Gerd Schulte-Hillen Spekulationen um Abgang hören nicht auf


Aufsichtsräte machen im Alltagsgeschäft meist wenig von sich reden, es sei denn, es brodelt im Unternehmen. So auch Bertelsmann-Aufsichtsratschef Schulte-Hillen, der gerade deutlich machte, was er von der Macht der Eigentümer hält.

Aufsichtsräte machen in der Regel im Alltagsgeschäft wenig von sich reden, es sei denn, es brodelt im Unternehmen. Dann schreiben auch sie schon einmal Schlagzeilen, wie jetzt der Aufsichtsratschef der Bertelsmann AG, Gerd Schulte-Hillen. Er ließ öffentlich - in einem «Spiegel»-Interview - wissen, was er von der erstarkten Macht der Eigentümerfamilie Mohn im Hause Bertelsmann hält - und erzeugte damit offensichtlich Missstimmung.

Ständige Spekulationen um seinen Job

Zu Wochenbeginn wurde in den Medien spekuliert, Schulte-Hillen könnte seinen Posten abgeben - Bertelsmann-Dementi. Am Donnerstag legte die «Süddeutsche Zeitung» nach, nur sollte Schulte-Hillen jetzt seinen Aufsichtsratsvorsitz bei der Tochtergesellschaft Gruner + Jahr, Europas größtem Zeitschriftenverlag, aufgeben. Bertelsmann- Reaktion: Hierüber würden Schulte-Hillen und Bertelsmann- Vorstandschef Gunter Thielen in Abstimmung mit den G+J- Gesellschaftern «zum gegebenen Zeitpunkt entscheiden». Schulte-Hillen habe bereits im März 2002 im Rahmen der damaligen Diskussion über einen eventuellen Börsengang angeboten, sein Aufsichtsratsmandat bei Gruner + Jahr zur Verfügung zu stellen. Offiziell läuft sein Vertrag 2005 aus.

Empfehlung an Mohn

Seit mehr als 20 Jahre steht der imposante «Verleger» in Diensten von Gruner + Jahr. Der «preußisch erzogene Westfale», wie er sich selbst beschrieb, brachte mit dem «Spiegel»-Interview den Stein ins Rollen. Schulte-Hillen riet Firmenpatriarch Reinhard Mohn, «bei den großen strategischen Fragen immer unternehmerischer Erfahrung und Kompetenz entscheidendes Gewicht zu geben», und monierte damit den Machtzuwachs von Mohns Ehefrau Liz im Hause.

Mit Matriarchat nix im Sinn

Eine matriarchalisch geführte Familienfirma ist nichts für Schulte-Hillen, selbst Vater von vier Kindern. Er, der in 19 Jahren als Vorstandschef von Gruner + Jahr die Bertelsmann-Tochter zu Europas größtem Zeitschriftenverlag ausgebaut hatte, ließ in Richtung Gütersloh seine Erfahrung sprechen.

Baute Zeitschriftensegement kräftig aus

Aus einer guten Hand voll Zeitschriften wurde unter der Ägide von Schulte-Hillen bei G+J ein ganzer Strauß: von «Stern», «Brigitte» bis «Capital» und «Geo». Von Deutschland aus zog der englisch, französisch und spanisch sprechende Manager in die Welt. Rund 50 im Ausland verlegte Zeitschriften übergab er im Herbst 2000 an seinen Nachfolger Bernd Kundrun. Schulte-Hillen, damals 60, musste sich altersbedingt nach Bertelsmann-Philosophie in die Aufsichtsräte zurückziehen.

Karriere mit "Kratzern"

Nach dem Studium von Maschinenbau und Betriebswirtschaft war Schulte-Hillen 1969 als Assistent der Geschäftsleitung bei der Bertelsmann-Tochter Mohndruck eingestiegen, vier Jahre später leitete er die G+J-Druckerei, acht Jahre später den Hamburger Verlag. Eine Karriere mit Kratzern: 1983 musste Schulte-Hillen eine bittere Erfahrung machen, als das G+J-Aushängeschild «Stern» die gefälschten Hitler-Tagebücher veröffentlichte. Dieser Belastung hielt der verantwortungsbewusste Manager aber stand. Auch der Eintritt ins Zeitungsgeschäft blieb nicht ohne Blessuren, als das Boulevard-Blatt «Hamburger Morgenpost» wegen roter Zahlen wieder abgestoßen wurde. Im Zuge der Wiedervereinigung baute Pionier Schulte-Hillen den Zeitungsbereich aus, der unter Kundrun wieder zurückgefahren wurde.

Schätzte Diskussionskultur

Schulte-Hillen schätzte die «lebendige Diskussionskultur» mit Chefredakteuren und Mitarbeitern. Dies sei Voraussetzung für interessante Blätter, sagte er. Und so ließ er 2000 bei G+J den Aufsehen erregenden Start der täglichen Wirtschaftszeitung «Financial Times Deutschland» zu. Der Manager war sich - Unkenrufen der Branche zum Trotz - sicher, dass die Zeitung ihren Weg machen werde. Sie verkauft inzwischen fast 90.000 Exemplare (IV/2002).


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