere Preispolitik nicht ändern, nichts erhöhen." Auch Peter Hauptvogel von Air Berlin versichert: "Bei selbst verschuldeten Verspätungen bleiben wir weiter kulant."

Was Air Berlin - wie viele andere Mitbewerber auch - jedoch fürchtet, ist, dass sie künftig auch bei unverschuldeten Verspätungen haften müssen. Etwa infolge von Streik, Wetterlage oder Bombendrohung. "Damit sind wir nicht einverstanden, da ist bei Verspätung mehr drin als für den Flugpreis bezahlt wurde", kritisiert Hauptvogel. Einige Luftfahrtgesellschaften reichten beim Europäischen Gerichtshof bereits Klage ein.

Die neue Verordnung bleibt davon aber zunächst einmal unberührt. "Wer ein Problem mit dem Schadenersatz hat, kann sich ans Europäische Verbraucherzentraum, www.evz.de, wenden", rät Kujath. Die Hilfe bei einer außergerichtlichen Lösung sei kostenlos.

Berrit Gräber/AP AP

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