Flugzeug-Zulieferer Baukasten mit Triebwerk, Teppich, Toilette

Flugzeugbauer vergeben immer mehr Aufträge an Zulieferer. Die liefern mittlerweile alles vom Waschraum bis zur Bordelektronik - Firmen wie Airbus müssen dann aber dafür sorgen, dass die Einzelteile zusammen funktionieren.

Das Airbus-Sanierungsprogramm "Power8" hat die Diskussion um die Fertigungstiefe bei dem Flugzeughersteller neu angefacht. Ob ein System vom Zulieferer kommt oder bei Airbus und Boeing selbst gefertigt wird, ist aber nicht nur das Thema von Sanierungsprogrammen. Die Kooperation zwischen Hersteller und externen Spezialisten ist seit Jahren etabliert.

Schon die JU-52 brummte mit Fremdantrieb

So ist zum Beispiel die Motorenfertigung seit Jahrzehnten Domäne von Spezialherstellern. Schon an der legendären Junkers Ju-52 brummten Antriebe von BMW, heute hängen Antriebe von Pratt & Whitney, Rolls-Royce oder General Electric an den Tragflächen von Airbus und Boeing. Das Triebwerk kommt direkt an die Montagelinie - wo zum Beispiel Rolls Royce die Komponenten für seine Antriebe einkauft, ist dem Flugzeughersteller egal.

Ähnlich ist der Trend jetzt auch bei anderen Baugruppen. "Airbus will komplett integrierte Waschräume kaufen und nicht noch mit den Herstellern von Beleuchtung, Toilettenbecken oder Rauchmeldern einzeln verhandeln", beschreibt Arndt Schoenemann, Geschäftsführer der Firma Dasell. Das Unternehmen aus Hamburg zählt weltweit zu den Marktführern bei Entwicklung und Fertigung von Flugzeugwaschräumen. "Die Konsolidierung wird weitergehen", beschreibt Schoenemann die Entwicklung bei den Ausrüstern.

Komplette Waschräume von Airbus

Die Zulieferer aus Deutschland fertigen aber nicht nur Waschräume. So ist zum Beispiel der Liebherr-Konzern einer der führenden Hersteller von Antriebssystemen für die Flugzeugsteuerung oder zeichnet für die Klimatechnik verantwortlich. Beim Sitzhersteller Recaro entwickeln und fertigen nach Angaben des Unternehmens rund 900 Mitarbeiter Sessel für Flugzeuge. Recaro und Liebherr sind Beispiel dafür, dass zahlreiche Zulieferer neben dem Geschäft in der Luftfahrt auch in anderen Branchen aktiv sind - oder dort den Großteil ihres Umsatzes machen. Recaro ist ebenso Spezialist für Autositze, Liebherr stellt unter anderem Kühlschränke oder Kräne her.

Die hohe Kompetenz oder das billige Angebot eines Zulieferers sagen aber noch nichts darüber aus, ob das System auch im Flugzeug wunschgemäß funktioniert. "Bei einem Waschraum haben sie fast zehn Schnittstellen zu anderen Systemen", beschreibt Schoenemann. Die Rauchmelder in den WC-Räumen zum Beispiel dürfen nicht die anderen Systeme im Flugzeug durcheinanderbringen. Außerdem ist der Platz im Rumpf extrem begrenzt. "Wir müssen uns da an Platzvorgaben der Hersteller orientieren", erklärt Schoenemann.

Alles muss mit allem reibungslos funktionieren

Die Integration aller Systeme ist Hauptaufgabe von Airbus oder Boeing. Damit hängt zum Beispiel auch zusammen, wer später für Reklamationen geradesteht. Fällt zum Beispiel bei einem viermotorigen Jet ein Triebwerk aus, bekommen die Passagiere davon unter Umständen gar nichts mit. Versagt dagegen die Toilettenanlage, sind die Auswirkungen drastisch. Ärgerlich ist auch der Ausfall des Unterhaltungssystems oder der Verstellmechanismen beim komfortablen Schlafsessel. "Da gibt es schon Kunden der ersten Klasse, die sich dann direkt beim Airline-Vorstandschef beschweren - und der gibt dann mit Sicherheit den Ärger an Airbus und die Zulieferer weiter", sagt Schoenemann.

Um die Systeme von Spezialisten wie Dasell zu integrieren, setzen Flugzeughersteller und Zulieferer auf digitale Simulations- und gemeinsame Konstruktionsprogramme. "So können wir schon zu einem recht frühen Zeitpunkt abschätzen, wo es zu Problemen kommt", sagt Schoenemann.

Zwischen den Stühlen

Obwohl es für viele Flugzeugkomponenten nur zwei oder drei Speziallieferanten gibt, ist die Konkurrenz zwischen diesen ebenfalls hart. "Wir sitzen zwischen dem Hersteller, der günstig einkaufen will und müssen natürlich auch mit unseren Lieferanten zurechtkommen", beschreibt Schoenemann die Position der Zulieferer. Damit die Arbeitsplätze in Deutschland langfristig konkurrenzfähig bleiben, sind nach Einschätzung des Dasell-Geschäftsführers vor allem neue technische Ideen gefordert.

Die deutschen Anbieter hätten hohe Kompetenz beim Thema Kabinenausrüstung und profitieren hier auch von der stärkeren Konkurrenz der Fluggesellschaften untereinander. "Die Kabine ist Visitenkarte und Wettbewerbsfaktor, mit dem sich die Fluggesellschaften voneinander unterscheiden. Entsprechend hoch ist die Innovations- und Investitionsbereitschaft."

Heiko Stolzke/DPA DPA

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