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Geschichte: Vor 150 Jahren erste Aktienbank gegründet

Die Wiege des modernen Bankwesens steht wider Erwarten nicht in Frankfurt. Diese Ehre muss die Finanzmetropole dem benachbarten Darmstadt überlassen.

Die Wiege des modernen Bankwesens steht in Darmstadt. Hier wurde vor 150 Jahren die erste Aktienbank in Deutschland gegründet. Am 2. April 1853 erteilte der Darmstädter Großherzog die Genehmigung für die «Bank für Handel und Industrie». In den folgenden Jahrzehnten löste dieses Erfolgsmodell die bis dahin herrschenden Privatbanken ab.

Rotes Tuch für Rothschild

Die großen Bankiers wie Rothschild in Frankfurt erkannten die Gefahr durch die neue Konkurrenz und sperrten sich anfangs dagegen. Im preußischen Staat fanden sie einen Verbündeten. Er vergab keine Konzessionen für diese Art Geldinstitute. «Die Preußen trauten dieser Organisationsform nicht, witterten Betrug und Spekulation», erklärt Martin Müller vom Historischen Institut der Deutschen Bank in Frankfurt. Lange Zeit wurde die Aktienbank deshalb auch als «Spekulationsbank» oder «Zettelbank» bezeichnet.

Kein Hindernis für den Aufstieg

Ihrem Aufstieg hat dies nicht geschadet, denn die neuen Industriebetriebe benötigten Geld, das ihnen die Privatbanken wegen des hohen Risikos verweigerten. Die Kölner Bankiers Gustav von Mevissen und Abraham Freiherr von Oppenheimer erkannten jedoch die Vorteile der Aktienbank, die in Frankreich bereits erfolgreich eingeführt worden war. «Damit konnten sie das Risiko auf mehrere Schultern verteilen», erklärt Müller.

Startbedingung: Bahnausbau

Der Großherzog in Darmstadt knüpfte seine Zusage allerdings an die Bedingung, dass die Bank sich an der Bau der Bahn von Aschaffenburg über Darmstadt nach Mainz beteiligen müsse. Diesem Metier blieben die Investoren auch später verbunden. Sie finanzierten den Ausbau mehrerer Bahnlinien in Süddeutschland, Österreich und Ungarn. In den 70er Jahren mischte die Bank außerdem bei etlichen Industriegründungen mit, etwa der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten AG, der Stollwerk AG und der Degussa.

Wichtiger Impuls

Diesem Erfolg konnten sich die Großbankiers aus Frankfurt nicht lange verschließen. Sie beteiligten sich an der Darmstädter Bank oder gründeten eigene Institute. Bereits 1856 schrieb von Mevissen: «Deutschland, das ein Jahrhundert auf dem Gebiet des Bankwesens gegen Frankreich und England zurückgeblieben war, wird dank dem gewaltigen Impuls, den die Gründung der Bank für Handel und Industrie gegeben, im Laufe schon weniger Jahre die anderen Länder an Zahl und Großartigkeit seiner Bankinstitute überflügelt haben.»

Erste Fusion mit Nationalbank

Nach dem ersten Weltkrieg fusionierte die Darmstädter Bank, die inzwischen nach Berlin übergesiedelt war, mit der Nationalbank. Die daraus entstammende Danat-Bank stieg mit einer Bilanzsumme von mehr als neun Milliarden Mark zur Nummer 2 in Deutschland auf. Doch das Glück währte nur bis 1931. Dann brach der Niedergang der Norddeutschen Wollkämmerei, dem damals größten europäischen Textilkonzern, der Danatbank als Hauptgeldgeber das Genick. Auf Druck der damaligen Reichsregierung wurde sie von der Dresdner Bank geschluckt.

Aktienbank als Universalinstitut

Trotz dieses traurigen Endes hat sich die Vorhersage Gustav von Mevissens erfüllt. Die Darmstädter Bank hat Geschichte geschrieben. Mit ihr hat sich die Bankenlandschaft entscheidend verändert. Gab es Mitte des 19. Jahrhunderts noch mehrere 1.000 Privatbankiers, so sind es heute nach Schätzung von Müller weniger als 100. Die Aktienbank als Universal-Institut, das von Investment bis Kundenkonten alles anbietet, hat sich auf dem europäischen Kontinent durchgesetzt.