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Foodwatch kritisiert Etikettenschwindel Diese Schweinereien sind tatsächlich erlaubt


Ob Seelachsaufstrich ohne Lachs oder Geflügelwürstchen mit Schweinespeck: Foodwatch beklagt Verbrauchertäuschung mit System - und fordert eine Abschaffung der zuständigen Kommission.
Von Daniel Bakir

Die Wahrheit hat bei Lebensmitteln meistens zwei Seiten: Vorne hat sie ein schönes Etikett mit leckerem Geschmacksversprechen - und hinten eine Zutatenliste. Nicht immer passt beides zusammen. So kann man, wenn vorne Rindfleisch oder Geflügel draufsteht, nie sicher sein, ob in den Zutaten nicht doch auch Schweinefleisch auftaucht. Und manchmal ist das, was vorne abgebildet ist, sogar überhaupt nicht enthalten. So gibt es Seelachs-Brotaufstrich mit eingefärbtem Lachsersatz, Früchtetees ohne die entsprechenden Früchte oder Zitronenlimonade ohne Zitronensaft.

Weil solche Mogeleien gesetzlich erlaubt sind, spricht die Verbraucherorganisation Foodwatch von "staatlich legitimierter Verbrauchertäuschung". Die Organisation greift mit einer aktuellen Kampagne die Lebensmittelbuch-Kommission an, die mit ihren Leitsätzen festlegt, was unter welcher Bezeichnung in den Handel gelangen darf. In der Kommission sitzen im Auftrag des Bundesernährungsministeriums Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Lebensmittelüberwachung und Verbraucherschaft zusammen. Da für Änderungen der Leitsätze mehr als 75 Prozent der Stimmen nötig sind, können die Wirtschaftsvertreter verbraucherfreundlichere Regelungen de facto blockieren. Das kritisiert auch der Verbraucherzentrale Bundesverband seit Langem.

Foodwatch hält das Expertengremium für zu industrienah und intransparent - und fordert daher dessen Abschaffung. "Im Geheim-Club Lebensmittelbuch-Kommission sitzen die Lobbyisten der Ernährungsbranche mit am Tisch und dürfen im Auftrag der Bundesregierung offiziell mitentscheiden, wie Lebensmittel herzustellen und zu kennzeichnen sind", kritisiert Oliver Huizinga von Foodwatch. "Verbraucher werden durch die teils hanebüchenen Vorgaben der geheim tagenden Kommission immer wieder in die Irre geführt. Es ist höchste Zeit diese staatlich legitimierte Verbrauchertäuschung zu stoppen", so der Experte.

Foodwatch fordert, dass statt der Kommission eine Bundesbehörde wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Leitsätze festlegen soll. Mit einer E-Mail-Protestaktion will Foodwatch nun Druck auf Ernährungsminister Christian Schmidt ausüben.

Immerhin: Die Politik hat das Problem zumindest erkannt. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht, dass die Empfehlungen der Lebensmittelbuch-Kommission sich "stärker am Anspruch der Verbraucher nach 'Wahrheit und Klarheit' orientieren" müssen. Auf Anfrage von stern.de erklärte eine Ministeriumssprecherin, man prüfe derzeit "ergebnisoffen das Deutsche Lebensmittelbuch sowie die institutionelle Verankerung und die organisatorische Aufstellung der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission". Als Grundlage für diese Prüfung will das Ministerium eine Studie in Auftrag geben, für die das Vergabeverfahren derzeit läuft.

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